Wie dem auch sei, der Abend zum Gedenken an den Brünner Todesmarsch auf der Kellerbühne des Theaters Husa na provázku (Gans an der Schnur) in Brünn am 28. Mai schien das Verdrängte mit voller Wucht in Tanz und Film zu vergegenwärtigen. Das Theaterfest „Theater der ethnischen Säuberung“ bot eine äußerst körperbewegte und sprachlose, „sprachbarrierefreie“ Tanz-Performance „Be Free“ und der Regisseur Tomáš Mìš_an den Dokumentarstreifen „Also Gerta los: Sudetenkomplex fünfmal anders“ dar. Das Theaterfest machte bereits durch Projekte wie die zweisprachige Inszenierung des Stückes „Bildbeschreibung“ von Heiner Müller aus der Ex-DDR oder „Maria Restituta – Krankenhaus am Rande des Reichs“ (über das Leben und die Hinrichtung der mutigen Nonne aus Brünn in der NSZeit) auf sich aufmerksam.
Durch die Zusammenlegung beider Darbietungen etwas irregeführt, konnte man hinter dem Tanz zuerst die Geschichte der Gerta Schnirch aus Kateøina Tuèkovás Roman Vyhnání Gerty Schnirch (Vertreibung der Gerta Schnirch) suchen, was allerdings nicht so ganz hinhauen wollte. (Lauf der Webseite des Theaters ging es tatsächlich um die Geschichte einer anderen Familie.) Würde da eine zumindest skizzierte Erzählung nicht einen Schlüssel zum besseren Verständnis des Ganzen liefern? Ausdrucksstärke und symbolische Kraft, unterstützt durch Vorführung von Zeitdokumenten auf der Leinwand und durch die Musik brutal unterstrichen, kann man dem Aufgeführten jedenfalls nicht absprechen. Die Theatermacher ließen sich – ihren Worten zufolge – bei der Darstellung des martervollen „Fronleichnamszuges“ von der Theatralik der Fronleichnamsprozession anregen.
Der Dokumentarstreifen enthielt etliche Momente der soeben präsentierten Theaterinszenierung des Regisseurs Jiøí Honzírek und ein Interview mit dem jungen Historiker David Kovaøík, der die Autorin Tuèková beim Abfassen ihres Romans mit historischem Wissen und Interpretationen versorgte. Nicht verzichtet wurde ferner auf Interviews mit der Autorin und mit der Brünner Deutschen Maria Schrimpel als Zeitzeugin. Schließlich wurden zwei Hobby-Museumsprojekte, Vojtìch Halámeks Museum des zum Gesetz erhobenen Unrechts in Ivanèice/Eibenschütz und das Kriegsmuseum Sudeten des Allroundtalents Jiøí Maria Sieber, letzteres 2008 in einem ABCLuftschutzkeller in Most/ Brüx eröffnet, in den Film eingebaut. Auch Zeitdokumente und Requisite fanden Eingang. Im Großen und Ganzen gibt der Film ein Zeugnis davon, wie das Interesse an der tabuisierten Thematik von der Basis her, abseits staatlich geförderter großformatiger Vorhaben in konkrete Projekte vor Ort umgesetzt wird.
Ein Generalnenner wäre für die Fünfzahl der ziemlich unterschiedlichen Unternehmungen sonst schwer auszumachen. Erst mit der Zeit wird sichtbar, wo der Ernst Ernstzunehmendes schafft oder der sichtliche Drang zur Selbstinszenierung in nur Kuriosem steckenbleibt.
Roman Kopøiva
(24. 8. 2010)