[CNW:Counter]
Besucher seit dem
13. 1. 2008

Kultur

Weltausstellung in Shanghai
Zwischen Deutschland und Tschechien liegen Schweden, Griechenland und Polen – zumindest auf der EXPO in Shanghai. Seit dem 1. Mai präsentieren sich die beiden Nachbarstaaten zusammen mit 240 anderen Teilnehmern im Rahmen der ersten Weltausstellung auf chinesischem Boden.

Shanghai. Für das Reich der Mitte muss es schon eine EXPO der Superlative sein. Mit knappen sechs Quadratkilometern hat die Shanghaier Messe das größte Gelände der 160-jährigen Weltausstellungs- Geschichte und mit erwarteten 70 Millionen Gästen wird sie wohl die am stärksten besuchte werden. „Better City, better Life“ ist das englischsprachige Motto der sechsmonatigen Veranstaltung. Die Aussteller sind angehalten, ihre Visionen einer zukunftsfähigen Stadt zu zeigen. Dass man sich darunter viel und vor allem viel Unterschiedliches vorstellen kann, zeigt ein Besuch des tschechischen und des deutschen Pavillons.

Die Vorstellungen der Deutschen und Tschechen scheinen hierbei erst mal gar nicht so weit auseinanderzuliegen, wenn man sich ihre Pavillons anschaut. Ein bisschen Technik, ein wenig Kultur, historische Höhepunkte und Souvenirs zum Mit-nachhause Nehmen. Das kommt an bei den überwiegend chinesischen Besuchern.

Wie die meisten der Gebäude auf dem Ausstellungsgelände sind auch diese beiden echte Hingucker. Die Außenwand des tschechischen Baus ist mit Eishockey- Pucks verziert, die sich bei längerem Betrachten zum Prager Stadtplan zusammenfügen. Erstaunlich kurz ist die Schlange am Eingang. Während die Besucher für die beliebtesten Pavillons schon mal mehrere Stunden anstehen, gelangen sie in den tschechischen nach wenigen Minuten.

Ganz anders verhält es sich im sehr viel größeren deutschen Haus. „Wartezeiten von zweieinhalb bis drei Stunden sind die Regel. An Spitzentagen müssen sich die Besucher auch mal vier Stunden gedulden“, bestätigt ein Pavillonmitarbeiter. Die so genannte Balancity ist der bisher größte EXPO-Auftritt der Bundesrepublik. Deutschland muss in Shanghai schließlich seinen Ruf als Tugendland gerecht werden.

In dem aus vier Ausstellungskörpern zusammengesetzten gräulich strahlenden Pavillon erwarten die überwiegend chinesischen Gäste 13 verschiedene Bereiche, die einen Querschnitt deutscher Lebensformen und Errungenschaften zeigen. Es gibt eine Vielzahl interaktivere Elemente, anhand derer die Ausstellung erkundet werden kann. Beliebt ist das Posen mit den Klassikern der deutschen Literaturgeschichte oder vor überdimensionalen Postkarten aus allen 16 Bundesländern. Nicht entgehen lassen sollte man sich die Karaoke- Ecke, in der die Besucher deutsche Volkslieder intonieren können. „Im Frühtau zu Berge“, gesungen von einer chinesischen Seniorin, ist gelebter Kulturaustausch wie er im Lehrbuche steht. Was diese Spielereien allerdings mit der zukunftsfähigen Stadt oder wie das deutsche EXPO-Motto lautet mit der „Stadt im Gleichgewicht“ zu tun haben, erschließt sich nur schwerlich.

Ähnlich ergeht es dem Besucher im tschechischen Pavillon. „Die Früchte der Zivilisation“ sollen hier präsentiert werden. Was diese jedoch mit visionärer Stadtplanung gemeinsam haben, ist nicht unbedingt einleuchtend. Hauptattraktion ist die Plakette des heiligen Nepomuks. Eigentlich beheimatet auf der Karlsbrücke zu Füßen des böhmischen Schutzheiligen, spendet sie momentan den EXPO-Besuchern Glück. Prag, das ist auch für Chinesen ein Sehnsuchtsort, von dessen langer Historie sich das geschichtsverliebte Milliardenvolk beeindrucken lässt. Allein 62.000 chinesische Touristen besuchten das Land laut Angabe der Vereinigung tschechischer Reisebüros im letzten Jahr, Tendenz steigend.

Gute Gründe also mit Originalen aus der goldenen Stadt aufzuwarten. Und so ist das Ensemble aus Plaketten und nachgebildeter Nepomuk- Statue ein beliebtes Motiv, vor dem ganze Familien exzessiv für Erinnerungsfotos posieren. Fast genauso begehrt ist ein Foto mit der lebensgroßen Eishockeyspieler- Figur. An mehreren Stellen hängen Zettel mit dem Ergebnis der diesjährigen Eishockeyweltmeisterschaft, scheinbar kann auch der tschechische Sieg zu einer besseren Stadt beitragen. Daneben laufen diverse Imagefilme, die einen Eindruck von Erfindungen und landestypischen Kulturgütern geben sollen. Schon zwei Millionen Besucher haben den tschechischen Bau besichtigt. Ob sie neue Ideen daraus mitgenommen haben oder letztendlich nur einen der begehrten Stempel für den EXPO-Pass, sei dahingestellt, die EXPO ist für die meisten Chinesen eine einmalige Gelegenheit europäische Länder zu besuchen. Dass sie dabei in so kurzer Zeit von Tschechien nach Deutschland reisen können, dürfte der unter Hochspannung stehenden chinesischen Gesellschaft entgegenkommen.

Hannah Synycia
(24. 8. 2010)

© 1999-2009 - Alle Inhalte sind urheberrechtlich geschützt. Sämtliche Beiträge und Bilder dürfen ohne
Genehmigung des Verlages weder vervielfältigt noch in gedruckter oder elektronischer Form verbreitet werden.