Hommage an Andreas Dresen: Der Realist des deutschen Kinos kam mit seinem neuesten Film zum Febiofest nach Prag.
Ein Behandlungszimmer. Ein Ehepaar. Die Diagnose: ein inoperabler, bösartiger Hirntumor. So beginnt Andreas Dresens neuester Film „Halt auf freier Strecke“, der einen todkranken Mann beim Sterben begleitet. Der Film verlangt dem Zuschauer einiges ab – wie meistens bei Dresen.
Der 1963 geborene und noch in der DDR ausgebildete Regisseur scheut sich nicht, schwierige oder tabuisierte Themen anzupacken: Krebs in der Mitte des Lebens, Sex und Liebe im hohen Alter („Wolke Neun“) oder der Überlebenskampf der
Unterschicht („Nachtgestalten“).
Dabei geht es dem Sohn eines Theaterregisseurs und einer Schauspielerin immer um ganz normale Menschen: „Im deutschen Film hat man entweder Interesse an sehr, sehr reichen Menschen oder an gesellschaftlichen Verlierern. Normale Leute sind vielen Filmemachern zu langweilig. Für mich sind gerade ganz normale und durchschnittliche Menschen interessant, denn sie machen den größten Teil unserer Gesellschaft aus, sie tragen unsere Gesellschaft“, sagt Dresen.
Echtes Kino
In seinen hochrealistischen, halbdokumentarisch wirkenden Filmen holt er oft Laienschauspieler vor die Kamera. Auch in „Halt auf freier Strecke“. Die Ärzte, die Sterbebegleiterin, der Pflegedienst im Film sind echt. Es gab auch kein traditionelles Drehbuch, keine festgelegten Dialoge. Die Szenen sind mit den Schauspielern zusammen entstanden. „So schafft man eine Atmosphäre, die sehr nah dran ist am Alltag der Menschen, die im Kinosaal sitzen“, sagt der Regisseur.
In seinem Film geht es ums Sterben, aber auch darum, wie es für die Angehörigen ist, mit einem todkranken Menschen zu leben. Wie kann so ein Leben funktionieren? Wie sieht das Leben einer Familie aus, wenn der Vater im Sterben liegt?
„Es gibt so viele Tote auf den Leinwänden weltweit. Aber da geht es eigentlich nur noch um Quantität, nicht darum, wie so etwas ist, wenn jemand stirbt.“ Für sein Krebsdrama sprach der Filmemacher mit Ärzten, Betroffenen und Angehörigen. Die Darsteller waren in die Vorarbeiten miteinbezogen. Es war keine leichte Zeit. Dresen dachte sogar daran, die Dreharbeiten zu beenden. Aber: „Es ist wichtig, darüber zu sprechen, das Sterben und den Tod in seinen Alltag zu lassen. Es betrifft uns schließlich alle.“
Gegen das Schweigen
Er erzählt von den vielen Briefen Betroffener, die er in Deutschland als Reaktion auf seinen mutigen Film erhielt. Einmal stand nach einer Vorführung eine Frau in einem Kinosaal vor 400 Leuten auf und dankte ihm dafür, dass sie sich nun mit ihrer Krankheit nicht mehr so alleine fühle. Sie litt an demselben unheilbaren Hirntumor wie der Familienvater im Film.
„Nach dem Film fühle ich mich zwar nicht besser vorbereitet auf den Tod aber auf das Leben – das ist das Wichtige“, unterstreicht Dresen. Und genauso endet auch „Halt auf freier Strecke“. Mit einer Öffnung hin zum Leben – dem Tod zum Trotz.
Obwohl die Filme des 49-Jährigen beileibe keine leichte Kost sind, waren etliche Filme Dresens beachtlich erfolgreich an den Kinokassen. Daneben wurden sie mit zahlreichen nationalen und internationalen Preisen ausgezeichnet. Für „Whisky mit Wodka“ erhielt Dresen 2009 den Regiepreis in Karlovy Vary, in Cannes für „Wolke Neun“ den Jurypreis und in diesem Jahr ist „Halt auf freier Strecke“ nominiert für den Deutschen Filmpreis.
Das diesjährige Febiofest in Prag ehrte Andreas Dresen mit einer Hommage. Vier seiner bisherigen 15 Filme wurden gezeigt: „Nachtgestalten“ (1999), „Halbe Treppe“ (2002), „Whisky mit Wodka“ (2009) und „Halt auf freier Strecke“ (2011). Nach dem
Festival in der Hauptstadt touren ausgewählte Filme bis zum 13. April durch acht weitere Städte der
Republik. Auch Dresens „Halt auf freier Strecke“ wird zu sehen sein.
Filme von Morgen
Unterdessen arbeitet der 49-Jährige schon an
seinem nächsten Projekt. Nachdem sein Dokumentarfilm „Herr Wichmann aus der dritten Reihe“ um einen brandenburgischen Landtagsabgeordneten auf der diesjährigen Berlinale Premiere feierte und im Herbst in die deutschen Kinos kommt, schreibt er gerade an einem Drehbuch für einen Kinderfilm. „Im deutschen Fernsehen werden an Weihnachten jedes Jahr die alten tschechoslowakischen Märchenfilme wiederholt, weil die neuen deutschen Kinderfilme so dumm sind. Kinder sind die Zuschauer von Morgen. Mein Traum ist es, für Kinder zu arbeiten.“ Und Dresen hat noch einen Traum, wie er verrät. Der Filmemacher, der
seit 1996 auch auf Deutschlands Bühnen Regie führt, möchte unbedingt einmal Janačeks „Jenůfa“ inszenieren.


