Glas Ost

Farbenspiel im Glasmuseum - Foto: tra

Die Glasherstellung hat in Tschechien eine lange Tradition. Vor einigen Jahren sah es aber ganz danach aus, dass die über 800-jährige Geschichte des Handwerks im Grenzgebiet ihrem Ende entgegen geht.Wie auch andere traditionelle Industriezweige, hatten die Hersteller von Glas mit einer Flut von billigen Produkten aus China zu kämpfen. Die großen Textilfabriken konnten da nicht mithalten, die Glashersteller haben aber mit einer Neuorientierung neue Märkte erschlossen und alte sogar zurückerobert. Das Zauberwort heißt Qualität.

 

 

 

Auf dem Seminar „Morgendämmerung der Glashersteller 2014“ (Sklenářské svítání) des Industrie- und Transportverbandes (Svaz průmyslu a dopravy) stellten nun in Gablonz (Jablonec nad Nisou) bedeutende Vertreter aus Industrie und Kultur ihre Firmen und Glasprojekte vor.

Jaroslav Turnhöfer, Direktor der Glashütte Ajeto in Lindava, einem Stadtteil von Zwickau in Böhmen (Cvikov), konnte für seine Firma volle Auftragsbücher vermelden. Die Hütte, die auf den Grundmauern einer ehemaligen deutschen Samtschneiderei und –färberei des Textilfabrikanten Ignaz Richter errichtet wurde, spezialisiert sich auf die Herstellung von ungewöhnlichen Glasobjekten. Seit 1994 hat sich der Betrieb weltweit einen guten Ruf erworben und zählt nun Künstler und Designer aus der ganzen Welt zu seinen Kunden. Der Erfolg beruht nicht auf einem großen Werbebudget oder Niedrigstpreisen, sondern auf Know-how und Mund zu Mund-Propaganda. Die Jagd nach dem billigsten Angebot scheint der Suche nach einer guten Qualität gewichen zu sein.

Davon profitiert auch die Firma Preciosa Ornela, die vor allem mit Glasperlen gute Umsätze erzielt. Die unscheinbaren Kügelchen aus Sassadel (Zásada) sind ein Exportschlager, der zur Schmuckherstellung in 60 Ländern der Welt genutzt wird. Die Hauptkonkurrenten sitzen auch hier in Asien. Die Qualität der tschechischen Glasperlen, die einem rigorosen Auswahlverfahren in der Produktion unterliegen, das bis zur Hälfte der Perlen wieder zurück in die Schmelze schickt, hat sich aber auch hier herumgesprochen. Damit können die viel billigeren chinesischen Perlen nicht mithalten, betonte Petr Puš, Geschäftsführer und Marketingdirektor dieses Bereichs der Preciosa Gruppe. Neben den Perlen, deren Produktion dank der starken Nachfrage seit 2009 verdreifacht werden konnte, gehören auch Lichtobjekte zum Angebot dieser Traditionsfirma, deren Wurzeln bis zum Jahr 1915 zurückreichen. Lüster aus der Gegend um Gablonz erleuchten heute Casinos, Privatvillen und sogar Kreuzfahrtschiffe aus Bremer Werften. Technische Innovationen, kluges Marketing und eine breite Produktpalette bilden die Grundlage für anhaltenden Erfolg.

Ein etwas anderes Feld bearbeitet die AGC Gruppe. Hier spezialisiert man sich auf Flachglas und seine Anwendungsgebiete. Die neueste Innovation ist antibakterielles Glas mit einer eingebrachten Silberschicht, das in Krankenhäusern und Einrichtungen der Altenpflege Anwendung findet. In Bulgarien ist das Produkt bereits auf dem Markt, in Tschechien wird gerade die Möglichkeit der Nutzung in Krankenhäusern geprüft.

Aber auch erfolgreiche Firmen sind nie wunschlos glücklich. In Gablonz war man sich einig, dass die Politik der Wirtschaft weniger Bürokratie in den Weg legen sollte und dafür mehr Stabilität erzeugen muss. Ständig wechselnde Regierungen in Tschechien und ausufernde EU-Umweltrichtlinien verursachen nicht nur Kosten, sondern stehen auch der Planungssicherheit im Weg. Auch fehlt es an gut ausgebildeten Arbeitskräften der technischen Berufszweige. Ein duales Bildungssystem nach deutschem Vorbild wäre hier sicherlich von Vorteil.

Einen weiteren Aspekt des Umgangs mit Tradition und Moderne der Glasherstellung und -verarbeitung in Tschechien zeigten drei Kulturprojekte auf. Das Zentrum der Glaskunst „Wege des Glases“ (Centrum sklářského uměni – Cesty skla) in Sasau (Sázava) bietet neben einer Ausstellung von Glasobjekten in der ehemaligen Glashütte František auch Kurse und die Möglichkeit, das Erlernte gleich umzusetzen. In modern ausgestatteten Werkstätten können sich Künstler für einen Zeitraum zwischen einem Tag und einem Jahr einmieten und die Einrichtung des Zentrums nutzen. Aber auch Schulklassen sind willkommen, ihr Wissen über die Glaskunst zu erweitern.

Auch in Prag entsteht derzeit ein interaktives Projekt zu tschechischem Glas. Im ehemaligen Gebäude der Živnostenská banka wird das „ZIBA Glass Experience Museum“ eingerichtet. Noch ist die 1 500 Quadratmeter große Ausstellungsfläche nicht gefüllt, die Erlebnisetage nicht aufgebaut und doch ist die erste Ausstellung bereits für das Jahr 2016 geplant. Dann sollen in dem Gebäude auch tschechische Glashersteller ihre aktuellen Produkte zeigen und verkaufen können.

Bereits seit 1904 besteht dagegen bereits das Museum für Glas und Bijouterie (Muzeum skla a bižuterie) in Gablonz. Es ist mit dieser Ausrichtung in ganz Tschechien einzigartig. Der Standort in Gablonz, im ehemaligen Gebäude der Firma Zimmer & Schmidt, ist dabei ganz bewusst gewählt. Hier im Zentrum der Glasherstellung pflegt man gute Kontakte zu den Firmen und kann so stets die Exposition aktuell halten. So ist es auch gelungen, die weltweit größte Sammlung an Modeschmuck zusammenzutragen und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Dazu kommen viele Gussformen aus der langen Geschichte der Glasherstellung im deutsch-tschechischen Grenzgebiet, die auch heute noch verliehen werden – natürlich nur an qualifizierte und berechtigte Hersteller, die keine Kopien alter Formen als ihre eigenen Kreationen verkaufen wollen. Derzeit arbeitet man auch an der Katalogisierung des Schriftbestandes, den man aber schon jetzt abfragen kann.