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Familientreffen in Marienbad

Wirtschaftstagung der Handwerkskammer Niederbayern/ Oberpfalz benennt Probleme und Chancen der Grenzregion.

Wenn die Handwerkskammer Niederbayern- Oberpfalz zu den „Marienbader Gesprächen“ einlädt, so hat das inzwischen den Charakter eines „Familientreff ens“: Man kennt und schätzt sich. Im fünften Jahr desAustauschs zwischen Vertretern von Wirtschaft, Behörden und Institutionen aus Tschechien, Bayern und Österreich aber hat die Familie gewaltig Zuwachs bekommen. Rund 200 Teilnehmer drängen sich in den illustren Räumen des Gesellschaftshauses „Casino“. Und zum ersten Mal sind Deutsche und Tschechen gleichermaßen stark vertreten.

Sie verstehen sich als „Akteure in den Entwicklungslaboratorien der EU“, wie es Ludwig Rechenmacher, Leiter der Abteilung Außenwirtschaft der Handwerkskammer, formuliert. Dieses Labor haben alle vor der Haustür – gemeint ist der grenzübergreifende Wirtschafts- und Lebensraum Westböhmen- Ostbayern. Nach wie vor hat er mit Hemmnissen und Hürden bei Ausbildung und Arbeit, Unternehmeraktivitäten und Verständigung zu kämpfen. Deutlich spürbar wird aber auf der Tagung ein stark gewachsener Wille der „Familienmitglieder“ zur Zusammenarbeit. Links wie rechts der   Grenze treibt sie das Unbehagen vor den Folgen des demografischen Wandels um. Konkret wird dies am absehbaren Mangel an Fachkräften.

Mehr Praxis!
Bereits 2014 werde die Zahl der 15-Jährigen in der Region Pilsen ihren historischen Tiefststand erreichen, sagt Zdeněk Mužík von der dortigen Wirtschaftskammer. Nur neun Prozent der Jugendlichen aber wählen bereits jetzt einen technischen Beruf. Die fachliche Ausbildung wird zugunsten des Studiums vernachlässigt. Mužík macht den Grund dafür in „der Sehnsucht nach einem akademischen Titel vor dem Namen“ aus, die noch aus der Österreichungarischen Zeit stamme. Doch gilt das tschechische Berufsschulsystem bei den Arbeitgebern im Lande selbst als mangelhaft, auch bei den Eltern ist es unbeliebt. In einem Vergleich mit der Ausbildung auf deutscher Seite hat Mužík versucht, Stärken und Schwächen herauszufiltern. Den Ruf nach einem „Dualen System“ vermeidet er dabei, zu sehr sei dies in Tschechien noch ein rotes Tuch. Der Tenor ist dennoch deutlich: Mehr Praxis! Nur ein knappes Drittel der Ausbildungszeit in Tschechien sei für praktische Erfahrungen vorgesehen, bemängelt der Referent, und die müsse sich jeder auch noch auf „eigene Faust“ suchen. Ein anderes Manko: Eine Entlohnung gibt es nicht. In Deutschland dagegen erreiche das Lehrgeld zum Teil das Niveau eines tschechischen  Monatseinkommens. Der Kreis Karlsbad hat sich nun zumindest entschlossen, Berufsschülern ein  Taschengeld zu gewähren.

Ob dies ausreichen wird, ein Ausbluten des Wirtschaftsraumes zu verhindern? Ludwig Rechenmacher hält generell die Probleme im Grenzraum nur für lösbar, wenn sie „da angegangen werden, wo es wirklich unter den Nägeln brennt“. Nur von „unten nach oben“ ließe sich etwas bewegen, lautet das Credo bei den Marienbader Gesprächen – egal, ob es um Sprachvermittlung, Anerkennung von Berufsabschlüssen oder Scheinselbstständigkeit geht. Ganz oben hat sich indes ein neuer Mitspieler angesiedelt: die Europaregion Donau-Moldau, am 30. Juni 2012 offi ziell gegründet. Ihr gehören die Bezirke Pilsen, Südböhmen und Vysočina, die Oberpfalz, Niederbayern, der Landkreis Altötting in Oberbayern, das Land Oberösterreich und das Wald- und Mostviertel in Niederösterreich mit insgesamt sechs Millionen Einwohnern an.

Die neue Europaregion  verstehe sich als Gegenwehr zu den zentralistischen Einfl ssen der Metropolen Prag, Wien und München, erläutert Dr. Günther Knötig, Kontaktmann beim Land Oberösterreich. Die  Stärkung von Arbeitsmarkt, Wirtschaft und Tourismus hat sie sich ebenfalls auf ihre Fahnen geschrieben. Verkehrsachsen, erneuerbare Energien, Kultur, Sprache und Forschung sind weitere Handlungsfelder.

Jahrhundertgeschenk
Doch „unten“ wird das Konstrukt mit Skepsis betrachtet. Die Euregio Egrensis, erste Adresse im Anstoßen und Fördern grenzüberschreitender Projekte, fürchtet in der Europaregion eine Konkurrentin. Kurt Seggewiß, Oberbürgermeister von Weiden, ist ihre Entstehungsgeschichte viel zu politisch motiviert. Das Schlagwort Gegenwehr gefällt ihm nicht. Seggewiß warnt davor, Metropolen und Regionen gegeneinander auszuspielen. „Der Donauraum war schon immer Wirtschaftsraum“, sagt er. „Von diesen geschichtlichen Strömungen sollten wir uns leiten lassen.“ In den kommenden vier Jahren soll sich herauskristallisieren, ob die Europaregion Donau-Moldau den Mehrwert einlösen kann, den sie verspricht. Eine erste praktische Aufgabe gibt ihr Hans Eibauer, Geschäftsführer des Centrums Bavaria Bohemia, mit auf den Weg: Kräftig für die Kulturhauptstadt Pilsen 2015 die Trommel zu rühren. Diese Auszeichnung sei, so Eibauer, ein „Geschenk des Jahrhunderts“.

Die Kultur, sie ist eines der Pfunde, mit denen man grenzüberschreitend wuchern kann. Denn nicht nur Probleme benennen die Marienbader Gespräche, sondern auch einzigartige Besonderheiten. Die schöne Landschaft, Musik und Geschichte werden als Gemeinsamkeiten gerühmt – ganz zu schweigen vom Bier und den Knödeln. Das alles weiß auch der Nachwuchs zu schätzen, der vor dem Plenum erstmals zu Wort kommt. 18 junge Leute – paritätisch ausgewählt – haben sich in einem „Zukunftsatelier“ Gedanken über ihre Vision eines grenzübergreifenden Wirtschafts- und Lebensraumes gemacht. Sehr verschieden von den Vorstellungen der Älteren ist sie nicht. So endet das Familientreffen höchst harmonisch. Im kommenden Jahr soll es noch einmal erweitert werden. Dann wird auch die Slowakei an den Marienbader Gesprächen teilnehmen.

Die Autorin lebt als freie Journalistin in Hof

 

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