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Spaziergang zwischen Flözen

Im größten Bergbaumuseum Tschechiens geht es unter Tage.

 

 

Im ohnehin bedrückend engen Lift geht plötzlich das Licht aus. Unter fast ohrenbetäubendem Knattern und Knarren bewegt sich der Kasten in die Tiefe, in die man durch seinen durchsichtigen Boden blicken kann. Nur der rot aufleuchtende Zähler an der Seitenwand des Lifts durchdringt die Dunkelheit. Als er bei 622 Meter angelangt ist, kommt  der Lift zum Halt. Willkommen unter Tage, willkommen in der Grube Anselm, mitten im mährischschlesischen Kohlebecken. Über Jahrhunderte hinweg sind hier Generationen von Bergleuten täglich so unter Tage befördert worden. Heute,  nachdem der Tagebau in der Region Ostrava (Ostrau) gänzlich eingestellt ist, ist allerdings nur noch die Illusion geblieben. Statt 622 Metern, einst der tiefste Punkt der Grube, fährt der knarzige Lift nur noch etwa 15 Meter tief, in den obersten Stollen, der inzwischen zum Bergbaumuseum Landek Park gehört.
Es ist eine andere Welt, die sich da zusammen mit der schweren Aufzugtür öffnet. Lange, niedrige Stollen sind in der schummrigen Beleuchtung zu erkennen. Gleich links am Eingang kauert ein Mann, ein erstes Exponat. Sein Gesicht und seine Kleidung sind rabenschwarz. Nur mit Hilfe seiner Hände und einfacher Werkzeuge schlägt er die Kohle aus der Erde. „Sechs Stunden pro Tag mussten die Bergleute früher so arbeiten. Manche konnten noch sitzen, viele mussten liegen“,  erzählt Arnošt Fekl, der die Besucher durch die Stollen führt. Fast sein ganzes Leben lang hat er im Bergbau gearbeitet, erst unter Tage, später in der Verwaltung. Mit viel Expertise und dem typisch rauen Ostrauer Humor führt er jetzt Besuchergruppen durch die Mine. „Bitte nicht die Toilette benutzen, die Sie ein Stück weiter vorne rechter Hand finden“, sagt er warnend. Das Exponat, ein riesiger verrosteter Kübel mit einem Loch in der Mitte, lädt allerdings auch kaum zum längeren oder kürzeren Verweilen ein.

Grube mit Geschichte

Die Grube Anselm ist die älteste Kohlemine im Ostrauer Revier. Sie wurde im Jahre 1782 erschlossen und gehörte anfangs dem Erzbistum Olomouc (Ölmütz), das ihr den Namen „Ferdinands Glück“ gab. Der Tiefbau begann allerdings erst 1835, als sich die Bagger immer tiefer in die Erde zu fressen begannen. Im Jahre 1843 erstand der Wiener Bankier Salomon Mayer Rothschild die Grube, der sie dann seinem Sohn Anselm zur Hochzeit schenkte und ihm zu Ehren gleich noch umbenennen ließ. Im 20. Jahrhundert sollte die Grube noch öfter ihren Namen echseln: In der Protektoratszeit hieß sie „Petershofen“, nach dem Krieg 1946 erhielt sie den Namen von Staatsgründer Masaryk und nach dem kommunistischen Putsch 1951 wurde sie nach dem slowakischen Antifaschisten Eduard Urx benannt. Seit der„Samtrevolution“ hört sie aber wieder auf den angestammten Namen Anselm.

"Die Kohle aus der Grube Anselm feuerte vor allem die Hochöfen des Stahlwerks Vítkovice an."


Aber nicht nur die Namen änderten sich, sondern auch die Art und Weise des Kohleabbaus wie auch die  Sicherheitsvorkehrungen unter Tage. Der Kanarienvogel, der noch Anfang des 19. Jahrhunderts die Bergleute vor ihrem größten Feind, dem Methan, warnte, wurde nach und nach durch moderne Technik ersetzt. Genauso wie andere, lebende Helfer der Kumpel. „Im 19. Jahrhundert brachten die Bergmänner noch ihre Kinder mit in die Grube, die die Kohlewagen zogen“, weiß Arnošt Fekl. Später wurden die Kinder dann durch Pferde ersetzt. „Die mussten dann ihr ganzes Leben in der Grube verbringen, im Durchschnitt 15 bis 20 Jahre“, erzählt Fekl. Nur am 4. Dezember, dem Tag der Heiligen Barbara, der Schutzpatronin der Bergleute, durften die Pferde über Tage und auf die Weide. Zu dieser Zeit wurde die Kohle nicht mehr mit den Händen, sondern mit Tiefbau-Baggern abgebaut, wie sie auch heute noch in der Grube Anselm zu sehen und zu hören sind.
Ein wichtiger Meilenstein in der Geschichte der Grube war der Bau des 40 Meter hohen Förderturmes 1915, der auch heute noch stolz in die Höhe ragt. Die Modernisierungsmaßnahmen halfen, immer mehr Kohle aus der Erde zu schaufeln:  Waren es 1899 noch 110 000 Tonnen pro Jahr, so waren diese 12 Jahre später auf das Dreifache und im Jahre 1937 auf knapp 600 000 Tonnen pro Jahr angewachsen. Die energieintensive Stahlindustrie, die in und um Ostrava herum der Industrialisierung diente, war gefräßig. Die Kohle aus der Grube Anselm feuerte vor allem die Hochöfen des Stahlwerks Vítkovice an, das im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts ebenfalls im Besitz der Rothschilds war.

In den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts kam der Kohleabbau nach und nach zum Stillstand. „Man kann eine Kohlemine nicht auf einmal zumachen“, erklärt Arnošt Fekl. Noch bevor der letzte Stollen der Grube Anselm 1991 geschlossen wurde, war die Idee entstanden, hier ein Bergbaumuseum zu eröff nen. Heute ist die Grube Anselm ein kulturelles Denkmal, in dem die Vergangenheit des mährisch-schlesischen Reviers auf sehr anschauliche Weise lebendig erhalten wird. 

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