Unser Autor Jürgen Barteld, Eisenbahner mit Herz und Seele, stellt Ihnen ausgewählte Bahnstrecken im deutsch-tschechischen Grenzgebiet vor, die die beiden Länder (wieder) näherbringen sollen. Diesmal betrachten wir die Strecke Voitersreuth – Bad Brambach, wo einst der Karlex fuhr und es vor 20 Jahren mit EgroNet eine neue Verheißung gab.

Das Frühjahr hatten sich Štěpán Karel Odstričil, der rührige Museumsdirektor zu Franzensbad (Františkovy Lázně), und seine Helfer freilich ganz anders gedacht. Sollte doch der 15. Mai den Startschuss geben für grenzüberschreitende Veranstaltungen zwischen Greiz in Thüringen und dem westböhmischen Kurort, auf den Spuren einstiger Reisekultur. Anlass ist das 155. Jubiläum des Franzensbader Bahnhofs. Dieser ist ein höchst interessanter, zur Kaiserzeit wahrlich durchlauchter Ankunftsort. Nachfolgend war die Station Schauplatz schroffer politischer Wechselzustände. Das entsprechend aufwendige Procedere durch Zoll und Polizei vollzog sich auf dem Richtung Sachsen benachbarten Grenzbahnhof Voitersreuth (Vojtanov). Hier mussten bis in die 1920er Jahre alle Reisenden den Zug verlassen und sich über den abgesperrten Bahnsteig in die Revisionshalle begeben. Danach fanden die Kontrollen im Zug statt.

Nur noch ein Schattendasein

Das stattliche Empfangsgebäude von Voitersreuth mit mittlerweile morbidem Charme lässt die rege Betriebsamkeit all der Jahrzehnte erahnen. Der Schienenverkehr florierte bis Beginn der 1990er Jahre. Als einer der beiden für lange Zeit einzig offiziellen, realsozialistischen Reiseverkehrs-Grenzübergänge (neben Dečin – Bad Schandau) sah Vojtanov – Bad Brambach die imposanten Ex-Züge Karlex und Karola, jeweils von und nach Karlsbad bzw. Berlin/Leipzig. Es dominierte der Güterverkehr, an dem man die RGW-Warenströme ablesen konnte – wie etwa Ganzzüge, beladen mit Wartburg-Automobilen für die ČSSR und Ungarn, modernen „Fortschritt“-Mähdreschern oder Landgroßtechnik des Weimar-Werkes. Petr Šlingl, bewährter Fahrdienstleiter auf den Bahnhöfen Franzensbad und Voitersreuth, hat sie alle vor Augen, gerät beim Erzählen ins Schwärmen und wird traurig über den heutigen Zustand. Nur noch selten „verirren“ sich sogenannte Umleiterzüge auf die einstige „Magistrale des Friedens“. Auf deutscher Seite erscheint das den bahnleitenden Stellen schon so außergewöhnlich, dass man sogar meint, den Personenverkehr „auslegen“ zu müssen. Im krass-positiven Gegensatz dazu hält die tschechische Bahninfrastrukturgesellschaft seit Jahr und Tag die elektrische Fahrleitung bis zum Bahnhof Voitersreuth intakt, damit der Lokwechsel hier geschehen kann. Jedoch fährt kein Zug nach nirgendwo.Nur noch selten passieren besondere Züge den Streckenabschnitt zwischen Voitersreuth und Bad Brambach mit mehrfach wechselndem Staatsgebiet und der tschechischen Station Plesná (Fleissen), hier am Nationalen Tag der Eisenbahn zu Eger. Die Kilometertafel mit der 58 zeigt die Entfernung von/nach Plauen oberer Bahnhof an. Foto: Jürgen Barteld

Nur noch selten passieren besondere Züge den Streckenabschnitt zwischen Voitersreuth und
Bad Brambach mit mehrfach wechselndem Staatsgebiet und der tschechischen Station Plesná (Fleissen), hier am Nationalen Tag der Eisenbahn zu Eger. Die Kilometertafel mit der 58 zeigt die
Entfernung von/nach Plauen oberer Bahnhof an. Foto: Jürgen Barteld

Großer Fortschritt – kläglich demontiert

Geblieben sind noch fünf tägliche Personenfahrten in beide Richtungen, von und nach Eger (Cheb), absolviert von je einem kleinen Vogtlandbahn-Triebwagen. Dabei hatte es vor genau 20 Jahren mit dem zur EXPO 2000 gestarteten grenzüberschreitenden Nahverkehrssystem EgroNet einen regelrecht beschwingten Aufbruch gegeben. Auf den Schienen rollten seit Mai 2000 die nagelneuen Desiro-Triebzüge, die jeden Tag in beide Richtungen achtmal die kaum noch spürbare Grenze passierten. Eine Zeitlang liefen die Züge gar von Zwickau via Eger bis nach Marktredwitz sowie umgekehrt durch. Dann gab es täglich zweimal die Direktverbindung nach Marienbad (Mariánské Lázně), beim Auftakt mit „Zugtaufe" auf den Namen des Weltbades. Ein weiterer Zug erhielt seine Weihe mit dem Wappen von Eger. Diese Insignien sind längst gelöscht, die vergleichsweise großzügigen Desiros nach Ostsachsen umgesetzt und damit nun z. B. in Zittau und Reichenberg (Liberec) nutzbar.

Die jetzt ins Egerland rollenden RegioShuttle könnten als vernünftige Antwort auf den Reisendenschwund erscheinen – wenn sie denn nicht auch einer der Gründe für die Fahrgastabstinenz wären. Das Rückgrat der Zwickau/Gera-Eger-Linie war aber mit der Halbierung des Zugverkehrs durch den regionalen Leistungs-Besteller Verkehrsverbund Vogtland gebrochen, hatte man doch hier in Erwartung gekürzter Regionalisierungsmittel durch den Freistaat Sachsen rigoros gestrichen. Mit fatalen Folgen: Die verbliebenen Abfahr- und Ankunftszeiten sind teils unattraktiv, der Aufenthalt, etwa in Eger oder Franzensbad, damit entweder zu kurz oder zu lang, was auch das zwischenzeitlich geschaffene Touren-Ticket (selbst mit zehn Euro sehr günstig) nicht ausgleicht. Dieses gilt wiederum erst beim Frühzug Richtung Eger ab 8.00 Uhr und kommt somit für etliche Abgangsorte nicht in Frage. Zudem hat sich das anfangs sehr beliebte EgroNet-Ticket durch kräftige Preissprünge nach oben (derzeit 22 Euro für eine Person) bei vielen Reisenden entbehrlich gemacht. Zum Glück verharrt der Preis auf tschechischer Seite noch bei 200 Kronen (ca. 7,50 Euro).Bad Brambach empfiehlt sich als Ausgangspunkt für Touren, etwa zur Quelle der Weißen Elster auf böhmischem Gebiet. Diese Radwanderer kehren auf dem Elsterradweg in der „Flusslandschaft des Jahres“ zurück nach Leipzig. Foto: Jürgen Barteld

Bad Brambach empfiehlt sich als Ausgangspunkt für Touren, etwa zur Quelle der Weißen Elster
auf böhmischem Gebiet. Diese Radwanderer kehren auf dem Elsterradweg in der „Flusslandschaft des Jahres“ zurück nach Leipzig. Foto: Jürgen Barteld

Steht die Linie auf der Kippe?

Sicher, das EgroNet böte gerade kleinen Gruppen (jede weitere Person zahlt nur 7 Euro) in dem großen Gebiet zwischen Komotau (Chomutov) und etwa Weiden in der Oberpfalz eine Fülle schöner Reiseziele, doch die Wenigsten gehen auf Langstrecke per Bahn. Sicher gäbe es zu „normalen Zeiten“ auch Aktionen zum nun 20-jährigen Bestehen des insgesamt erfolgreichen Vier-Länder-Nahverkehrssystems. Doch auch ohne Pandemie stellen sich Fragen der Zukunft, wie die des Eisenbahngrenzüberganges zu Voitersreuth. Wie lange hält die tschechische Seite die elektrifizierten Anlagen noch vor? Der gegenwärtige geringfügige, dieselbetriebene Verkehr rechtfertigt den Aufwand auf Dauer wohl nicht. Und würden in Hof die Anschlüsse der Züge aus Sachsen und Thüringen zur Linie nach Eger (-Marktredwitz) via Asch-Franzensbad passen, käme ganz sicher der Gedanke auf, die Fahrgäste doch dahin „umzulenken“ – und Brambach-Vojtanov wäre „gestorben“, was eigentlich bei all den Forderungen nach ökologischen Transporten ein Unding wäre. Die deutschen Instanzen wollten schon Anfang der 1990er Brambach für den Güterverkehr dichtmachen. Damals rettete der auch heute noch täglich pendelnde Schrottzug Eger – Könitz zum Stahlwerk Thüringen den Grenzübergang. Doch dieser Zug fährt längst schon von Eger über Marktredwitz und Hof ins Thüringische.


Auf der Strecke geblieben

Kommentar von Thomas Fischer, Plauen

Mit einem Gesamtbudget von ca. 2,1 Mio Euro sollten im Projekt „Peripheral Access“ grenzüberschreitende ÖPNV-Projekte gestärkt und vor allem besser vermarktet werden. Bedarfsträger aus sieben europäischen Regionen starteten im Juli 2017 ihre jeweiligen Vorhaben, darunter der Verkehrsverbund Vogtland (VVV) mit seinem Projekt: Bahnlinie Gera – Plauen – Eger/Cheb (LE 7/2018). Gut gewählt, denn auf dieser Route herrscht allemal Handlungsdruck durch rückläufige Fahrgastzahlen. Der Abschnitt Adorf – Vojtanov gehört zu den am wenigsten nachgefragten Bereichen in ganz Sachsen! Der Schwund hatte bereits vor Jahren eingesetzt, speziell beim Reisepublikum ab Gera ins böhmische Bäderdreieck. Der aktuelle „Lückenschluss“-Beitrag im LandesEcho nennt die Gründe.

 Nur Schall und Rauch


Nun auch mit Hilfe des Interreg-Projektes neue Fahrgäste gewinnen zu können, u.a. durch bessere Zugangsbedingungen an den Stationen, war die Erwartungshaltung der eigens berufenen Fahrgastbeiräte etwa aus Anliegerkommunen. Auch ich hatte die Ehre und Bürde zugleich. Mein Fazit ist konsternierend. Umso mehr, sparten doch die Beiräte „von außen“ nicht mit Vorschlägen, wollten mitwirken, Einfluss nehmen. Und das mit dem gemeinsamen Ziel, die Elstertal-Linie nach Cheb deutlich zu stärken. Auf zu neuer Qualität also.

Derweil nahm wohl die Arbeit beim Projektträger VVV einen anderen Lauf. Man vergab eine Ist-Analyse an eine renommierte Beratungsfirma. Die Ergebnisse spiegelten das wieder, was jeder halbwegs sachverständige Kenner und Nutzer des ÖPNV der Region ohnehin wusste. Schade um das viele Geld. Innerhalb des Fachbeirates wurde versucht, die Schwachstellen weiter zu analysieren und zu beseitigen. Sämtliche Gedanken in diese Richtung verliefen nahezu ergebnislos. Die Gründe? Offenbar hatte sich die Auerbacher Büroarbeit am Projekt verselbstständigt. Zusagen, mit „vor Ort“ zu prüfen – und handeln – erwiesen sich als Schall und Rauch. Ernüchterung trat ein.

Sprachlosigkeit durch „VOGLAR“

VOGLAR: Übergroße Fußabdrücke auf den Bahnstationen Plauen Mitte und Weischlitz sowie in einem Vogtlandbahn-Triebwagen sollen auf Sehenswürdigkeiten aufmerksam machen. Foto: Thomas FischerImmerhin wurde von einem affinen einheimischen Filmproduzenten ein sehenswertes Werbevideo für die Elstertalbahn geschaffen und auf YouTube verbreitet. Ein Lichtblick! Dem aber Bedenkliches folgte. Hatte man doch eine „Kreativagentur“ im fernen Hannover mit weiteren Marketingaktivitäten beauftragt. Das Ergebnis verwunderte die Einen und machte andere – nicht nur Beiratsmitglieder – sprachlos: „VOGLAR“ war erschienen. Die Agentur hat eine App-basierte virtuelle Reise und Suche nach dem „Riesen VOGLAR“ entlang der Projektstrecke entwickelt. Übergroße Fußabdrücke auf den Bahnstationen Plauen Mitte und Weischlitz sowie in einem Vogtlandbahn-Triebwagen sollten auf Sehenswürdigkeiten aufmerksam machen? Es handele sich hierbei um DAS Ergebnis des gesamten Interreg-Projektes (also aller sieben Beteiligten!), wie man beim VVV voller Stolz meinte.

Im Fazit bestehen erhebliche Zweifel, ob die Projektstruktur, die Vorgaben und Überwachung durch die Projektzentrale in Wien wirklich geeignet sind, die Attraktivität des ÖPNV zu steigern. Allein schon das klare, Nutzen bringende Ziel fehlte im Vogtland. Die Ergebnisse der beauftragten Agenturen zielten nicht auf die wahren Bedürfnisse. Und wohl nicht von ungefähr kam die Beiratstätigkeit zum Erliegen – die mit einiger Hoffnung angetretenen Ehrenamtlichen sind enttäuscht. Die Bahnlinie Gera – Plauen – Cheb blieb nahezu unberührt, im Sinne des Projektes wahrlich auf der Strecke. Eine gute Chance ist vertan.