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Die „Samtrevolution" ließ auf sich warten - aber dann ging alles ganz schnell

Foto: Václav Havel/Wiki

 Mit einigem Neid sahen die Tschechen dieser Tage nach Berlin. Sie freuten sich einerseitsüber den dortieren Rausch der freudigen Erinnerung an den Fall der Mauer. Doch den Tschechen selbst ist am 17. November, dem Tag, an dem ihre „Samtrevolution" begann, kaum nach Jubelfeiern zumute. Umfragen unter Prominenten nach dem heutigen Gefühl fallen eher verhalten bis enttäuscht aus. Ja, man fühle sich irgendwie freier als damals. Das gesteht man zu. Aber ansonsten seinen viele Dinge, die man sich in dieser Revolution erträumt hatte, nicht eingetreten.

 

 

Wie Mehltau liegt eine Art politischer Melancholie über der Moldaumetropole. Der amtierende Staatspräsident Miloš Zeman sogt für eine Peinlichkeit nach der anderen. Tausende wollen ihn am 17. November auf der Straße zum Rücktritt auffordern. Der andere Präsident, Václav Klaus, holt zu einem verbalen Schlag nach dem anderen gegen seinen Vorgänger Václav Havel aus, nennt ihn einen „Postkommunisten", der vieles „verdorben" habe, nie wirklich eine parlamentarische Demokratie gewollt habe und schon gar keine freie Marktwirtschaft. Während sich die Anhänger der Eliten von einst in den Haaren liegen, fährt der Milliardär und als Vizepremier und Finanzminister schon heute einflussreichste Mann, Andrej Babiš, Umfragen-Siege ohne Ende ein. Ein vermeintlich „Unpolitischer" macht Karriere, weil die wirklichen „Politiker" nichts auf die Reihe bekommen. Die Revolution scheint Lichtjahre hinter den Tschechen zu liegen.

Erinnern wir uns: Lange tat sich nichts in der damaligen Tschechoslowakei, während es anderswo im seinerzeitigen Ostblock an allen Ecken bröselte und bröckelte. Inspiration holten sich die Prager ausgerechnet bei den DDR-Bürgern, über die sie sonst gern die Nase gerümpft hatten. Doch die tausenden Ostdeutschen, die mit ihren Trabes und Warburgs die engen Gassen der Stadt zuparkten, um sich dann zu Fuß auf den Weg zur (west)-deutschen Botschaft zu machen, weil sie von dort aus in die Freiheit kommen wollten, machten den Pragern klar, dass sie womöglich die letzten sein werden, die ihre senilen Steinzeitkommunisten abschütteln würden.

Es hatte zwar immer mal Demonstrationen gegeben: etwa im Januar 1989 bei der Palach-Woche, die an die grausame Selbstverbrennung des Studenten Jan Palach 1969 erinnerte, der damit ein Fanal gegen die Gleichgültigkeit der Menschen nach dem gewaltsamen Ende des Prager Frühlings setzen wollte. Anfang November gingen tausende Menschen in Teplice (Teplitz-Schönau) auf die Straße, um gegen die unerträgliche Luftverschmutzung in ihrer nordböhmischen Kohleregion zu protestieren. Doch erst eine Demonstration von Studenten in Prag aus Anlass des 50. Jahrestages der Ermordung des Medizinstudenten Jan Opletal durch die Nationalsozialisten leitete das Ende des kommunistischen Regimes ein. Das stürzte dann in wenigen Tagen wie ein Kartenhaus zusammen. Die Polizei knüppelte die Studenten im Prager Zentrum zusammen. Die Parteiführung meinte, alles im Griff zu haben, zumal sich der Protest auf Prag beschränkte und man in der Provinz nicht einmal erfuhr, was an der Moldau passiert war. Hätte es nicht die tschechoslowakischen Sendungen von „Radio Freies Europa" aus München gegeben, wären die Provinzler dumm gestorben.

Revolution der Passiven

Prags Honecker, KP-Generalsekretär Milouš Jakeš, hat dieser Tage in einem langen Interview der „chinesischen Lösung" nachgetrauert, dem Einsatz von Panzern gegen den Protest auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking. Dort sei danach „Ruhe gewesen". Eine solche Lösung wäre jedoch in der Tschechoslowakei nicht denkbar gewesen, fügte Jakeš auch 25 Jahre danach hinzu. Aus den Worten des bis heute umgewendeten Altstalinisten sprach sehr viel Bedauern. Jakeš sprach zudem erneut davon, dass der „Umsturz" vom tschechoslowakischen Geheimdienst und dem russischen KGB gelenkt worden sei, um Reformer an die Macht zu bringen.

Das ist eine Variante der Geschehnisse, die immer wieder kolportiert wird. Folgt man Ex-Präsident Klaus, dann waren es die „einfachen Leute", die mit ihrer „Passivität" das Regime letztlich zum Einsturz brachten. Klaus erzählt das, um die Rolle der Dissidenten um Havel möglichst zu schmälern. Logisch - er gehörte nicht zu denen, wurde erst von denen gebraucht, als es um Wirtschaftsfragen ging.

Fakt ist, dass die Studenten mit ihrer Demonstration am 17. November schnell Nachahmer fanden. Die Studenten selbst boykottierten die Vorlesungen und Seminare, auch in Bratislava (Pressburg) und Olomouc (Olmütz). Künstler, vor allem die Schauspieler, schlossen sich ihnen an, riefen abends von den Bühnen zum Ende der KP-Herrschaft auf. Abend für Abend trafen sich Hunderttausende Menschen auf dem Prager Wenzelsplatz und läuteten mit Schlüsselbunden symbolisch den Abschied von Jakes und Genossen ein, skandierten „Es ist genug", „Freie Wahlen" oder „Es leben die Studenten". Am 25.November trat die alte Garde ab, die KP gab sich eine neue Führung. Doch die Dissidenten um Havel, die in der „Laterna magica" oder im „Schauspielklub" tagten, nannten das eine „unzureichende kosmetische Operation". Unterstützung erhielten die Demonstranten am 27. November von tausenden Gläubigen und von Kardinal František Tomášek im überfüllten Prager Veits-Dom. Die Demonstranten wichen danach vom zu klein gewordenen Wenzelsplatz auf die Letná-Anhöhe aus. Václav Havel rief dazu auf, nicht nachzugeben. Am Tag darauf legte ein Generalstreik das Land lahm und zeigte der KP-Führung, dass ihre Stunden gezählt waren. Am selben Tag noch trafen sich die Dissidenten um Havel mit dem kommunistischen Regierungschef Ladislav Adamec erstmals, um die Lage zu diskutieren. Der Manöverraum der KP wurde enger und enger. Am 30. November wurde vom Parlament die „führende Rolle" der Kommunistischen Partei aus der Verfassung getilgt. Eine Woche später schloss die KP-Führung den letzte Generalsekretär Jakeš aus der Partei aus.

Am 11. Dezember ernannte der kommunistische Präsident Gustav Husák eine neue Regierung, in der erstmals auch Vertreter des revolutionären „Bürgerforums" um Havel vertreten waren. Damit saßen dort auch Leute, die bis vor Tagen noch in Gefängnissen hatten zubringen müssen. Auf den Straßen ertönten die Rufe „Havel auf die Burg". Am 29. Dezember wählte dann das noch immer kommunistische beherrschte Parlament den einstigen Staatsfeind Nr.1, Václav Havel, zum ersten Mann im Staate. Die lange auf sich wartende Revolution, die dann doch in Windeseile über die Bühne ging, hatte sich an diesem Tag zu einem „böhmischen Märchen" vollendet. Die Tschechoslowakei war wieder auf dem Weg „zurück nach Europa", auf dem Weg zurück zu einem demokratischen Land. Das ist Tschechien - ebenso wie seit 1993 die selbständige Slowakei - bis heute, ist in EU und Nato integriert. Wirtschaftlich geht es voran. Politisch dagegen stolpert derzeit der Herzschlag an der Moldau.

 

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