Aktuelle Seite: StartseitePolitikDer lange Weg nach Berlin

Tschechien macht die Grenzen dicht

Mit Phasenschiebern in Nordböhmen will das Land den Fluss von deutschem Ökostrom stoppen.

 

Václav Bartuška, Beauftragter der Tschechischen Republik für Energiefragen, sieht die Situation schwarz-schwarz: „Entweder es gibt einen Black-Out in Tschechien oder einen Black-Out ohne Tschechien“, bringt er die Diskussion um deutschen Ökostrom von der Nordsee auf den Punkt. Um den ersten Fall zu verhindern, will Tschechien jetzt Phasenschieber an seiner Grenze zu Deutschland bauen. Nach langen politischen Diskussionen gab das tschechische Ministerium für Industrie und Handel jetzt dem staatlichen Netzbetreiber ČEPS grünes Licht für den Bau zweier Riesentransformatoren in Nordböhmen. Die Tschechen sehen keine Alternative. Sie sehen ihr Stromnetz überlastet von der Windkraft aus Norddeutschland. Die muss, mangels Stromtrassen innerhalb Deutschlands, auf ihrem Weg in den Süden den Umweg über Tschechien und Polen nehmen. Knapp zwei Dutzend Mal ist Tschechien so allein 2012 an einem Blackout vorbeigeschlittert. Das bestätigt auch Jakub Vit, energiepolitischer Berater beim tschechischen Industrieverband SPČR. „Eine genaue Zahl wird Ihnen niemand sagen, weil es für die Netzbetreiber eine Frage der Ehre ist, den Kollaps der Netze zu verhindern“, sagt Vit.

Seitdem eskaliert die Situation weiter, klagt der tschechische Netzbetreiber ČEPS. „Der ungeplante Stromüberschuss, der durch unsere Netze fließt, steigt immer weiter an, sowohl was die Frequenz als auch seine Dauer und seinen Umfang betrifft“, sagt ČEPS-Sprecherin Tereza Soukupová gegenüber der LandesZeitung. Ein Versuch der ČEPS, eine Einigung mit dem deutschen Netzbetreiber 50 Hertz zu finden, scheiterte an Uneinigkeiten und der Weigerung der deutschen Seite, im Falle zu hoher Stromflüsse Sanktionen zu zahlen. Zudem ist Tschechien im Zugzwang. Da Phasenschieber schon an den westlichen Grenzen Deutschlands stehen und auch Polen sich für den Bau der Transformatoren entschlossen hat, will das Land nicht das Tschechiens Stromnetz platzt aus allen Nähten. Foto: Pastorius Wikipediaeinzige bleiben, das ungeschützt der deutschen Windkraft trotzen muss. „Die Situation ist unhaltbar geworden“, sagt Soukupová von ČEPS.

Verringerte Handelskapazität

Zwar werden die böhmischen Phasenschieber erst frühestens 2016 stehen. Aber das ist, meinen die Tschechen, noch lange nicht zu spät. Denn den deutschen Beteuerungen vom Stromautobahn-Bau glaubt hier niemand mehr. Kein Wunder: Innerhalb der letzten Dekade hat Deutschland gerade mal 75 Kilometer neuer Stromtrassen gebaut. Benötigt werden Tausende von Kilometern. Auch kritisiert die tschechische Seite die Bereitschaft der Politik, sich diesem unbequemen Thema anzunehmen. „Meiner Erfahrung nach meidet Kanzlerin Merkel die Diskussion über Stromtrassen wie der Teufel das Weihwasser“, sagt Energieberater Vit.

Bei dem deutschen Netzbetreiber 50 Hertz, aus dessen Gebiet der hohe Anteil an erneuerbarem Strom kommt, sieht man die Situation gelassen. Seit Anfang des Jahres operiere man dort mit einem „virtuellen Phasenschieber“ an der Grenze zu Polen, 2016 sollen echte stehen. Man simuliert momentan eine Stromschleuse und schaltet das Netz entsprechend – seitdem habe sich die Situation deutlich entspannt, heißt es.

„Es wäre aber verkürzt dargestellt, wenn man alle Probleme der deutschen regenerativen Einspeisung zuordnen würde“, sagte ein Sprecher. Er verweist darauf, dass nun auch weniger Netzkapazität für den Stromhandel zur Verfügung stünde. Vielleicht ist auch damit der Furor der Tschechen zu erklären. Denn Tschechien hat nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes im Stromhandel mit Deutschland 2009 noch über 500 Millionen Euro Überschuss erwirtschaftet. 2012 waren es nur noch 300 Millionen. Mehr zum Thema lesen Sie im Interview mit Václav Bartuška auf Seite 6.

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