Tschechische Bürokratie und deutsche Naivität

Oder: wie eine einfache Prozedur zum Marathon werden kann

Meine Tschechen lachen zu Recht immer mal wieder über die Gründlichkeit der deutschen Nachbarn. Ich bin so ein gründlicher Deutscher, der damit immer wieder auf die Nase fällt in seiner tschechischen Wahlheimat.
So jüngst neulich an einem Montagvormittag: Ich bin umgezogen und als ordentlicher Mensch will ich mir die neue Adresse in meinen Pass für Ausländer mit ständigem Aufenthaltsrecht eintragen lassen. Das ist eine Prozedur von nicht einmal fünf Minuten. Sollte man meinen…

Als gebranntes Kind, das schon über Jahre die untragbaren Zustände in der Zentrale der Ausländerpolizei in der Olšanská-Straße in Prag-Žižkov ausgekostet hat, freue ich mich wie irre, dass ich da diesmal nicht hin muss. Ich lebe in Prag-West, also quasi in Mittelböhmen. Und dafür ist die Olšanská nicht zuständig, sondern eine Behörde in Prag- Smíchov. Sicherheitshalber rufe ich noch einmal auf der Informations-Rufnummer des Innenministeriums an. „ Ja“, sagt man mir, „ das haben Sie richtig herausgefunden.“ Und was brauche ich, um die Adressänderung eintragen zu lassen, frage ich. „Nichts weiter als den neuen Mietvertrag“, lautet die Antwort. „Genügt da auch eine Kopie“, frage ich weiter. „Selbstverständlich“, sagt mir die Dame am Telefon. Super, sage ich mir und mache mich an einem Montagvormittag auf den Weg. Ich habe Glück, komme relativ schnell nach Smíchov, finde sogar auf Anhieb einen Parkplatz. Drinnen greift mich ein Mensch, der sich auskennt mit den Regeln. Ich sage, was ich möchte und er schickt mich in einem Raum mit etwa 50 Wartenden. Ein System gibt es dort nicht. Könnte man einen Zettel mit einer Nummer ziehen, dann wäre noch ein Kaffee in der Nähe möglich, um die Wartezeit zu überbrücken. Aber gut, wartet man halt unorganisiert.  Irgendwann sind zwei Stunden Wartezeit vorüber, ich sitze hinter einer Glastür beim zuständigen Beamten, hole meine Papiere raus, erkläre, was ich möchte. „Oh“, sagt der Beamte, „da sind Sie hierleider falsch. Wir haben unsere Aufgaben umorganisiert. Alle Dinge, die mit dem Daueraufenthalt von Ausländern zusammenhängen, werden jetzt bei der Ausländerpolizei in Prag-Michle geklärt.“

Ich bin offenbar nicht der erste, dem derlei passiert: Der Beamte gibt mir einen Zettel, auf dem alle Angaben über meine neue Anlaufstelle aufgedruckt sind. Ich gebe schon etwas genervt die Adresse in mein Navigationsgerät ein und quäle mich durch die Prager Neustadt. Es ist mittlerweile 11 Uhr, der größte Verkehr in Prag ist vorüber. „Ausnahme ist die Ječná-Straße“, höre ich wenig später aus dem Verkehrsfunk des Radiožurnál. Da muss ich lang. Nach nicht einmal einer Stunde habe ich die 17 Kilometer bewältigt.

Relatives „relativ“

In Michle muss ich mich zu der Behörde durchfragen. „Da, wo die Schlange bis draußen steht, das sehen Sie schon“, sagt mir ein Mann aus der Nachbarschaft und grinst mich mitleidig an. Die Schlange kann man nicht umgehen. Sie steht an der Information. Als ich nach weiteren zwei Stunden den Informationsexperten erreiche und mein Anliegen vorbringe, sagt er: „Kein Problem, hier sind Sie richtig. Das geht bei uns alles relativ schnell.“ Der Begriff „relativ“ ist relativ. „Maximal zwei Stunden Wartezeit müssen Sie jetzt einplanen.“ Und dann kontrolliert er gleich meine Papiere, die ich ordentlich in einer Mappe mitgebracht habe. Da fehle leider ein Stempel, sagt er mir. Die Kopie des Mietvertrages genüge nicht. Besser wäre das Original. Aber ich könnte mir die Kopie auch von einem Notar beglaubigen lassen. Ich sage, dass mir ausdrücklich gesagt wurde, dass eine Kopie genüge. „Wissen Sie“, sagt er, „dieser Informations-Nummer beim Innenministerium darf man nicht trauen. Die wissen da nicht so richtig Bescheid.“ Ich habe die Nase voll und lasse mir einen Termin geben. Das geht angeblich auch telefonisch. Das Problem: Wenn man die Nummer wählt, geht niemand ran. Jetzt habe ich einen Termin. Sogar noch in diesem Jahr, irgendwann im Dezember. Angeblich müsse ich dann auch gar nicht mehr warten. „Jedenfalls nicht so lange“, relativiert der Informator.

Bei der Rückfahrt nach Hause muss ich tanken. Und mir fällt auf, dass mein Auto auch mal wieder gewaschen werden müsste. Also fahre ich gleich noch durch die Waschstraße der Tankstelle. Jetzt habe ich ein sauberes Auto. Immerhin. Das mit dem Pass hat ja nun Zeit bis Dezember. Wenn ich dazu noch Lust habe. Zuhause angekommen, trinke ich entnervt einen größeren Schnaps. Auf die tschechische Bürokratie und auf meine deutsche Blödheit, alle Papiere immer in Ordnung haben zu wollen.