Erst sah es so aus, als mache die tschechische Regierung alles richtig. Doch es mehren sich die unverständlichen Entscheidungen in der Coronakrise. Die Kassierung der Ausnahme für Berufspendler gehört dazu. Die Begründungen sind vorgeschoben, meint Steffen Neumann.

Bis jetzt hat die tschechische Regierung viel richtig gemacht. Ihr konsequentes Vorgehen gegen die Ausbreitung des Coronavirus noch bevor diese unkontrollierbare Ausmaße annimmt, hat Bewunderung auch in Deutschland hervorgerufen. Die Maßnahmen sind zwar schmerzhaft, aber unausweichlich: Versammlungsverbot, Grenzkontrollen, Schulschließung, Grenzschließung bis hin zu Ausgangsverbot. Inzwischen haben die meisten Länder nachgezogen, gerade auch die deutschen Bundesländer. So konnte Tschechiens Premierminister Andrej Babiš frohlocken: Wir sind die ersten, die besten.

Ablenkung von eigenen Schwächen

Doch das Gefühl, im Kampf gegen den Coronavirus alles richtig und rechtzeitig gemacht zu haben, scheint ihm nicht nur zu Kopf gestiegen. Es trügt auch. Es mehren sich die Entscheidungen, die Verständnislosigkeit hervorrufen. Väter dürfen nicht mehr bei Geburten anwesend sein. Ja, die Krankenhäuser stehen unter Stress. Aber geboren wird weiterhin. Und wenn die Mutter nicht mit Corona infiziert ist, liegt die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass es beim Vater ebenso ist. Die Maßnahme sah eher danach aus, sich einer unliebsamen Pflicht zu entledigen.

Schwerwiegender wirkt, dass wiederholt Journalisten und ganze Medien von Pressekonferenzen ausgeschlossen wurden. Und nicht irgendwelche, sondern jene, die kritische Nachfragen stellen. Auch hier scheint die Regierung die Chance zu nutzen, sich unbequeme Kritiker fernzuhalten.

Letztendlich verkommt auch die Mundschutzpflicht zu einem willkommenen Ablenkungsmanöver. Auch Menschen, die weit und breit allein im Park stehen, müssen ihn tragen. Dabei kann die Regierung nicht garantieren, dass jeder sich mit ausreichend Mundschutz eindecken kann. Was die Bürger in eine begeisternde Aktion (Wir nähen Mundschutz) ummünzte, nutzte die Regierung zur Maskierung ihrer eigenen Versäumnisse.

Die Mundschutzpflicht in Tschechien und dass es sie in Deutschland und Österreich nicht gibt, hat zur vorerst letzten umstrittenen Maßnahme geführt: der Anordnung, dass Berufspendler nach ihrer Rückkehr aus Deutschland oder Österreich 14 Tage in Quarantäne müssen. Das heißt, sie dürfen wählen, über einen längeren Zeitraum im Gastland zu bleiben oder können nicht zur Arbeit. Angeblich hätten sich schon Pendler angesteckt und das Virus so weiter nach Tschechien getragen.

Ansteckung vor allem in Tschechien

Dieses Argument ist vorgeschoben. Denn die Statistik des tschechischen Gesundheitsministeriums sagt etwas völlig anderes. Von den über 1.000 Infizierten (Stand Dienstagabend) haben sich gerade einmal 14 (!) in Deutschland angesteckt. Mit 121 und 80 Infektionen sind Italien und Österreich an der Spitze. Aber auch das ist nur eine Minderheit. Drei Viertel der Infizierten bekamen das Virus in Tschechien. Es ist also vor allem ein innertschechisches Problem. Tschechen, die in Italien und Österreich im Skiurlaub waren und dann in Tschechien immer weitere Menschen anstecken.

Anstatt daran zu arbeiten oder zu schauen, was man von anderen Ländern lernen kann, ergeht sich die Regierung in Lobeshymnen und facht den Hass auf jene an, die an allem schuld sind. Allen voran die laxen Deutschen, die unbegreiflicherweise immer noch ohne Mundschutz herumlaufen (was auch nicht mehr stimmt), oder die jungen Leute, die ja noch unbedingt nach Italien in den Urlaub fahren mussten. Oder niedergelassene Ärzte, die sich erlauben, ihre Praxis zu schließen, weil sie nicht mehr ausreichend Schutzkleidung haben. Über den grünen Klee wird dagegen die Hilfe Chinas gelobt. Das medizinische Material von dort muss allerdings auch teuer eingekauft werden und reicht weiter hinten und vorne nicht.

Der Kampf gegen das Coronavirus ist nur gemeinsam zu gewinnen. Tschechien sollte sich wieder an die Spitze der vernunftgeleiteten Maßnahmen stellen und sich nicht darin ergehen, irgendwelche Rechnungen zu begleichen.