Anfang des Jahres stellte Hartmut Koschyk, der ehemalige Bundesbeauftragte für nationale Minderheiten und Aussiedlerfragen, in der Ungarischen Botschaft Berlin in Anwesenheit zahlreicher Weggefährten aus Politik und Kultur seine persönlich-politischen Betrachtungen vor: „Heimat, Identität, Glaube; Vertriebene – Aussiedler – Minderheiten im Spannungsfeld von Zeitgeschichte und Politik“.

 

Das Werk erschien 2018 im EOS-Verlag der Benediktiner-Erzabtei St. Ottilien und hat 463 Seiten. Koschyk war von 1990 bis 2017 Abgeordneter des Deutschen Bundestags. Als Parlamentarier und Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten (2014 – 2017) waren die Themen Vertreibung, Aussiedler und Minderheiten Schwerpunkte seiner politischen Arbeit.

Reflexionen zur Minderheitenpolitik

In diesem Buch beschreibt und reflektiert Koschyk die von ihm in den vergangenen Jahren engagiert mitgestaltete Außen- und Minderheitenpolitik. Seine breit gefächerten Betrachtungen zur historischen und gegenwärtigen Situation beruhen auf fundierten wissenschaftlichen Arbeiten. Übersichtlich gegliedert stellt er Wahrnehmungen, Tatsachen und Zusammenhänge in leserfreundlicher Sprache dar. Das mit viel Optimismus geschriebene Buch, das auch als Sammel- und Nachschlagewerk verstanden werden kann, lädt zum Überdenken des eigenen Standpunktes ein.

Koschyk setzt sich einleitend aus weit gespannter historischer Perspektive mit dem Heimatbegriff auseinander. Heimat sei das Fundament für die eigeneIdentität. Ein zuversichtliches Heimatbewusstsein, das mit gelingender Identitätsbalance sowie gelebten Glaubens- und Werteüberzeugungen verbunden ist, versteht Koschyk als Grundpfeiler für ein zukunftsweisendes globales Zusammenleben mit anderen Nationen, Kulturen und Religionen.

Ein offenes Gespräch, das auf diesen Grundlagen mit dem Anderen geführt wird, helfe gerade bei der Begegnung mit Vertriebenen, Aussiedlern und Minderheiten. Mit dieser einladenden Haltung wird jeder Form kollektiver Verurteilung aufgrund ethnischer, kultureller oder nationaler Herkunft eine entschiedene Absage erteilt.

Christlicher Glaube und Heimatbegriff

Für Koschyk gründe die Identität Europas im christlichenGlauben, der mit dem Heimatbegriff eng verwoben ist. Mit dieser Überzeugung weist er auf das Recht auf Heimat hin, das er als elementares Prinzip des Lebens der Menschen im friedlichen Miteinander versteht. Er sieht als künftige Herausforderung für die Vertriebenen- und Minderheitenpolitik das Geschichts- und Kulturerbe zu erhalten und weiterzutragen. Darüber hinaus müsse die Brückenfunktion der Heimatvertriebenen stärker genutzt werden. Um die kulturelle Vielfalt in Europa zu erhalten, sei es dringend geboten die sprachliche und kulturelle Identität nachhaltig zu sichern. Nicht zuletzt sei eine Weiterentwicklung des Minderheitenschutzes und dessen Verankerung im europäischen Recht für ein Europa in Vielfalt geboten.

Breiten Raum nimmt Kapitel IV „Minderheitenpolitik in Deutschland und Europa nach der Epochenwende 1989/90“ (S. 207-395) ein. So werden die autochthonen Minderheiten in Deutschland (z.B. das sorbische Volk im Freistaat Sachsen oder die dänische Minderheit), die deutschen Minderheiten in Europa und den Nachfolgestaaten der Sowjetunion (z.B. die deutsche Minderheit in Polen oder in der Slowakei bzw. die deutsche Minderheit in der Ukraine oder in der Kirgisischen Republik) in ihrem Lebensraum unter den jeweils besonderen historischen Bedingungen facettenreich beschrieben.

Dieser Beitrag erschien erstmals im Karpatenblatt, der Zeitschrift der Karpatendeutschen in der Slowakei.
 

 
 
Das könnte Sie auch interessieren:
 
Der Bundesbeauftragte Bernd Fabritius sprach am Rande der Konferenz der deutschen Minderheit mit dem LandesEcho über das Deutsche im tschechischen Schulwesen, über die Prioritäten seiner Arbeit, die Stärkung der deutschen Sprache in Tschechien und verriet seine böhmischen Lieblingsspeisen.