Ein sehr komplexes Thema hatte sich das Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren für den Auftakt seiner Frühlingsreihe von Vorträgen in Zusammenarbeit mit der Philosophischen Fakultät der Karlsuniversität am 17. März ausgesucht. Zwei junge Doktoranden, Václav Smyčka und Jaromír Mrňka, sprachen zur Problematik der „Aussiedlung / Vertreibung im zeitgenössischen kollektiven Gedächtnis“. Die Moderation übernahm der Germanist und Literaturwissenschaftler Manfred Weinberg.

 

 

 

Der Veranstaltungsraum des Literaturhauses war mit etwa 50 Besuchern sehr gut gefüllt. Durch konsekutives Dolmetschen konnten alle Zuschauer dem Geschehen gut folgen, denn die beiden Gäste sprachen Deutsch. Sprache und der Einfluss der Wortwahl auf die Geschichtsrezeption waren denn auch ein wichtiges Thema des Abends.

Manfred Weinberg wies auf die in Deutschland und Tschechien unterschiedlichen Begriffe für die Vertreibung hin. Dadurch ergebe sich automatisch eine andere Wahrnehmung des Geschehenen. Václav Smyčka konnte anhand des tschechischen Nationalkorpus einige interessante Veränderungen bei der Verwendung der Worte „odsun“ (Aussiedlung) und „vyhnání“ (Vertreibung) belegen. Nach dem Krieg war das Wort „odsun“ als politisch gewollter Konsens eingeführt worden und taucht im Korpus lange Zeit als einziger Begriff auf. Mitte der 1980er Jahre jedoch gewannen der Begriff „vyhnání“ an Bedeutung, um das Jahr 2000 herum wurde er in der Literatur sogar häufiger verwendet als „odsun“. Seitdem hat sich das aber wieder gewandelt.

Allein schon an dieser Entwicklung lässt sich ablesen, dass selbst nach 1989 keine lineare Entwicklung einer gemeinsamen Erinnerungsgemeinschaft stattgefunden hat, nicht einmal in Tschechien und schon gar nicht über die Landesgrenzen hinweg. Jaromír Mrňka verwies darauf, dass die kommunistische Partei in der Tschechoslowakei der 1950er Jahre als Garant der Neuordnung auftrat und damit auch als Garant der Unveränderlichkeit der Resultate der Vertreibung. Ihr oblag die Deutungshoheit der Geschehnisse. Erst nach dem Bruch mit dem Personenkult um Stalin und seiner Politik, gab es erste Ansätze, die Situation nach 1945 neu zu bewerten. Eine Diskussion dazu kam zwar 1956 auf, verstummte aber auch schnell wieder und blieb dann bis in die späten 1960er Jahre wieder ein Tabu, erklärte Mrňka.

Mit dem Tauwetter des Prager Frühlings entstanden einige Filme, die sich mit der Thematik auseinandersetzten. Mit dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes war aber auch diese Möglichkeit der Auseinandersetzung wieder vorbei und die Filme verschwanden für lange Jahre im Giftschrank. Erst nach der Samtenen Revolution konnten sie gezeigt werden.

Auf die Frage, ob in der Tschechoslowakei der 1980er Jahre eine ähnliche Entwicklung stattgefunden habe wie in Polen, wo damals erstmals Täter mit ihren Geschichten an die Öffentlichkeit gingen, musste verneint werden. Die spezifische Situation im Polen der 80er war sehr weit von der oppositionslosen Tschechoslowakei entfernt. Gegenstimmen kamen hier nur aus dem Dissent.

Die Bewältigung des Traumas blieb der Erlebnisgeneration, die vertrieben worden war. Eindringliche Beschreibungen der Geschehnisse aus Opfer-Sicht waren dabei eine Form der Vergangenheitsbewältigung, die aber auch in Deutschland nur eine beschränkte Resonanz hatte. So verwundert es nicht, dass erst 2002 Günter Grass‘ Roman „Im Krebsgang“ als Tabubrecher aufgenommen wurde.

Die Diskussion ist noch nicht beendet und auch in der Literatur ist das letzte Wort dazu noch nicht gesprochen. Nur die Mittel und Wege ändern sich und man muss sich das Interesse der Öffentlichkeit in einer schnelllebigen Welt mit unzähligen weiteren Themen teilen.

 

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