Die Eröffnung der Ausstellung „Künstler und Propheten. Eine geheime Geschichte der Moderne 1872-1972“ im Messepalast enthielt einen spektakulärem Live-Performanceakt des deutschen Künstlers Jonathan Meese. Am vergangenen Dienstagabend, 21.7, präsentierte er seine Bildinstallation „My Über Daddys" begleitet von seiner Performance mit dem Titel „'You', Living in the Erzbox: L.O.V.E de LARGE (Visiontelefon)". Seine Performance war dabei ganz der Architektur der Messehalle angepasst. Von den Stockwerken konnten die Besucher den deutschen Künstler in seiner exzentrisch gestalteten Holzkiste von oben betrachten, über Lautsprecher wurde seine Stimme übertragen.

 

 

 

Der aus Berlin stammende Künstler platzierte sein selbstgebasteltes Holzzimmer in der unteren Etage des Messepalasts und sich darin. Das Innere sowie das Äußere der Kiste waren kreativ dekoriert, es befanden sich dort Collagen, Fotografien, Spielzeug und Ausschnitte aus seinem handgeschriebenen Manifest. Durch kleine Gucklöcher war der exzentrische geladene Gast des Abends zu sehen: Jonathan Meese. Die beste Sicht auf ihn bot sich aus gewisser Distanz von den Galerien. Lange schwarze Haare, ein weißes Hemd tragend stand er inmitten der kleinen, wie ein Kinderzimmer dekorierten Kiste. Umrundet war sein Refugium von seinen großflächigen Gemälden, die thematisch auf die Werke der Ausstellung „Künstler und Propheten“ Bezug nahmen.

Die bis letzten Monat noch in Frankfurt platzierte Ausstellung präsentiert Werke deutschsprachiger Künstler wie Egon Schiele, Johannes Baader, Heinrich Vogeler, Joseph Beuys und Friedensreich Hundertwasser. Ziel der Ausstellung ist es, eine bisher nicht wahrgenommene Verbindungslinie dieser Persönlichkeiten zu betonten: Sie alle waren Künstler, die sich mit prophetischem Gedankengut, teilweise mit ökologischen Prämissen oder sozialrevolutionären Ansätzen beschäftigten. Dreh- und Angelpunkt ist der Einfluss von Karl Wilhelm Diefenbach. Er hatte eine Art Vorreiterrolle. Als Vegetarier, Barfußgänger und Gründer einer Kommune, verschrieb er sich einen exzentrischen, naturnahen Lebensstil. Zugleich enthielt sein Denken reformistisch-religiösen Ansichten und monistischen sowie theosophischen Ideen.

Verbindung gesucht

Wie steht Meese zu diesem prophetischen Gedankengut? Eine Antwort auf die Frage liefert seine Installation und seine Performance. Er rückt ab von jeglichen ideologischen Inhalten und warnt vor diesen. An seine langen Leinwände schrieb Meese teilweise die Namen der Künstler, bunte Farben und verzogene Motive wirken grotesk und skurril. In seinem Projekt spiegelt sich seine von ihm propagierte „Diktatur der Kunst“, die er bereits in anderen künstlerischen Aktivitäten zum Ausdruck brachte. Den Papieren auf Meeses Kiste zufolge, solle die Macht der Kunst regieren, die Diktatur der Kunst, es gehe nur um die Kunst an sich, Liebe und Demut seien wesentlich dafür. Damit verneint er jegliches prophetisches Gedankengut.

Doch was hat Meese mit den ausgestellten Künstlern gemeinsam? In gewisser Nähe ist er dem ebenfalls in der Ausstellung präsentiertem Künstler Jörg Immendorf, mit dem er bereits in künstlerischen Projekten zusammenarbeitete. Jörg Immendorf, Verehrer des ebenfalls ausgestellten Joseph Beuys, erhielt viel Aufsehen mit seinem neodadaistischen, provozierenden Aktionsprojekt „LIDL“ (mehr dazu auf Wikipedia: hier). Auch Meese verfolgt in seiner Kunst Extravaganz und Provokation.

Dies wurde deutlich in der über zwei Stunden dauernden Performance, in der er sein 105-seitiges Manifest las. Dabei befand er sich in einem Selbstdialog, griff immer wieder zu den um sich drapierten Spielzeugtelefonen und imaginierte teilweise seine Mutter, teilweise Diefenbach am anderen Ende der Leitung zu haben. Schleifenartig, stellenweise von ihm ins Englische übersetzt, wiederholte er seine Standpunkte. Trotz dieser imaginierten telefonischen Vernetzung, in der er sich befand, rief er: „Die ideologischen Leitungen sind tot“. Er wetterte gegen Religion:„Da ist kein Guru, der dir deine Sorgen abnimmt,“ aber auch gegen die Politik: „Lasst euch nie wieder regieren von gar nichts.“ Teil von Meeses Kunststil ist das Aufgreifen von nationalsozialistischen Motiven, um diese zu entmystifizieren. Kurz vor Ende der Performance hob er die Hand zum Hitlergruß, was ihm nach mehreren juristischen Verfahren inzwischen zumindest in Deutschland als Künstlerfigur erlaubt ist.

Am Ende fällt die Wand

Nach zwei Stunden neigte sich das Spektakel dem Ende zu, vorher aß Meese noch Papierschnipsel, möglicherweise Seiten seines Manifests. Nachdem die eine Wand der Kiste fiel, trat Meese hervor, durchgeschwitzt, sein Manifest und Fotografien, die ihn selbst darstellten, in die Höhe haltend. An der Innenwand der Kiste stand: „ideologiefreier Raum“. Diesen verließ er und durchquerte die Messehalle, vorbei an den letzten Zuschauern, die seiner Performance bis zum Ende folgten.

Die meisten Besucher der Eröffnungsveranstaltung besuchten in der Zwischenzeit die umfangreiche Ausstellung. Diese zeigt über 400 Exponate, darunter Gemälde, Zeichnungen, Lithographien und vielseitiges Dokumentationsmaterial. Kuratorin ist Pamela Kort vom Frankfurter Museum Schirn. Die Kunstaustellung befindet sich bis zum 18. Oktober in Prag.

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