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Geschichtsaufarbeitung als Lebensaufgabe

Daniel Herman, der „tschechische Gauck“, erinnerte in Brünn an die Schicksale politisch Verfolgter.

 „Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse durch das Gute.“ Mit diesem Pauluswort wandte sich Daniel Herman, Leiter des Instituts zur Erforschung totalitärer Regime der Tschechischen Republik, bei seinem Vortrag im Rahmen der Ringvorlesung Wissenschaftskolleg Österreich-Bibliothek an das Publikum. Der Th eologe und ehemalige  katholische Pfarrer, dessen Familie die Unbarmherzigkeit zweier totalitärer Regime zu spüren bekam, ist seit 2010 der Direktor der staatlichen Organisation in der Tschechischen Republik, die sich mit der wissenschaftlichen Untersuchung und Aufklärung der nationalsozialistischen und der kommunistischen Herrschaft in der Tschechoslowakei auseinandersetzt.

Unter den zahlreich erschienenen Gästen des Vortrages mit dem Titel „Läuterung des historischen  Gedächtnisses im Kontext der tschechischen Geschichte. Können wir diese in Ehren verarbeiten?“ zählte auch der österreichische Botschafter in Tschechien Ferdinand Trauttmansdorff , der zu diesem Anlass – kurz nach dem österreichischen und dem tschechischen Nationalfeiertag - eigens nach Brünn gereist war.

Neben dem profunden Wissen des Redners war es vor allem die persönliche Atmosphäre im Saal, die besonderen Eindruck auf das Publikum machte. Es gelang Daniel Herman, seine Zuhörer durch seine eigene Familiengeschichte wie auch die  Schilderung anderer Lebensgeschichten, die unmittelbar von den beiden totalitären Systemen betroff en waren, in seinen
Bann zu ziehen.

Der Tag des Vortrags hatte eine besondere Bedeutung: Am 29. Oktober beging nämlich die katholische Kirche den Gedenktag der selig gesprochenen Schwester Maria Restituta (geborene Helene Kafková). Die gebürtige Brünnerin wurde vor genau 70 Jahren, am 29. Oktober 1942, wegen „landesverräterischer Feindbegünstigung und Vorbereitung zum Hochverrat“ durch das Landesgericht für Strafsachen Wien als einzige Ordensfrau im Dritten Reich zum Tode verurteilt. Nach dem „Anschluss“ 1938 scheute sich Schwester Restituta nicht, ihre Ablehnung des neuen Regimes offen zu äußern. Ein im Dezember 1941 von der Ordensfrau vervielfältigtes pazifistisches Soldatenlied samt einem Bericht über eine große Bekenntnisfeier der Katholischen Jugend im Freiburger Münster wurden ihr schließlich zumVerhängnis. Zur Last wurde ihr außerdem gelegt, dass sie sich als Krankenschwester nach der Etablierung des Nationalsozialismus in Österreich weigerte, die Kruzifixe aus den Krankenzimmern im Spital Mödling zu entfernen.

An ihren Kampf gegen den  Nationalsozialismus erinnerten in ihren Grußworten auch der Präsident des Landesgerichts, an dem Schwester Restituta verurteilt und hingerichtet wurde, Friedrich Forsthuber und Ursula Schwarz vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes in Wien.

Das Mädchen mit dem Koffer

Daniel Herman warb für Bußgesinnung und Friedfertigkeit nicht allein mit dem Schicksal der mutigen Nonne, sondern auch mit seiner eigenen Familiengeschichte: Die Familie seines Urgroßonkels wurde von den Bolschewiki bei der Revolution in Russland ausgelöscht. Daniel Hermans Großmutter war im Konzentrationslager Theresienstadt (Terezín) interniert und wurde wie auch sein Großvater und seine Tante durch die Nazis umgebracht.

Das Schicksal der Tante Hermans verarbeitete Karen Levine literarisch in dem berühmten Buch „Hannas Koffer“ („Hanin kufřík. Příběh dívky, která se nevrátila“), das mehrfach prämiert und mit den Tagebüchern der Anne Frank verglichen wurde. Die Geschichte der Hanna Brady (Hana Bradyová), eines 13-jährigen jüdischen Mädchens aus Mähren, das in Ausschwitz-Birkenau vergast wurde und einen Koff er hinterließ, ist die Geschichte von Daniel Hermans Tante. Der besagte Koff er gelangte nach dem Krieg nach Japan und wurde im Millenniumsjahr im Holocaust Educational Ressource Center in Tokio ausgestellt. Nach jahrelanger Detektiv- Arbeit von Fumiko Ishioka, der Leiterin der Gruppe „Kleine Flügel“, konnte das Lebensschicksal des Mädchens rekonstruiert werden.

Aber auch Daniel Herman erfuhr die politische Verfolgung am eigenen Leib durch die kommunistische Staatssicherheit, die ihm „zionistische“ beziehungsweise „revanchistische“ Umtriebe anhängen wollte: Als Deutsche vertrieben, lebten seine jüdischen Verwandten nämlich in Westdeutschland. Allein dieser Umstand wie auch seine Kontakte zu Israel waren der Grund für seine Bespitzelung.

Doch wie Herman mehrfach betonte, dürfe man seinem Hass und seinen Rachegefühlen nicht verfallen, sondern müsse sich von diesen zu reinigen und negative Energie in positive umzuwandeln wissen.

„Der Vortrag von Daniel Herman, dem ,tschechischen Gauck‘ hat mich sehr tief beeindruckt. Aus meiner Sicht hat Daniel Herman auch sehr ausführlich immer wieder gezeigt, dass er sich nicht anmaßt, zu definieren, was moralische Aufrichtigkeit in jedem einzelnen Fall ist, und hat deshalb auch bei jeder Frage dieser Art eine konkrete Antwort explizit verweigert – gerade das fand ich persönlich sehr überzeugend“, fasste Alexander Wöll, ehemaliger Lektor in Oxford und gegenwärtig Dekan der Philosophischen Fakultät an der Universität Greifswald, seinen Eindruck von dem Vortrag und der anschließenden Diskussion zusammen.

Die Veranstaltung entstand unter anderem in Zusammenarbeit mit der Ackermann-Gemeinde Rottenburg-Stuttgart und der Diözese Rottenburg- Stuttgart, die auf diese Weise der Allgemeingültigkeit der Menschenrechte hierzulande wie in Mitteleuropa mitgedachten.

Mehr Informationen finden Sie unter: wiko.phil.muni.cz. Die Autorin ist Studentin der Germanistik an der Philosophischen Fakultät der Masaryk-Universität Brünn.

 

 

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