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Museum der 100 Tage

Kunst in Kassel: In diesem Sommer findet zum dreizehnten Mal die documenta in der nordhessischen Metropole statt.

 

 

Den Ausgangspunkt jeder documenta bildet das Fridericianum, das, 1779 erbaut, seinerzeit eines der ersten öffentlichen Museen Europas war.

 

In diesem Jahr beginnt die Kunst allerdings schon vor den Toren des altehrwürdigen Gebäudes: Auf der Grünfläche steht eine kleine Zeltstadt – „Occupy Kassel“ prangt dort in großen Lettern.

 

Hier wohnt Sebastian: „Beuys hat mal gesagt: Jeder ist ein Künstler. Und jeder Mensch trägt dazu bei, dass die Welt so aussieht, wie sie aussieht“, erklärt Occupy-Anhänger Sebastian. Und die sieht im Camp ziemlich bunt und einladend aus. Ganz im Gegensatz zum Projekt der Besetzer gleich daneben: 28 einfache weiße Zelte, auf die die Camp-Bewohner Begriffe wie Gier, Hochmut, Geiz und Neid geschrieben haben. Ihrer Meinung nach die „Grundübel der Zeit“. „Wir wollen die Menschen einladen, wieder mehr am gesellschaftlichen Diskurs teilzunehmen“, erklärt Sebastian.

 

Das passt zur documenta (13), die zur Halbzeit nach genau 50 Tagen mit 378 000 Besuchern bereits einen Besucherrekord verzeichnete. Denn die weltweit bedeutendste Schau für zeitgenössische Kunst legt in diesem Jahr viel Wert auf Diskussion. Mit zahlreichen Workshops, Diskussionsveranstaltungen, Lesezirkeln und Kongressen kommt die diesjährige documenta sehr publikumsnah daher und lädt ein zum Diskurs über Kunst und Kultur, Wirtschaft und Wissenschaft, Politik und Zeit.

 

Folgerichtig zeigt sich auch die künstlerische Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev, genannt CCB, aufgeschlossen gegenüber den Bewohnern des kleinen Camps.

 

Nach einer gekühlten Bionade aus kontrolliert biologischem Anbau – die imperialistische Coca-Cola hat Kuratorin CCB von den Erfrischungsständen der d13 verbannt, was ganz im Sinne der kapitalismuskritischen Besetzer sein dürfte – geht es ins „Hirn“ der documenta. In der Rotunde des Fridericianum laufen die einzelnen Stränge der d13 zusammen.

 

Hier findet man eine Art „Mini-documenta“ mit Verweisen auf die Themen und Orte der Ausstellung, die über ganz Kassel verteilt sind. Die Bandbreite reicht von den „Baktischen Prinzessinnen“, Statuetten aus dem zweiten und dritten Jahrtausend vor Christus, über ein Landschaftsbild des Afghanen Mohammad Yusuf Asefi, der in den 90er und 00er Jahren durch Übermalung mehr als 80 Bilder vor der Zerstörung durch die Taliban rettete, bis zum berühmten Foto der Kriegsreporterin Lee Miller in Adolf Hitlers Badewanne.

 

Kreativer Widerstand

Im „Hirn“ stößt man auch auf das „tschechoslowakische Radio“ des ungarischen Künstlers Tamás St. Turba. Als 1968 die Truppen des Warschauer Pakts das Verbot erließen, Radiosendungen zu hören, wurde das tschechoslowakische Radio erfunden: Ein einfacher Ziegelstein, dem die Leute zu lauschen vorgaben. Die Armee konfiszierte tatsächlich Tausende dieser Ziegelsein-Radios. Für den Künstler Turba ist das tschechoslowakische Radio ein Sinnbild für kreativen Widerstand, „eine Waffe in einem Guerillakrieg der Kreativität der Massen“.

 

Ein Highlight abseits der Hauptschauplätze ist das Hugenottenhaus, dem der umtriebige Theaster Gates aus Chicago mit vielen helfenden Händen neues Leben eingehaucht hat. 1826 erbaut, diente das Haus in der Kasseler Friedrichsstraße als Wohnhaus und Hotel, bis es im Zweiten Weltkrieg beschädigt wurde. Die letzten vierzig Jahre stand es leer.

 

Gemeinsam mit Teilnehmern an Arbeitsförderungsmaßnahmen aus Chicago und Kassel und unter Verwendung von Materialien aus Abbruchhäusern ist ein lebendiger Ort entstanden, der der Stadt auch nach der documenta als Veranstaltungsort und Skulptur erhalten bleibt. Auf Erkundungstour durch die Stockwerke, die von Jazz und Blues widerhallen, staunt man über die einfallsreich recycelte Inneneinrichtung aus Schutt und Müll. Kunst an der frischen Luft gibt es in den barocken Karlsauen: Zypressen in militärischer Formation, eine ewige Welle oder ein Baum, in dem ein riesiger Stein sitzt. Eine ganze Stadt voller Kreativität: Die documenta ist noch bis zum 16. September unbedingt einen Besuch wert.

 

 

 

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