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Über das Ankommen

Titel: "...halbstark" von Jenny Schon

Die Nachkriegsgeschichte spielt in zwei Welten: 1945 werden Lena und ihre Tochter Berta Pütz gezwungen, ihre Heimat in Trautenau, heute Trutnov in Tschechien, zu verlassen. Jenny Schon erzählt die Geschichte aus der Perspektive des aufmerksam beobachtenden Kindes.

Während die Luftwaffentruppe des Vaters Fritz Pütz vom Flughafen in Königgrätz (Hradec Králové) Richtung Westböhmen abmarschiert, sind Lena und Berta den Übergriffen der einmarschierenden Russen schutzlos ausgeliefert. Sie erleben wie rachgierige tschechische Milizen plündern, morden und vergewaltigen. Kurzfristig genießt Lena den Schutz eines tschechischen Antifaschisten, der sie heiraten und Tochter Berta adoptieren möchte.

Doch Lena ist entschlossen, mit Berta den Vater zu suchen. Beide werden wie ihre Familie durch die inhumanen tschechischen Sammellager getrieben und landen nach einer Odyssee über Sachsen in Köln.

Kalte neue Heimat

Die Ankunft im winterlichen zerbombten Köln ist ein Schock für Lena und Berta. Keine Brücke ist passierbar. Oma Berta, die Schwiegermutter in Brühl, teilt den beiden lakonisch mit, dass für sie kein Platz in der Notunterkunft sei und dass der Papa eine „Neue“ habe.

Nun fängt die Suche nach einer Bleibe im zerstörten Rheinland an. Im Frühjahr besitzen sie endlich ihr eigenes Zimmer. Aber die Nahrung ist rationiert. Die Zuteilung der Lebensmittelmarken wird zum alles bestimmenden Zeitmaß. Um zu überleben, müssen Mutter und Tochter hamstern, fringsen und tauschen. Durch wechselnde Arbeitsstellen von Fritz und Lena mit Nebenjob, immer den besten Verdienst im Blick, Kleintierhaltung, Gartenbewirtschaftung, Konservierung, Selbstschneiderei und Mitarbeit von Berta erwirtschaftet die Familie so viel, dass sie einigermaßen leben kann. Die Lebenslehre für das Kind aus diesen harten Zeiten bleibt das Credo ihres sozialdemokratischen Vaters: Selbst wenn die SPD die Arbeitsbedingungen erleichtert – der kleine Mann muss immer arbeiten.

Eingeflochten in den Kampf der Familie Pütz ums Überleben im rheinischen Nachkriegs-Brühl ist die Geschichte vom Heranwachsen des schweigsamen Flüchtlingskindes. Die während der wilden Vertreibung erlebten Traumata von Berta lässt die Schriftstellerin mit dem obligatorischen Nachkriegsschweigen verstummen. Sie konzentriert sich darauf, zu zeigen wie das ausgegrenzte Kind Schritt für Schritt einen Anker sucht, um sich über Wasser zu halten.

Geborgenheit findet Berta in Bonn bei den dort gelandeten böhmischen Großeltern mütterlicherseits. Sie haben die tschechischen Lager knapp überlebt. Sie führen Berta in die Zauberwelt der Märchen, der Düfte der böhmischen Küche und der Früchte des Gartens ein.

Im Kindergarten kann Berta sich nicht einfügen. Sie schließt sich in der Toilette ein, weil ihr die vielen Kinder Angst machen. Ohne Kinderbetreuung verliert Lena ihre Putzstelle beim Bankdirektor. Zum ersten Schultag reicht das Geld nicht für die versprochene Schultüte. Das „Pimockenkind“ wird auf den alten Lederranzen von Tante Änne vertröstet. Als Flüchtlingskind muss Berta Kippen, Rüben und Kohlen sammeln. Die Kinder, die damals noch auf der Straße spielten, bekriegen sich gegenseitig, besonders aber die Flüchtlingskinder. Auch Berta gerät zwischen alle Fronten, weil kaum einer mit ihr als Flüchtlingsmädchen und schon gar nicht mit einem evangelischen spielen will.

Mädchenbuch der anderen Art

Berta ist intelligent, aber in der Schule wirkt sie oft müde, unaufmerksam, träumt und schläft sogar ein. Der Lehrer schlägt mit dem Lineal auf ihre Fingerspitzen und nennt sie aufgrund ihres runden Kopfes Luftballon mit Ohren. Dass in diesen Kreisen eine Tochter, auch wenn sie gut lernt, nicht auf die höhere Schule geht und Berta eine Lehre machen soll, ist selbstverständlich.

Weil sie in Rechnen gut ist, bestimmt die Berufsberaterin, dass Berta eine Ausbildung zur Steuerfachfrau antritt. Das Ansinnen des Mädchens Märchen-Erzählerin werden zu wollen, quittiert sie mit Hohn. Jenny Schon benutzt für ihren Roman „...halbstark“ eine einfache klare Sprache, die nur in Schlüsselszenen in den Brühler Dialekt übergeht. Die handelnden Personen bleiben den traditionellen patriarchalischen Rollenstrukturen der Nachkriegszeit verhaftet.

Einzig das Flüchtlingskind Berta kämpft nicht nur für die eigene Mündigkeit sondern auch gegen die Diskriminierung als Frau und die tagtägliche Ausgrenzung als Flüchtlingskind. Während sie von dem stärksten einheimischen Mädchen unter den Zurufen der Jungen „zeig es dem Pimock“, dem Flüchtling, zu Boden gedrückt wird, sagt sie sich, irgendwann werde ich oben sein. In diesem Sinne bietet das Buch eine starke Identifikationsmöglichkeit für heranwachsende Mädchen.

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