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Vergessene Kunst in Aussig

Die Ausstellung „Freiheit und Liebe“ im Museum in Ústí nad Labem (Aussig) zeigt Kunst und Literatur im Kampf gegen Unterdrückung und Gewalt.

 

 

Eine weibliche Gestalt mit hohlen Augen und ausgemergeltem Gesicht schaut den Betrachter an. Im Hintergrund: Auschwitz. Ein Lagergebäude mit rauchenden Schornsteinen. Im Vordergrund: ein Blechbecher und ein Blechnapf. Die Perspektive scheint zu verschwimmen, zu zerfließen. In dem Bild „Aus Auschwitz zurück“ von 1948 erzählt der Maler Otto Pankok die Geschichte des Sinti-Mädchens Gaisa, die er einst als ein fröhliches und freches Zigeunerkind kennengelernt hatte, und die als einzige ihrer Familie dem Schrecken des Naziregimes entkommen war.

 

Der Maler selbst erhielt unter den Nazis 1936 Arbeitsverbot, ein Jahr später verschwanden seine Werke aus deutschen Museen. „Wenn Sie durch die großen deutschen Kunstmuseen gehen, klafft zwischen den 1920er und den 1950er Jahren eine Lücke, die wir zu schließen versuchen“, sagt Rolf Jessewitsch, Direktor des Kunstmuseums Solingen, das sich verfolgter Kunst widmet. Aus der Solinger Sammlung kommen die Werke verbotener und verfolgter Künstler, die nun unter dem Titel „Freiheit und Liebe“ in Ústí nad Labem zu sehen sind.

 

Freiheit in Bild und Wort

Kuratiert wurde die Ausstellung von Jürgen Kaumkötter vom Prager Muzeum Montanelli. Neben den Bildern unterschiedlicher Stilrichtungen wie Impressionismus, Neue Sachlichkeit und Expressionismus geht es auch um die Freiheit des Wortes. Nicht nur Bildende Kunst wird gezeigt, sondern auch Literatur. Das verbindende Element ist der Kampf um Freiheit und Menschlichkeit, den die Künstler und Autoren während der beiden Diktaturen des 20. Jahrhunderts gegen Gewalt und Unterdrückung führten.

 

Die ausgestellten Bücher stammen aus der Sammlung von Jürgen Serke, der mit seinem 1987 erschienenen Buch „Böhmische Dörfer“ bis dahin weitgehend unbekannten deutschsprachigen Autoren aus den Böhmischen Ländern zu einer Wiederentdeckung verhalf. Denn die 47 Autoren, deren Biographien der Journalist Serke akribisch recherchierte, waren durch die zwei Diktaturen in Vergessenheit geraten. Erstausgaben von Kafka, Rilke und Brod aber auch weniger bekannte Autoren wie den blinden Oskar Baum, Ludwig Winder, Hans Natonek und Paul Leppin kann man in Ústí entdecken.

 

„Die Frage ist, wie stellt man Literatur aus“, sagt Kurator Kaumkötter. „Uns war es wichtig, die Bücher als Kunstobjekte zu zeigen.“ Und so sind sie in Virtrinen ausgestellt, neben denen zum Beispiel eine Skulptur von Milly Steger, der bedeutendsten deutschen Bildhauerin der zwanziger Jahre, steht. Ihre Plastiken wurden von den Nazis als „entartet“ beschlagnahmt.

 

Die Ausstellung ist im Rahmen der Kampagne „šprechtíme“ zur Förderung der deutschen Sprache in Tschechien mit Unterstützung der Deutschen Botschaft Prag, des Collegium Bohemicum und der Stadt Ústí nad Labem entstanden. Im Rahmen des Projekts veranstaltete außerdem das Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren zwei Medienworkshops unter dem Motto „Journalist für einen Tag“ für Schüler der Aussiger Grundschulen. Schüler der siebten bis neunten Klasse lernten unter der Leitung der Journalistin Bára Procházková die Ausstellung schon vor der offi ziellen Eröffnung kennen. Dabei erfuhren sie mehr über die verfolgten Künstler und Schriftsteller und schrieben eigene Porträts und Essays, die in Mladá Fronta Dnes und der Zeitschrift Freundschaft veröffentlicht werden.

 

Der deutsche Botschafter in Tschechien Detlef Lingemann, der sich zuvor den Fragen der Nachwuchsjournalisten gestellt hatte, freute sich über die Eröffnung der Ausstellung, die den Horizont der Kampagne „šprechtíme“ erweitert habe. „Die hier gezeigte Vergangenheit der deutschen Sprache in Tschechien regt zum Nachdenken über ihre gegenwärtige Situation in Tschechien an“, sagte er mit Blick auf die sinkenden Zahlen der Deutschlerner.

 

Der parteilose Präsidentschaftskandidat Jan Fischer ging in seinem Grußwort bei der Vernissage auf den Titel der Exposition ein. „Jede Diktatur hat versucht, die freien Künste zu unterdrücken, die Sprache der Freiheit“, sagte Fischer. „Heute leben wir zwar in Freiheit, aber oft gibt es zu wenig Liebe. Stattdessen gibt es Hass, der aus Vorurteilen besteht und entbrennt“, plädierte er für mehr Toleranz.

 

Gegen das Vergessen

Dass viele der in Ústí gezeigten Künstler wie Otto Pankok und Milly Steger, Theo Gebürsch, Otto Nagel und Carl Rabus heute weitgehend unbekannt sind, sind die immer noch sichtbaren Folgen ihrer einstigen Verbannung: „Sie wurden von den Nazis aus den Museen entfernt. Man wollte, dass sie vergessen werden“, erklärt der Solinger Museumsdirektor Rolf Jessewitsch. „Es ist wichtig, die Geschichte der Täter zu kennen, aber noch wichtiger, die Lebensgeschichten der Opfer zu kennen. Denn sie haben uns Wichtigeres zu sagen“, beschreibt Rolf Jessewitsch die Idee der Ausstellung „Freiheit und Liebe“. Und so nehmen die Lebensgeschichten der Künstler, die auf großen Schautafeln dargestellt werden, einen wichtigen Platz ein. Lebensgeschichten wie die Otto Pankoks, der sich nicht nur mit seiner Kunst auf die Seite der Schwachen und Verfolgten stellte. In den dreißiger Jahren besuchte er die sogenannte „wilde Siedlung“ der Sinti und Roma im Düsseldorfer Heinefeld und fand dort viele Freunde. Unter Lebensgefahr versteckte er im Dritten Reich ein Sinti-Ehepaar in seiner Wohnung und brachte nach Kriegsende einen SS-Mann für seine Verbrechen an den Sinti und Roma vor Gericht. So ist es nicht nur die ausgestellte Kunst, sondern auch die bewegten und bewegenden Schicksale der Künstler, die in Aussig dem Vergessen entrissen werden.

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