In Memoriam: Olbram Zoubek

Foto: Olbram Zoubek inmitten seiner Werke - Foto: kacr

Im Alter von 91 Jahren verstarb heute der angesehene Bildhauer Olbram Zoubek. In Erinnerung an sein Lebenswerk veröffentlichen wir an dieser Stelle einen Artikel über den Künstler, der in der LandesZeitung 24/25 2013 erschienen war.

Kunst und Demut des renommierten Bildhauers Olbram Zoubek

Schon auf den ersten Blick wirkt der großzügige Raum der Reithalle der Prager Burg, mit den rund   300 ausgestellten Statuen imposant. Im Unterschied zu anderen Kunstausstellungen, die hier bislang präsentiert wurden, sind die großen Fenster nicht abgedeckt. Und so verändert sich das  Schattenspiel an den Figuren mehrere Male am Tag. Diesen steten Stimmungswechsel können Ausstellungsbesucher nach Belieben bewundern, denn die Organisatoren haben hier eigens dafür mehrere Sitzgelegenheiten geschaffen. Dank der unverdunkelten Fenster eröffnet sich ebenfalls die Aussicht ins Freie. Auch hier wurden mehrere Figuren-Gruppen des Bildhauers Olbram Zoubeks aufgestellt, der zu den berühmtesten bildenden Künstlern Tschechiens gehört.

Gegen die Zeit

Die grandiose Retrospektive Zoubeks beginnt bereits im Vestibül, wo ein Männertorso aus der   jüngsten Schaffenszeit des Künstlers steht. Gemeinsam mit anderen Medienvertretern lasse ich mich während einer kommentierten Besichtigung zwischen den Statuen führen. Einen besseren Begleiter könnte man sich kaum wünschen. Denn es ist der siebenundachtzigjährige Meister persönlich! Kaum von seiner Seite weicht seine Tochter Polana Bregantová, die gleichzeitig die Kuratorin der  Ausstellung ist.

Wie sie betont, lag die Herausforderung nicht nur darin, eine repräsentative Auswahl einzelner  Kunstobjekte zu treffen und diese dann rechtzeitig aus unterschiedlichen Galerien und  Privatsammlungen zusammen zu tragen. Sondern auch, die Werke Zoubeks optimal zu präsentieren. Als geglückt erwies sich schließlich die Konzeption, nach der alle überdimensionalen Statuen dem eintretenden Ausstellungsbesucher entgegen blicken. Zoubeks Figuren schreiten majestätisch in einem Zug und nehmen uns mit auf eine Zeitreise durch das Lebenswerk des Bildhauers.

Es ist eine Wanderung gegen den Strom der Zeit: die Reise beginnt mit den jüngsten Figuren am Eingang und endet am frühesten Werk des Autors, als er sich künstlerisch noch suchte. „Als Betrachter dieses langen Statuenzuges könnte man leicht dem Anschein verfallen, dass ich meine Künstlerbahn zielbewusst geplant habe. Doch dem nicht so“, sagt Zoubek.  Es war in der Tat ein krummer und holpriger Weg, bis Zoubek zu einem der meistbegehrten tschechischen Bildhauer wurde, dessen Werke der ehemalige tschechische Präsident Václav Havel hoch schätzte und manche von ihnen in seine Arbeitsräume stellen ließ.

Von Lehrling zum Künstler

Olbram Zoubeks Karriere begann in einer Schreinerwerkstatt, wo er seine ersten Lehrjahre verbrachte. Bereits hier entflammte seine lebenslange Leidenschaft für das Handwerk. Kurz träumte er von einer Schauspielkarriere und schloss sich sogar einer studentischen Schauspielgruppe an. Doch dann begegnete er Professor Miroslav Kužel, der in einer Prager Realschule während des  Zeichenunterrichts sein Talent entdeckte und entfaltete. „Gerade ihm habe ich zu verdanken, dass ich mit dem Modellieren anfangen habe. Er schlug meinen Eltern vor, dass er mich für die Aufnahmeprüfungen an der Kunstakademie vorbereiten würde. Und meine musischen Eltern hatten zum Glück nichts dagegen“, erinnert sich Zoubek zwischen seinen Statuen.

Das überhaupt erste Werk seiner Bildhauerkarriere stellt die achtzehn Zentimeter hohe Bronzestatue eines Harmonikaspielers dar, die einen Sonderplatz in der Glasvitrine des Treppenhauses der Reithalle einnimmt. Zoubek hat sie als ein siebzehnjähriger Student der Kunstakademie im Jahre 1943 entworfen. Mit ihr fing der Lebensweg eines Bildhauers an, der sich über sieben Jahrzehnte erstreckt. Die Etappe seiner künstlerischen Selbstfindung findet man in der Form geometrischer Vereinfachung menschlicher Körper nieder.

Denn der Mensch stellt für Zoubek ein grenzenloses und ewiges Thema dar, sei es im Abbild einer Muse, von Familienmitgliedern oder Freunden, wobei sie hier jeweils in mehreren Variationen vertreten sind. Seine unverkennbare Handschrift, für die vor schlanke Vertikale, ein beinahe schwereloser Zustand und eine ausdrucksstarke Gestik charakteristisch sind, fand Zoubek erst Ende der 50er Jahre.

„Meine nachhaltigste Inspiration war dabei unser Griechenlandbesuch, den wir gemeinsam mit meiner damaligen Frau, der ebenfalls berühmten Bildhauerin Eva Kmentová im Jahre 1958 unternommen haben. Seitdem steht mein Schaff en unter dem Einfluss alter Kulturen, vor allem des frühen Griechenlands. Deshalb befindet sich gerade die Skulptur von Ifigenie, umgeben von Gruppe weiteren Helden der griechischen Mythologie, wie der Königin Klytaimnestra, auch im Mittelpunkt meiner Ausstellung,“ sagt Zoubek und zeigt auf eine seiner berühmtesten Frauengestallten mit beredter Handgestik und goldenem Haar.

Der Bildhauer hat sie aus Zement hergestellt, der neben Bronze und Zinn zu seinem bevorzugten Material gehört. Ebenfalls unter dem Einfluss der Antike begann Zoubek später, seinen Figuren Farbe aufzulegen. Blau, Gold und Rot gehörten dabei zu den häufigst verwendeten Tönen. Den eigenen Worten nach reizt ihn dabei gerade die Spannung zwischen der Verbindung des banalsten, günstigsten und alltäglichsten Materials wie Beton mit dem ewig jungen und teuren Gold.

Wie es anhand seiner Exponate deutlich wird, ließ der Künstler vom Färben seiner Objekte im Laufe der Zeit ganz ab. „Wenn man sich als Bildhauer entscheidet, ob die Statue vollendet ist, muss er sich sicher sein, dass sie auch gut ist. Und Polychromie wäre ein Zeichen dafür“, erklärt Zoubek. „Da ich jedoch stets an meinen Statuen zweifle, hörte ich irgendwann ganz mit dem Färben auf. Auch deshalb haben einige Statuen grobe Strukturen, als ob sie nicht wären. Es ist ein Ausdruck meiner inneren Unsicherheit und Scheue, sie voll zu enden“, schließt Olbram Zoubek ehrerbietig unsere gemeinsame Besichtigung seiner Ausstellung.

Olbram Zoubek wurde 1926 in Prag geboren und gehörte zu den bekanntesten bildenden Künstlern Tschechiens. Doch nicht immer stand er auf der Sonnenseite des Lebens. Nachdem er die Totenmaske des Studenten Jan Palachs angefertigt hatte, der sich auf Protest gegen die sowjetische Besatzung der Tschechoslowakei 1969 auf dem Wenzelplatz selbst verbrannte, wurde Zoubek bei der tschechischen Öffentlichkeit auf Anhieb berühmt. Die kommunistische Staatsmacht verbot ihm daraufhin jegliche Ausstellungen seiner Werke. Zum Glück dürfte er sein Atelier behalten, wo er seine Arbeit fortsetzte. Seit 1971 kehrte er zur Restaurierung zurück, zum Beispiel des Graffitos am Schloss Přerov nad Labem und später am Schloss Litomyšl (Leitomischl), in dessen Kellerräumen die größte Sammlung seiner Werke zu bewundern ist. Zu seinen berühmtesten Werken gehört unter anderem das Mahnmal für die Opfer des kommunistischen Regimes in Prag – Újezd. Für sein Lebenswerk wurde Olbram Zoubek 1996 mit dem Staatspreis ausgezeichnet. Er lebte abwechselnd in Prag und Leitomischl.

 

Dieser Artikel erschien der LandesZeitung 24/25 2013.