Zehn tschechische Schriftsteller, Bildende Künstler und Journalisten nähern sich den Deutschen in Böhmen und Mähren.

"Unsere Deutschen" ist die neue Dauerausstellung zu 750 Jahren deutsch-tschechischen Zusammenlebens in den böhmischen Kronländern überschrieben, die Ende September in Aussig (Ústí nad Labem) - nun endlich - eröffnet werden soll. Sie spricht bewusst nicht von Sudeten oder Sudetendeutschen, sondern greift ein Wort von Präsident Masaryk aus den 1920er Jahren auf. Seit der Samtenen Revolution hat es wieder Eingang gefunden in den tschechischen Sprachgebrauch, zaghaft zunächst und bis heute nicht ohne Widerspruch.

Zeugnis davon legen auch prominente Autorinnen und Autoren ab, insgesamt zehn an der Zahl, die der Einladung des Adalbert Stifter Vereins und des Tschechischen Zentrums in München folgten, um dort über ihren Weg zu "ihren" Deutschen zu sprechen. Oft genug ist es, so stellt sich heraus, ein steiniger Weg, den sie dabei beschreiten und beschreiben, schlimmer noch: gepflastert mit Toten, mit Leichenbergen. Es ist das Schlachtfeld Mitteleuropa, „the beautiful landscape of battlefields, cementeries and ruins“, so zitiert Jaroslav Rudiš seine Romanfigur in "Winterbergs letzte Reise",  oder es sind die Züge nach Auschwitz, die sein Bahnwärter Alois Nebel (in der gleichnamigen Graphic Novel) nicht vergessen kann. So gesehen liegt Böhmen am europäischen Meer, unterstreicht Radka Denemarková („Ein Beitrag zur Geschichte der Freude“) mit einem Shakespeare-Zitat, das Ingeborg Bachmann 1964 zu ihrem Prag-Poem inspirierte -  Böhmen „als Formel einer versunkenen Kultur, der verdrängten Erinnerungen an die deportierten und ermordeten und vertriebenen Menschen“.

Kollektives Schweigen

Münchner Abkommen, deutsche Besetzung, Holocaust auf der einen, Kollektivschuld und Vertreibung auf der anderen Seite – schwer lastet diese Geschichte, die Opfer zu Tätern machte und in der Täter zu Opfern wurden, auf den deutsch-tschechischen Beziehungen. Erst mit dem Ende des Kommunismus löste sich das kollektive Verschweigen der Nachkriegsverbrechen in der Tschechoslowakei. Nichts, so schildert es Kateřina Tučková (Gerta - Das deutsche Mädchen), habe sie in Schule und Elternhaus von der multikulturellen Blütezeit ihrer Heimatstadt Brünn erfahren. Eher zufällig sei sie auf die Tragödie der wilden Vertreibung der Deutschen Ende Mai 1945 und das Massengrab bei Pohrlitz gestoßen. Auch die Journalistin Lída Rakušanová wundert sich bis heute über das lang anhaltende kollektive Geheimnis: 50.000 Menschen seien über Nacht aus ihrer Heimatstadt Budweis vertrieben worden, aber alle Mitbürger taten so, als sei nichts geschehen.

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Inzwischen hat sich das Bild gewandelt, dank der Arbeit von  Schriftstellern, Journalisten, Filme- und Ausstellungsmachern. Sie haben die historischen Lücken aufgearbeitet, mit oft bitteren Erkenntnissen gefüllt. Sie haben ihren Landsleuten den Kulturbruch in seinem ganzen Ausmaß vor Augen geführt: die Juden ermordet, die Deutschen vertrieben. Zugleich haben sie den Weg frei gemacht für einen offenen „Dialog in der Wahrheit“ mit den eigenen wie mit den vertriebenen Deutschen. Und doch, meint der Brünner Schriftsteller und Charta77-Unterzeichner Milan Uhde, seien die Tabus bis heute nicht vollends überwunden. Vergeblich habe er etwa als Kulturminister und Parlamentspräsident nach der „Wende“ ein Rückgabe- bzw. Entschädigungsgesetz zumindest für jene tschechischen Mitbürger deutscher Abstammung durchzusetzen versucht, die Widerstand gegen Hitler geleistet hatten.

So viel wie möglich reden

Erik Tabery von der Wochenzeitschrift Respekt verweist in diesem Zusammenhang auf die Wahlkämpfe von Miloš Zeman und Václav Klaus. Ihre Taktik, Ängste gegen Deutschland und die Deutschen zu schüren, habe an der Wahlurne tatsächlich zu ihren Gunsten funktioniert. Allerdings nur bei der älteren Generation. Für die Jungen, glaubt Chefredakteur Tabery zuversichtlich, sei dergleichen Angstmacherei Vergangenheit.

Nach dem Verleger Jiří Padevět haben Nationalismus und menschliche Dummheit  Europa in die Katastrophen des 20. Jahrhunderts geführt. Deutsche und Tschechen hätten damit die leidvollsten Erfahrungen machen müssen. Daraus die Lehren zu ziehen, bringt es Radka Denemarková auf den Punkt, bleibe ein einziger Weg: den anderen achten und sich bemühen, ihn zu verstehen und wahrzunehmen. Oder, wie Chefredakteur Tabery formuliert: die schlimmsten Dinge passieren aus Unkenntnis: „Lasst uns deshalb“, so sein Appell, „so viel wie möglich miteinander reden.“ Und Jaroslav Rudiš würde ergänzen: am besten bei einem Bier, das in Pilsen erstmals von einem Mann gebraut wurde, der aus Bayern kam. Das würde auch Tomáš Kafka gefallen: Dichter und Diplomat aus Prag. Er fand über seinen Vater, Übersetzer von Böll und Grass, dann als Kulturattaché im Berlin der neunziger Jahre zur deutschen Kultur, die ihn nicht mehr loslassen wird: Für ihn birgt der deutsche Nachbar so viele Fragen, Weisheiten und Geheimnisse, dass er Zeit seines Lebens damit wohl niemals richtig fertig werde: „Und das ist auch gut so“.


Wolfgang Schwarz (Hrsg.), Mein Weg zu unseren Deutschen.

Zehn tschechische Perspektiven. Viechtach 2019.