Der Arco Verlag erhält den erstmals mit 35 000 Euro dotierten Kurt-Wolff-Preis. Die Deutsche Literatur der böhmischen Länder bildet den Dreh- und Angelpunkt des Verlagsprogrammes.

Der Arco Verlag hat einen der schönsten Gründungsmythen unter den belletristischen deutschen Verlagen. Als Gründer Christoph Haacker 2002 nach Wimbledon fuhr, naturgemäß mit einem Londoner Taxicab, begrüßte ihn sein ins Auge gefasster Autor Fritz Beer mit der Frage: »Sind Sie Preuße?« Weil er so exakt pünktlich ankam. Haacker verneinte, und das war sein Glück. Denn Preußen mochte Fritz Beer nicht – und wurde also erster Autor dieses kleinen, aber sehr feinen Verlages. Er wurde 1911 in Brünn geboren, war Jude und früh Kommunist, der nach dem Hitler-Stalin-Pakt der Partei entsagte und nach Hitlers Einmarsch in Prag knapp entkommen konnte. In einem Güterwagen über die polnische Grenze hinter Ostrau (Ostrava). Auf Umwegen landete er in London, wo er sich freiwillig zur tschechoslowakischen Auslandsarmee meldete. Nach 1945 blieb er in London, denn der Rückweg war für ihn abgeschnitten. Die nächsten 30 Jahre betreute er bei der BBC das deutsche Radioprogramm. Und schrieb eben auch Literatur. Später war er der letzte Chef des deutschen Auslands-PEN in England.

Diesen weitgehend vergessenen Autor holte Haacker wieder ans Licht. Nicht mal in Jürgen Serkes hoch verdienstvollem Kompendium deutschböhmischer Dichter ist er verzeichnet (»Böhmische Dörfer«, Zsolnay 1987). »Kaddish für meinen Vater« hieß denn also 2002 das erste Buch des Arco Verlages, ein Fritz-Beer-Lesebuch. Unterdessen kam 2011 noch der Erzählungsband »Das Haus an der Brücke« heraus, ein Nachdruck des gleichnamigen Titels, der 1949 im Nest-Verlag Nürnberg erschien. Beide Bücher enthalten umfassende Nachwörter des Verlegers Haacker, die gut in Leben und Werk des Autors einführen. Übrigens kamen Beers Memoiren »Hast Du auf Deutsche geschossen, Grandpa? – Fragmente einer Lebensgeschichte« 1992 beim Aufbau-Verlag heraus (inzwischen längst vergriffen). Hier beeindrucken die Kapitel über die 20er und 30er Jahre, wo er sich schonungslos mit der kommunistischen Partei auseinandersetzt, weit ehrlicher, als viele andere Erinnerungsbücher über jene Jahre, in denen Stalin über die Komintern die kommunistischen Parteien Europas auf Linie trimmte.

Zurück zum Arco Verlag. Der Name Arco stammt vom gleichnamigen Prager Café, das heute zwar noch sichtbar, aber leider kein öffentliches Kaffeehaus mehr ist, sondern die Kantine des tschechischen Eisenbahnamtes. Es liegt nahe am heutigen Masarykbahnhof, dem einstigen Staatsbahnhof, Hybernská/Ecke Dlážděná. Hier trafen sich vor und nach dem Ersten Weltkrieg Werfel, Kafka, Kisch und andere. Das passt also!

Die Deutsche Literatur der böhmischen Länder jedenfalls bildet den Dreh- und Angelpunkt des Verlagsprogrammes. Die Reihe »Bibliothek der böhmischen Länder«, die mit Beer begann, ist unterdessen auf zwölf Bände angewachsen. Hier erschienen unter anderen Walter Serner, Ludwig Winder und Ernst Sommer, aber auch Ludvík Kundera und Jiří Langer. Neben der Literatur pflegt Arco auch ein wissenschaftliches Programm, das sich nahe am Hauptgegenstand bewegt. Beide Sparten scheinen sich gut zu befruchten. Bei der Literatur konnte man in den letzten Jahren eine gewisse Ausweitung in andere Kulturen und Sprachen beobachten. Das Spektrum reicht hier von der Lyrik eines James Joyce bis zu Autoren wie Gilberto Owen oder Óscar Domínguez, die häufig erstmals ins Deutsche übersetzt werden und immer zweisprachig erscheinen.

Daneben liegt ein Schwerpunkt der Verlagsarbeit bei jüdischen Autoren. Relativ neu ist die Reihe »Europa in Israel«, in der als Band zwei ein gewichtiger Gedichtband von Manfred Winkler erschienen ist, einem deutsch schreibenden Lyriker aus der Bukowina, Jahrgang 1922, der die transnistrischen Arbeitslager überlebte und über die Station Temeswar (Timișoara) 1959 nach Israel kam. Auch diese Erweiterung des Programms liegt nahe, denn viele der deutsch schreibenden Autoren Böhmens und Mährens waren jüdischer Herkunft.

Die Verleihung des diesjährigen Kurt-Wolff-Preises an den Arco Verlag ist zudem deshalb besonders zu begrüßen, da Arco in seinem Programm Autoren pflegt, die auch Kurt Wolff einst verlegt hat und die wie er das Schicksal des Exils erlitten. Zur besonderen Freude dieses Jahres trägt bei, dass die Stiftung die Preisgelder erhöhen konnte: So ist der Hauptpreis nun mit 35 000 Euro dotiert (vormals mit 26 000 Euro) und der Förderpreis mit 15 000 Euro (ehedem 5 000 Euro).