Das unentgeltliche Gastfreundschaftsnetzwerk „Couchsurfing“ ist ein Gegenentwurf zur kommerziellen Unterbringung und ermöglicht einen Tourismus ohne negative Nebeneffekte. Es eignet sich aber auch, um einfach neue Leute kennenzulernen. Unsere LandesBloggerin war in der Prager Couchsurfing-Szene unterwegs.

Ein neues Land, eine neue Stadt, eine neue Wohnung, neue Herausforderungen! Während die Partnersuche im Netz längst nichts Außergewöhnliches mehr darstellt und Liebeswillige auf verschiedenen Plattformen die Möglichkeit haben sich zu verlieben, scheint der Ort, um Freunde kennenzulernen, nach wie vor die analoge Welt zu sein. Oft sind es Hobbys, örtliche Gegebenheiten, der Beruf oder das Studium, die neue Bekanntschaften zu unseren Freunden werden lassen.

Ich bin es gewohnt, von Menschen umgeben zu sein. Meine Wohnung in Deutschland teile ich mir mit drei weiteren Mitbewohnern und auch sonst ist mir mein soziales Umfeld sehr wichtig. Auf Freunde, die 400 Kilometer entfernt in Deutschland ihren Sommer verbringen, kann ich hier in Prag leider gerade nicht zurückgreifen. Mein Anker in der sozialen Not: Couchsurfing. Das Gastfreundschaftsnetzwerk hat mich in den letzten Jahren bereits mit vielen außergewöhnlichen Orten und interessanten Menschen zusammengeführt. Ob die Yogamatte auf den Malediven, das luxuriöse Gästezimmer in der Penthouse Wohnung in New York, ein Heimkino in Amsterdam oder die Nacht in der Strohhütte auf der Insel Java. Mir wurden nicht nur Schlafplätze angeboten, sondern unvergessliche Erinnerungen und Freundschaften mit auf den Weg gegeben.

Couchsurfing verbindet Menschen aus den verschiedensten Teilen der Welt. Foto: Tomislav Perko

Couchsurfing verbindet Menschen aus den verschiedensten Teilen der Welt. Foto: Tomislav Perko

Das Couchsurfing-Prinzip

In über 200.000 Städten weltweit bieten 12 Millionen Mitglieder einen Schlafplatz oder ihre Gesellschaft an. Die Plattform, die es sich zum Ziel macht, Menschen weltweit miteinander zu verbinden und ein einzigartiges Reiseerlebnis zu schaffen, fordert dazu auf, „Freunde kennenzulernen, die man noch nicht kennt“. Sie wurde 2004 von den Gründern Casey Fenton, Daniel Hoffer, Sebastian Le Tuan und Leonardo Bassani da Silveira ins Leben gerufen.

Mit der Anmeldung auf Couchsurfing erhält man eine Profilmaske, die unter verschiedenen Rubriken dazu auffordert, sie mit persönlichen Informationen zu bestücken. Als Mitglied gibt es verschiedene „Dienste“, die man anbieten kann. Neben einem Schlafplatz gibt es die Option, sich mit Reisenden zu treffen und Ihnen die Stadt zu zeigen. Darüber hinaus wurden bisher über eine halbe Million Couchsurfing-Events veranstaltet, bei denen Einheimische sowie Reisende die Möglichkeit zum Austausch haben. Ob das Erlernen von Sprachen, gemeinsames Abendessen oder einfach nur gemütliches Biertrinken. Um die Vertrauenswürdigkeit der Mitglieder zu gewährleisten, wurden mehrere Mechanismen eingerichtet: Zum einen bieten Referenzen, die die Nutzer sich gegenseitig hinterlassen, einen Anhaltspunkt. Zum anderen besteht die Möglichkeit, seine Identität gegen einen geringen Geldbetrag überprüfen und verifizieren zu lassen. 

Länder mit mehr als 500 registrierten Couchsurfern (Stand 3.Januar 2011) Foto: Kransky, Couchsurfers by country, CC BY-SA 3.0

Länder mit mehr als 500 registrierten Couchsurfern (Stand 3. Januar 2011) Foto: Kransky, Couchsurfers by country, CC BY-SA 3.0

Gleichzeitig hat Couchsurfing viele Vorteile gegenüber dem gewöhnlichen Tourismus. Im Gegensatz zu Airbnb und der klassischen Hotellerie lockt Couchsurfing Touristen oft auch in die Peripherie der Städte und gewährleistet so ein weniger konzentriertes Aufkommen von Touristen an einem Ort. Gerade Prag ist stark vom sogenannten „Übertourismus“ betroffen. Dabei sind die Menschenmengen nicht nur für Einheimische eine Belastung, sondern werden oft auch von anderen Touristen als störend empfunden. Ob Venedig, Prag oder Paris, Forderungen werden laut, die Eroberung der Innenstädte durch Plattformen wie Airbnb zu regulieren. Couchsurfing kann da eine Alternative sein, denn die Preisentwicklung von Wohnraum in den Innenstädten bleibt davon unberührt.

Couchsurfing in Prag

Bereits vor meiner Abreise war ich positiv überrascht, zu sehen, wie aktiv die Couchsurfing-Community in Prag ist. Knapp 50.000 Mitglieder bieten hier einen Schlafplatz oder ihre Gesellschaft an. In ganz Tschechien sind es fast 200.000 registrierte Mitglieder.

Unter 50.000 Menschen sollte ich wohl fündig werden. Schon vor meiner Ankunft hatte ich Kontakt mit Pragern und solchen, die die Stadt zu ihrer Wahlheimat gemacht haben. Die erste Woche traf ich jeden Abend ein anderes Mitglied der Gemeinschaft. Jeden Abend eine andere Geschichte, jeden Abend bekam ich ein anderes individuelles Prag zu Gesicht. Die Offenheit und Gastfreundschaft beeindruckten mich zutiefst. Natürlich kommen besonders in der ersten Woche an einem neuen Ort viele Fragen auf, die auch Google nicht immer beantworten kann. Bereitwillig wurden mir diese beantwortet und ich wurde mit zahlreichen Tipps versorgt.

Ich bekam sehr schnell die Möglichkeit, der Community etwas zurückzugeben. Beim wöchentlichen Couchsurfing-Treffen im Prager Stadtteil Holešovice traf ich auf einen Studenten aus Italien, der sich gerade auf der Durchreise von Norwegen nach Italien befand und die letzten zwei Tage die Strecke von Pirna in Deutschland nach Prag zu Fuß zurückgelegt hatte. Nachdem er mir berichtete, er habe noch keine Unterkunft für die Nacht gefunden, bot ich ihm das Sofa in meinem neuen Zuhause an.

Außerdem machte ich an diesem Abend Bekanntschaft mit Boris und Daria, die Organisatoren der wöchentlichen Veranstaltung und „Couchsurfing- Botschafter“ hier in Prag. Sie berichteten mir, dass Prag in diesem Jahr zum Austragungsort eines internationalen Couchsurfing-Festivals namens „HospExFest2020“ wird. Im Rahmen einer Serie internationaler Events wird die Veranstaltung zum 13. Mal stattfinden. Vom 10. bis zum 13. September planen die beiden, mit der Unterstützung anderer Mitglieder Workshops, Musikevents, Stadttouren und Wanderungen anzubieten, um Leute von überall her auf der Welt miteinander zu verbinden und einen Ort des Austausches zu schaffen. 70 Leute haben bereits zugesagt, bei dem Event mitzuwirken. In diesem Jahr wird es coronabedingt natürlich ein Hygienekonzept geben, das die Sicherheit der Teilnehmer gewährleistet.

Bereits die ersten Begegnungen haben mir alle Ängste genommen und mich zuversichtlich gestimmt. Ich freue mich auf das Festival und viele weitere spannende Bekanntschaften hier in Prag.