Ganz Tschechien befindet sich seit Mitternacht in Quarantäne und beteiligt sich staatlich verordnet an „Flatten the curve!“. Dabei geht es darum, die Infektionswelle mit dem Coronavirus zeitlich hinauszuzögern, um das Gesundheitssystem nicht zu überlasten. Eine steile Kurve bedeutet eine schnelle Ausbreitung des Virus mit der Folge, dass nicht alle die nötige medizinische Versorgung bekommen können. Deshalb: soziale Kontakte vermeiden und die Kurve flach halten!

Nichts geht mehr. Grenzen dicht, Läden zu, Bordsteine hochgeklappt. Nicht einmal das Bier fließt noch, wer hätte sich das in Tschechien jemals vorstellen können? Die Apokalypse muss unmittelbar bevorstehen. Seit Anfang März hat das neuartige Coronavirus namens SARS-CoV-2, das die Atemwegserkrankung COVID-19 auslösen kann, nicht nur die Welt, sondern auch Tschechien fest im Griff. Das öffentliche Leben ist zum Erliegen gekommen seit die tschechische Regierung am vergangenen Donnerstag den nationalen Notstand verkündete. Schulen und Universitäten haben schon seit letzten Mittwoch geschlossen, jegliche öffentliche Veranstaltungen sind untersagt, Kultur darf nur noch in den eigenen vier Wänden stattfinden. Auch ihren Hunger müssen die Tschechen – und wer sich sonst gerade noch in diesem Land aufhält – schon seit Samstag größtenteils mit kulinarischen Schöpfungen aus den eigenen Kochtöpfen stillen. Für viele stellt sich nun wohl die Frage, wie man eigentlich dieses Svíčková na smetaně und andere Gerichte der traditionellen böhmischen Küche zubereitet? Doch wohl erst nachdem die in den letzten Tagen so mühsam erhamsterten Spaghetti und dazugehörigen Fertigsaucen aufgebraucht sind…

Prag gehört nun den Pragern

Mehr als 20 Millionen Touristen aus aller Welt kommen jährlich in die tschechische Hauptstadt und legen die Grundlage für ganze Wirtschaftszweige. Zu diesen gehört auch das Geschäft mit russischen Matrjoschkas und anderen für Tschechien so gar nicht typischen Souvenirs. Seit Jahren möchte Prag dagegen vorgehen und den sogenannten „visuellen Smog“ loswerden, bislang eher erfolglos. Erst vergangenen Januar startete der Prager Oberbürgermeister Zdeněk Hřib (Piraten) eine neue Anti-Tourikitsch-Initiative und versprach den Pragern, ihnen bald ihre Stadt zurückzubringen. Das ging nun schneller als gedacht, und anders als gedacht. Ausländer, und damit der Großteil der Prag-Touristen, kommen nicht mehr ins Land, Tschechen nicht mehr raus. Überhaupt ist durch die Corona-Pandemie weltweit der Tourismus zum Erliegen gekommen. Die Betreiber von Prager Geldwechselstuben müssen voraussichtlich bald am Hungertuch nagen oder demnächst eine Umschulung machen.Geschlossen - mit Geldwechselgeschäften lässt sich momentan nichts verdienen - Foto: Manuel Rommel

Der letzte Tag in Freiheit

Doch Moment, ist Prag wirklich so leergefegt, wie es soziale Medien und in der letzten Woche auch die Tagesschau suggeriert haben? Am Sonntag war es Zeit, diese doch eher unglaubliche Nachricht einem Praxistest zu unterziehen. Und siehe da, in Seelenruhe spazierten immer noch einige – vor allem russische – Touristen über die Karlsbrücke, trieben mit obligatorischen Selfies ihre Instagram-Karriere voran oder suchten den Nervenkick, indem sie sich eine Python um den Hals legen ließen, also alles fast so wie immer. Nur die Karikaturenkünstler suchten inzwischen woanders nach geeigneten Motiven, vielleicht im Fernsehen? Aber sicher, für einen Sonntagnachmittag, an dem sich die Massen gewöhnlich dicht gedrängt über das mehr als 600 Jahre alte nationale Wahrzeichen Tschechiens schieben, waren wirklich sehr sehr wenig Menschen unterwegs. Offenbar haben vor allem deutsche Touristen schon lange das Weite gesucht: Zwischen Prager Burg und Altstädter Ring war nicht ein einziges deutsches Wörtchen zu vernehmen. Doch derart leergefegt und menschenleer war Prag an diesem Sonntag keineswegs. Das sonnige Wetter brachte wohl auch viele alteingesessene Prager dazu, doch noch einmal nachzusehen, ob die Karlsbrücke und andere Sehenswürdigkeiten eigentlich noch an ihrem angestammten Platz sind. Erkennen kann man sie relativ einfach: Praktisch alle Tschechen, die im öffentlichen Raum unterwegs sind, tragen elegant an den Rucksack oder an die Handtasche befestigte Reflektoren (in Tschechien besteht für Fußgänger Reflektorenpflicht!). Andererseits mag auch die bereits ab Sonntagmittag beschleichende Ahnung, dass wahrscheinlich bald das ganze Land in Quarantäne gehen muss, bei vielen für den Wunsch gesorgt haben, noch ein letztes Mal vor die Tür zu gehen, ein paar Sonnenstrahlen auf der winterbleichen Haut zu spüren und sich eine frische böhmische Brise um die Ohren wehen zu lassen. Und jetzt? Alles vorbei. Jetzt ist Prag wirklich leergefegt. Da fällt einem nur noch etwas aus Jaroslav Rudiš´s Roman „Winterbergs letzte Reise ein“: „Stöpsel raus. Luft raus. Augen zu. Gute Nacht.“