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Im wilden Sudetistan – Gesichter der Versöhnung

Illustration: Sudetistanische Industrielandschaft - Bild: LE/Jiří Bernard

Mehr denn je ertönt heute im öffentlichen Diskurs die Frage „Wie versöhnt man Tschechen und Deutsche?“ Schon dieser Grundansatz führt jedoch in die falsche Richtung und man entfernt sich vom ersehnten Ziel, statt sich ihm zu nähern.

Die Frage ist nämlich wahrlich ungenau. Richtig sollte sie lauten: „Wie versöhnt man zwei, die sich nie wirklich auseinandergelebt haben?“ Sie ahnen wahrscheinlich, worauf ich damit hinaus will.

Zwei Menschen, die sich wegen einer konkreten Sache in die Haare bekommen haben, zu versöhnen, ist eigentlich ein Kinderspiel. Jedoch zwei zusammenzubringen, die einander ohne Interesse betrachten, abschätzig, manchmal geradezu hasserfüllt, ohne den Grund dafür zu kennen, ist eine echte Herkulesaufgabe.

Um wenigstens eine entfernte Chance auf Versöhnung zu haben, ist es vor allem notwendig, das zu identifizieren, was uns belastet. Auf den ersten Blick könnte man meinen, dass den Kern des Problems der historisch begründete latente Groll der Tschechen gegen die Deutschen und alles Deutsche darstellt. Meiner Meinung nach ist das wahre Problem jedoch einer abstrakteren Natur – die unterbewusste Vererbung dieses Grolls von einer Generation auf die andere. Sie glauben, zwischen diesen Behauptungen bestünde kein Unterschied? Doch, den gibt es.

Die erste Annahme ist zwar konkret, empirisch aufgebaut, aber rein deskriptiv und unpersönlich. Ich nutze ein Gleichnis: Die ganze Problematik wirkt hier nicht gravierender, als ein verfallenes Haus, das man nur reparieren muss und alles ist wieder im Lot.

Bei der zweiten These wird die große Schwierigkeit der ganzen Angelegenheit sichtbar. Die gegenseitige Versöhnung wird keine leichte Aufgabe. Es ist eine langfristige Arbeit der kleinen Schritte, deren Ergebnisse auch nach vielen Jahren bescheiden und brüchig sein werden. Gleichzeitig zeigt die zweite Annahme die menschliche Dimension auf. Der Versöhnungsplan sieht auf dem Papier einfach aus, aber die Arbeit mit Menschen unterschiedlichen Alters, verschiedener Ansichten und Einstellungen ist hingegen spürbar schwieriger, als das wiederholte Zusammenkleben einer zerbrochenen Vase.

Genug der inhaltsleeren Beschreibungen – wie kommt man also da heraus?

Ich denke, dass es ganz elementar ist, das derzeitig glorifizierte Bild der Versöhnung als Angelegenheit von Politikern zu überwinden. Das Überwinden bedeutet jedoch nicht, die Suche nach Anknüpfungspunkten auf den höchsten politischen Ebenen aufzugeben, sondern sie auch in  „normalen“, menschlichen Beziehungen zu finden. Der Handschlag eines tschechischen Ministers mit einem Vertreter der vertriebenen Deutschen ist im langen Marsch der Versöhnung nicht das Ziel, sondern erst der Start.

Denn Versöhnung nimmt nicht die Gestalt von niedergelegten Kränzen und reuevollen Reden an.

Versöhnung bedeutet Förderung des Deutschunterrichts in den Grenzregionen. Versöhnung ist Mut, einen Blick in landeskundliche Bücher zu werfen und nach den Traditionen der vertriebenen Deutschen unserer Region zu suchen.

Das Wichtigste zuletzt – Versöhnung ist mit Geduld verbunden. Unserer. Ohne geduldige und stetige Beziehungsarbeit werden wir sie nämlich nie erreichen. Über die Langfristigkeit dieser Aufgabe müssen wir gar nicht erst reden. Ein ungepflegter Garten blüht auch nicht von einem Tag auf den anderen wieder auf.

Aber ich bleibe Optimist. Die Bedingungen für einen gesamtgesellschaftlichen Handschlag und den Beginn eines umgänglichen Gesprächs waren noch nie besser.

Dominik Feris Kolumne „Im wilden Sudetistan“ finden Sie jeden Monat exklusiv im LandesEcho und auf landesecho.cz . Dieses Feuilleton erschien im LandesEcho 6/2016. Der Autor (19) ist nordböhmischer Patriot und Stadtrat in Teplice (Teplitz-Schönau). Er studiert Jura an der Prager Karlsuniversität.

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