Die John-Lennon-Mauer - Foto: Selin Atli

Auch wenn Prag recht wenig Flächen für Streetart hat, sind die Werke, die dann doch zu sehen sind, solche, die man nicht so schnell wieder vergisst. So erging es mir zumindest, als ich vor ein paar Tagen die John-Lennon-Mauer besuchte.

 

Und auch wenn ich weiß, dass die Mauer, so, wie sie heutzutage aussieht, nicht mehr viel mit der Mauer zu tun hat, die sie früher einmal war, hatte ich trotzdem das Gefühl, dass sie immer noch den gleichen Sinn hat – den Kampf für Freiheit. Zum Zeitpunkt von John Lennons Tod waren die Beatles in der sozialistischen Tschechoslowakei schließlich verboten.Václav Havel ruft zum Handeln auf - Foto: Selin Atli

Jetzt, im Jahr 2019, habe ich Bilder und Sprüche auf der Mauer gesehen, die immer noch genau diesen Kampf für Freiheit widerspiegeln. Ich habe Sprüche zu den Demonstrationen in Hong-Kong entdeckt, Texte gegen Donald Trump und Illustrationen, die auf den Klimawandel aufmerksam machen. Es hat mich bewegt und glücklich gemacht, zu sehen, dass die Mauer immer noch für diesen Zweck genutzt wird – auch wenn sich viele über die Touristenmassen an der Mauer und darüber, dass diese ständig an die Mauer malen, beschweren.

Nach meinem Besuch an der Mauer fing ich an, über Streetart in Prag zu recherchieren. Diese Art von Kunst als Akt der Rebellion einzusetzen, hatte ich in so einer historischen Form noch nie erlebt und wollte unbedingt mehr darüber erfahren. Bei meiner Recherche stieß ich auf etwas, was die Rolle von Graffiti hier in Prag noch einmal gut zum Ausdruck brachte: Erst vor ein paar Tagen besprühten 20 Künstler 13 verschiedene Gebäude in Prag, um damit auf fehlende Flächen für Streetart aufmerksam zu machen. Ich machte mich also selbst auf den Weg und fotografierte einige dieser Werke. An manchen fuhr ich aus Zufall vorbei, was jedes Mal für eine schöne Überraschung sorgte.

Auch, wenn es sich diesmal um eine offizielle Aktion der Prager Immobilienverwaltung PSN (Pražská správa nemovitostí) handelte, ist es dennoch wieder ein Kampf, ein Kampf dafür, sich weiterhin selbst in Form von Kunst ausdrücken zu dürfen. Und gelohnt hat es sich für’s Erste! Als legale Fläche für Graffiti wird jetzt das Gelände der Firma Koh-i-noor im Stadtteil Vršovice dauerhaft zur Verfügung stehen. Derzeit hat Prag nämlich nur 14 legale Flächen, was – verglichen mit deutschen Großstädten – sehr wenig ist.

Aus Deutschland bin ich es gewohnt, immer mal wieder an den verschiedensten Straßenecken und Gassen die schönsten und verrücktesten Bilder zu entdecken. Vor allem in Berlin ist es unmöglich, bei einem Besuch nicht mindestens eine Handvoll Streetart-Bilder zu sehen. Hier in Prag ist das anders. In der Innenstadt sind mir vor allem Graffitischmierereien an den Wänden aufgefallen, aber richtige Kunst war nur schwer zu finden, wenn ich nicht wie im Fall der Lennon-Mauer explizit danach gesucht habe.Mit einer besonderen Aktion machten Künstler auf fehlende Flächen für Graffiti in Prag aufmerksam - Foto: Selin Atli

Beschäftigt hat mich außerdem die Frage, woher die ganzen Graffitis eigentlich kommen? Und welche Maßnahmen werden bei Verschmutzung von Gebäuden, vor allem bei Sehenswürdigkeiten und in der Altstadt ergriffen? Ich habe herausgefunden, dass in einigen Teilen Prags das Graffiti innerhalb von 24 Stunden von öffentlichen Bediensteten entfernt werden muss – und wenn man auf frischer Tat erwischt wird, kann man zu einer Haftstrafe von bis zu sechs Jahren verurteilt werden. Mein erster Gedanke war: Ist das nicht viel zu streng?

Doch dann hörte ich von dem Vorfall mit der Karlsbrücke. Erst im Juli besprühten Touristen das Wahrzeichen Prags mit Graffiti. Dass die Regierung das in weniger als einem Tag wieder entfernt haben möchte, ist verständlich, schließlich ist sie ein historisches Denkmal und zudem eine der ältesten Steinbrücken Europas. Und was für eine Schande wäre es, die Karlsbrücke an Graffiti-Sprayer zu verlieren?

Mein zweiter Gedanke war: Was wäre, wenn wir so eine Regelung in Deutschland hätten? Hamburg zum Beispiel würde man kaum wiedererkennen! Wie schon erwähnt, ich kenne es nicht anders, als dass Ampeln beschmückt sind mit Aufklebern und dass die Wände voller Sprühfarbe sind. Graffiti und Streetart sind Normalität für mich.

Viele Touristen beschweren sich in Prag über die Graffitis an den Gebäuden in der Altstadt. Angeblich würden sie die Atmosphäre zerstören. Und während ich nachvollziehen kann, was gemeint ist, muss ich sagen, dass ich an einigen Stellen der Altstadt das Aufeinandertreffen von Altem und Neuem erstaunlich schön fand. Manchmal haben diese Kontraste in meinen Augen ganz wunderbar miteinander harmoniert.

Im Allgemeinen finde ich es interessant, wie man in Prag im Gegensatz zu Deutschland mit diesem Thema umgeht. Außerdem fand ich es spannend, mehr über die Bedeutung von Graffiti und Streetart in Prag zu erfahren und auch die Tatsache, dass damit heute noch immer in Teilen dieselben Intentionen verfolgt werden wie damals, hat mich erstaunt. Ich bin gespannt, in welche Richtung sich die Prager Streetart in Zukunft entwickelt.


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