Waldidylle - Foto: Isabelle Wolf

Es war ein langer Weg durch die tschechischen Wälder, auf dem ich vom Beerenverweigerer zur leidenschaftlichen Sammlerin mutierte. Für diese gravierende Persönlichkeitsentwicklung musste ich gegen antrainierte Prinzipien verstoßen und persönliche Grenzen überwinden – doch es hat sich gelohnt.

Der Auslöser für mein Umdenken war eine Wanderung im böhmischen Mittelgebirge, wo ich den Ausflug einer tschechischen Schulklasse begleitete. Wir näherten uns einer Waldlichtung, auf der am Wegesrand kleine, rote Erdbeeren im sattgrünen Moos leuchteten. Ich erfreute mich an der Schönheit der Beeren und stellte mir sogar vor, wie sie wohl schmeckten. Angerührt hätte ich sie jedoch keinesfalls, aus Angst vor dem gefürchteten Fuchsbandwurm.

Die erste selbstgepflückte Heidelbeere - Foto: Isabelle WolfWährend ich aber noch dem Duft der Walderdbeeren nachschnupperte, stürmten von hinten schon Schüler heran und machten sich über die kleinen Köstlichkeiten des Waldes her. Entsetzt musste ich zusehen, wie sich nun auch die Lehrerin bückte und von den Erdbeeren naschte. Sie schaute fragend zurück, weil ich nur regungslos danebenstand und dem Geschehen folgte. Die mir angebotenen Erdbeeren lehnte ich dankend ab und erntete dafür verständnislose Blicke von allen Seiten.

Drucksend versuchte ich, der Lehrerin meine Reaktion zu erklären: Schon die Erzieher im Kindergarten hatten mich über die Gefahr, die von Waldfrüchten ausging, aufgeklärt. In der Grundschule und dem Gymnasium ging es dann genau so weiter, jedes Jahr aufs Neue wurde ich vor den Sommerferien über mein Verhalten im Wald belehrt. Man wies mich eindringlich darauf hin, keine rohen und ungewaschenen Waldfrüchte zu essen, vor allem dann nicht, wenn sie in niedrigen Höhen zu finden waren. In der Schule bekam der Grund dafür auch einen Namen: Fuchsbandwurm. Meine Recherchen zu diesem Parasiten verbesserten das Verhältnis zwischen mir und den Waldbeeren leider auch nicht. Schließlich handelt es sich laut der Ärzte-Zeitung „um die schwerste Parasitose der nördlichen Breiten und eine der schwersten Lebererkrankungen überhaupt“, die sich auch nur schwer erkennen und bekämpfen lässt. Das konnte ich doch nicht riskieren!

In meinem Kopf hatte ich schon längst mit dem Beerensammeln abgeschlossen, was meine Oma überhaupt nicht verstehen konnte. Sie erzählte mir regelmäßig von ihren Kindertagen, in denen sie unbeschwert mit ihren Freunden durch den Wald streifte und abends mit einem vor lauter Beeren ganz blauen Mund nach Hause kam. Dafür hatte nun ich im Gegenzug kein Verständnis. Zu der Lehrerin sagte ich also in alter Kindergartenmanier: „Fuchsbandwurm. Wenn ein Fuchs an die Beeren gepieselt hat, die der Mensch isst, dann wird er krank. Und ich will doch nicht krank werden.“ Mittlerweile hatten sich auch die Schüler um mich geschart und meiner Ausrede gelauscht. Sie kicherten. Belächelten mich und meine Vorsicht.

Die Tschechen gelten schließlich als eine Nation von Sammlern. Bärlauch, Pilze, Beeren – alles, was essbar ist, landet im Beim Naschen im Wald - Foto: Maria LinkiewiczKörbchen. Darum konnten sie mein Verhalten so ganz und gar nicht verstehen. Die Lehrerin versuchte noch im Scherz, mich mit dem Argument, dass tschechische Füchse gar keinen Fuchsbandwurm hätten, zu überzeugen. Sehr ausgefuchst, dachte ich mir, als ob der Wurm vor der tschechischen Grenze Halt machte. Es half alles nichts, ich blieb bei meiner Meinung und ließ die Finger von den Beeren.

Dennoch dachte ich nach diesem einschneidenden Erlebnis ein bisschen gründlicher über mein Verhältnis zur Natur nach. Schließlich entschied ich mich dazu, den Waldfrüchten doch mal eine Chance zu geben und über meine Ängste hinwegzusehen. Gemeinsam mit einer Freundin genoss ich im nordböhmischen Adršpach (Adersbach) also die erste selbstgepflückte Heidelbeere meines Lebens und rebellierte damit gegen alle Sammlerprinzipien, die man mich je gelehrt hatte. Diesem köstlichen historischen Moment ist selbstverständlich auch ein Foto gewidmet.

So ging es weiter, denn auf Waldbeeren verzichten wollte ich von da an auch nicht mehr. Beim nächsten Ausflug hatte ich sogar schon eine Dose dabei, die ich seitdem immer im Rucksack trage – für den Fall, dass mir eine Brom-, Him-, Erd- oder Heidelbeere über den Weg rollt. Und natürlich pflücke ich auch heute noch die Beeren lieber aus nicht-fuchstauglichen Höhen. Doch die Angst vor dem Fuchsbandwurm ist verblasst. Seit meinen Erfahrungen mit der tschechischen Sammlerkultur sehe ich das Ganze ein bisschen gelassener und kehre seitdem auch gern mal mit einer blauen Zunge vom Waldspaziergang zurück.

Bis bald und ahoj.


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