Was tun mit hunderttausenden Gräber einst deutschsprachiger Einwohner? Die deutsche Minderheit in Tschechien hat das Thema auf die Regierungsagenda gebracht und schon sichtbare Ergebnisse erzielt. Erstmals wird nun mit der Erfassung dieser Gräber begonnen. LandesEcho sprach mit der Journalistin Lucie Römer, die sich um die Dokumentation der Gräber kümmert.

LE Frau Römer, Sie arbeiten mit der Fotografin Michaela Danelová an einer Dokumentation deutscher Friedhöfe und Gräber. Worum geht es genau?

Friedhöfe faszinieren mich schon lange. Sie erzählen uns von Kultur und Geschichte. Ich besuche sie auch gern im Ausland. In Tschechien ist die wachsende Zahl verfallener deutscher Gräber nicht zu übersehen. Schon seit Jahren bemüht sich die Landesversammlung deutscher Vereine um ihre Pflege. Letztes Jahr im Herbst schrieb der Rat der Minderheiten bei der tschechischen Regierung ein Förderprogramm zur Dokumentation von Friedhöfen aus. Einen Teil der Mittel steuert auch das Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat bei. Seit Januar und noch bis Ende Juni untersuchen wir die 50 bedeutendsten Friedhöfe in den Bezirken Karlsbad (Karlovy Vary) und Aussig (Ústí). Weitere sollen in den kommenden Jahren folgen. Neben der Dokumentation wollen wir auch in den Medien über unsere Arbeit berichten.

Lucie Römer web Foto privat


Lucie Römer arbeitet als freie Journalistin. Zuletzt erschien von ihr auf Tschechisch das Buch „Balkán, Bejby!“ über die gemeinsame Elternzeit auf dem Balkan.


LE Warum ist diese Dokumentation so wichtig?

Der Zustand der deutschen Gräber in der Tschechischen Republik ist in vielerlei Hinsicht an einem kritischen Punkt angelangt. Jene, die sich bisher um sie kümmerten, weil sie durch ihre Vorfahren eine persönliche Verbindung zu den Gräbern haben, sind dazu kräftemäßig nicht mehr in der Lage oder schon tot. Die finanzielle Unterstützung, die von den Deutschböhmen aus dem Ausland kam, geht aus demselben Grund zurück. Gleichzeitig ist das Material vieler Grabsteine am Ende seiner Lebensdauer angekommen. Das Ergebnis ist eine riesige Menge vernachlässigter Grabstellen, die in keinster Weise den Anspruch auf Pietät erfüllen.

Die tschechische Regierung hat sich in internationalen Verträgen zwar verpflichtet, diese Gräber zu pflegen. In der Praxis ist das aber Aufgabe der Gemeinden, denen dazu häufig einfach das Geld fehlt. In Tschechien kann man Fördermittel zur Reparatur einer Friedhofsmauer oder Kapelle erhalten, aber nicht für die Reparatur und Erhaltung eines Grabes.

Um eine finanzielle und institutionelle Pflege der Friedhöfe verankern zu können, müssen wir wissen, wovon wir sprechen: In welchem Zustand befinden sich die Gräber, wieviele gibt es, was würde die Pflege kosten? Der Zustand einzelner Gräber und Friedhöfe ist durch verschiedene Artikel, Reportagen und kleinere Projekte bekannt. Aber in großem Maßstab wurden sie noch nie dokumentiert.

LE Sie sprechen von deutschen Friedhöfen, deutschen Gräbern. Was heißt das genau? Wie unterscheiden Sie die Ethnien?

Das ist eine schwierige Frage. Wir suchen Friedhöfe in den Sudeten auf, wo Deutschböhmen beerdigt wurden. Einige Friedhöfe sind rein deutsch, aber das sind eher die Ausnahmen. Auf den meisten liegen Deutsche und Tschechen nebeneinander. Und auf ihnen zählen wir die einzelnen deutschen Gräber.

Statistisch erfassen wir Gräber, die Inschriften in deutscher Sprache tragen und auf denen eindeutig deutsche Namen stehen, gegebenfalls deutsch geschriebene tschechische Namen. Gesondert erfassen wir Gräber, die keine Namen und Inschriften mehr tragen, aber sich in einem Teil des Friedhofs befinden, wo ausschließlich deutsche Gräber stehen und bei denen wir davon ausgehen können, dass es sich um Reste deutscher Gräber handelt. Noch zuverlässiger wäre es natürlich, diese Daten in Archiven abzugleichen, aber das übersteigt den zeitlichen Rahmen unseres Projektes. Eine dritte Kategorie, die wir erfassen, sind deutsche Gräber, deren Grabsteine schon so zerstört sind, dass man bis ins Grab schauen kann. Davon haben wir Dutzende bis Hunderte gesehen. Bei einigen sieht man leider auch Schädel und Knochen.

LE Welche Daten sammeln Sie und wie lange arbeiten Sie schon daran?

Bevor wir einen Friedhof besuchen, versuchen wir so viel wie möglich Informationen über ihn zu sammeln. Vor Ort zählen wir die deutschen Gräber, die verfallenen und die zerstörten. Wir erfassen die bedeutendsten Grabstellen - von Persönlichkeiten, die sich in wesentlicher Weise um die Entwicklung des Ortes verdient gemacht haben, also Bürgermeister, Schuldirektoren, bedeutende Unternehmer, Ärzte - und fotografieren sie. Falls sich jemand um den Friedhof kümmert, treffen wir uns mit ihnen, sei es die Gemeinde, ein Verein, Einzelpersonen oder auch die Kirche, um von ihnen zu erfahren, wie sie sich kümmern, was das kostet. Diese Gespräche wollen wir veröffentlichen, um andere damit zu inspirieren.

LE Warum untersuchen Sie gerade in den Bezirken Karlsbad und Aussig?

Wir wollten Regionen dokumentieren, wo eine hohe Dichte an deutschen Gräbern wahrscheinlich ist, also in den Sudeten. Weil wir damit rechnen, dass die Erfassung in den kommenden Jahren fortgesetzt wird, haben wir in den westlich gelegenen Regionen begonnen.

LE Arbeiten Sie mit anderen Akteuren zusammen, die sich für die Erfassung von Friedhöfen interessieren, wie zum Beispiel dem Verein Omnium?

Ja, gerade Omnium hat uns sehr mit Informationen zu den einzelnen Friedhöfen und ihrer Auswahl geholfen. Wir nutzen ihre bereits angelegte Datenbank Cimiterium „Friedhöfe im Bezirk Aussig“. Die Datenbank unterscheidet, ob es sich um eine Kriegsgräberstätte, einen christlichen oder jüdischen Friedhof handelt. Aber deutsche Gräber werden nicht extra erfasst. Wir fertigen zudem Fotografien auf künstlerischem Niveau an, um sie für die im Herbst geplante Ausstellung zu verwenden, aber auch als Illustration zu Artikeln, mit denen wir an die Öffentlichkeit gehen wollen.

Friedhof Sonnenberg Erfassung deutsche Gräber web Foto Michaela Danelová

Der Friedhof in Sonnenberg (Výsluní) wurde sich selbst überlassen. Die alte Friedhofsstruktur ist nur noch zu erahnen. Foto: Michaela Danelová

LE Können Sie schon ein Fazit ziehen, in welchem Zustand sich die Friedhöfe befinden?

Aktuell haben wir 45 Friedhöfe und rund 15.000 Gräber erfasst, deren Zustand sehr unterschiedlich ist. Verlassene und beschädigte Gräber sind in der Mehrheit. Mancherorts werden Gräber erhalten, vor allem jene mit außerordentlichem Wert oder wenn es sich um das Grab einer wichtigen Persönlichkeit handelt. Die anderen Gräber werden in ihrem Zustand belassen, so sie nicht gefährlich für Friedhofsbesucher sind oder ihr Zustand pietätlos ist, also zum Beispiel ein Loch den Blick in die Gruft freigibt.

In der Regel ist es so, dass viele Gräber an der Friedhofsmauer erhalten sind und dann noch einige, die sich zwischen Nachkriegsgräbern befinden. So ist es in Chodau (Chodov), Lobositz (Lovosice) und Teplitz (Teplice). Es gibt aber sehr viele Friedhöfe, die schon über ein halbes Jahrhundert verlassen sind. Dort liegen Grabsteine umher, sind Gräber geöffnet, wurden dekorative Elemente gestohlen, sind offene Särge zu sehen. So ist es zum Beispiel in Leitmeritz (Litoměřice), Sonnenberg (Výsluní) oder Oberdorf bei Komotau (Chomutov). In diesen Fällen kommt die Tschechische Republik nicht ihren Verpflichtungen aus internationalen Verträgen nach, aber auch nicht den Ansprüchen, die an eine Kulturnation gestellt werden. Andernorts sind die Friedhöfe ganz verschwunden wie in Kaltenbach (Studený) und Schneeberg (Sněžník). Im besten Fall erinnert noch eine Gedenktafel an sie wie in Atschau (Úhošťany).

LE Was macht die Erfassung der Gräber so schwer?

Deutsche Gräber gibt es in diesen beiden Bezirken in fast jeder Gemeinde. Alle aufzusuchen würde Jahre dauern. Wir mussten deshalb eine Auswahl treffen. Gemeinsam mit Fachleuten, der Landesversammlung und Vertretern der Begegnungszentren gingen wir dabei nach folgenden Kategorien vor: die größten, jene mit wichtigen Persönlichkeiten und Friedhöfe mit ästhetisch wertvollen Gräbern.

LE Sie erwähnten Beispiele, wo Grabpflege gelingt.

Chodov habe ich schon erwähnt, wo sich direkt die Stadt mit dem lokalen Historiker Miloš Bělohlávek darum kümmert. Es wurden die bedeutendsten Grabstellen restauriert, die auch mit zweisprachigen Beschreibungen versehen wurden. Gepflegte und besonders wertvolle Gräber werden auch stehen gelassen, wo neue Gräber angelegt werden. Sie werden also nicht flächendeckend beseitigt.

In Schemel (Všemily) im Kreis Tetschen (Děčín) wiederum hat eine Gruppe von 15-20 Freiwilligen unter Leitung der örtlichen Unternehmerin Renata Hergetová einen vergessenen Friedhof sprichwörtlich ausgegraben. Über 90 Gräber wurden wieder aufgerichtet, es wurde Geld zur Sanierung der Kapelle und für einen neuen Zaun gesammelt. Und sie kümmerten sich darum, dass auf dem Friedhof wieder beerdigt werden kann, was auch bald passieren wird.

In Nixdorf (Mikulášovice) hat der Vorsitzende des Vereins Spolek Nixdorf Roman Klinger nicht nur das Osterreiten wieder reaktiviert, sondern in Zusammenarbeit mit der örtlichen Kirchgemeinde schon seit Jahren den örtlichen Friedhof gepflegt.

Alle diese Beispiele zeigen, dass es durchaus möglich ist, so etwas altes und komplexes wie deutsche Gräber zu erhalten und dass so was meistens von Einzelpersonen ausgeht, die sich dafür begeistern. Um ihnen die Arbeit zu erleichtern und Pflege auch an Orten zu ermöglichen, wo es nicht solche Enthusiasten gibt, braucht es administrative und finanzielle Hilfe vom Staat.

LE Was passiert mit der Dokumentation, wenn sie fertig ist?

Es entsteht eine Broschüre, in der die erfassten Daten und gute Beispiele der Pflege zusammengefasst sind. Sie wird Online zur Verfügung gestellt und im September erscheinen. Im Herbst entsteht eine Fotoausstellung, die zuerst in Prag gezeigt werden soll und später auch in Aussig und Karlsbad. Sie wird von einer Online-Slide-Show begleitet. Die gesammelten Daten sollen der Regierung der Landesversammlung und weiteren Subjekten in weiteren Verhandlungen für eine größere Unterstützung zur Pflege der deutschen Gräber in Tschechien dienen.

Das Gespräch führte Steffen Neumann.


Dieser und weitere Texte erschienen in der aktuellen Juni-Ausgabe des LandesEcho. Sie erhalten die Zeitschrift entweder im Abo oder am Kiosk.