Martin Dzingel wurde im November zum vierten Mal zum Präsidenten der Landesversammlung der deutschen Vereine in Tschechien gewählt. Im Interview spricht er darüber, warum die Pflege der deutschen Friedhöfe kein totes Projekt ist, ob es einen Gedenkort für die Leiden der Heimatverbliebenen geben wird, schätzt die Situation der deutschen Minderheit 30 Jahre nach der friedlichen Revolution ein, vor welchen Herausforderungen sie steht und warum sie dabei auch auf Fußball setzt.

LE Am 17. November war nicht nur der Jahrestag der Samtenen Revolution, sondern Sie wurden auch zum vierten Mal zum Präsidenten der Landesversammlung der deutschen Vereine gewählt. Herzlichen Glückwunsch! Sie sind ja seit neun Jahren Präsident, da ist vieles erreicht worden. Was davon liegt Ihnen besonders am Herzen? Gerade was die Sprache betrifft, hatten wir ja vor einem Jahr eine große Konferenz.

Für die letzte Wahlperiode bin ich ziemlich zufrieden mit unserer Arbeit. Wir haben uns vorgenommen und das gehört zu den langfristigen Zielen, die deutsche Sprache in den Vordergrund zu bringen. Dazu haben wir einen Antrag bei der Europäischen Kommission zur Unterstützung im Rahmen der Charta der Minderheiten- und Regionalsprachen gestellt und wir hatten Erfolg. Wir wurden im Bericht Mai 2019 schriftlich in unserem Bemühen bei der Regierung unterstützt. Daraufhin haben wir einen Antrag beim Premierminister, Herrn Babiš, gestellt, um die Erhöhung der deutschen Sprache von Schutz der Minderheit II auf Stufe III zu erreichen, was uns letztendlich gelungen ist. Auf dieser Grundlage wurde von Premier Babiš, der zugleich der Vorsitzende des Rates für nationale Minderheiten ist, eine Expertenkommission ernannt. Diese hat am 16. Dezember ihre Arbeit aufgenommen und wird die Maßnahmen, die wir beantragt haben, die dem Schutz und der Unterstützung nicht nur der deutschen Sprache, sondern auch der Kultur und des Soziallebens dienen, beurteilen und entscheiden, was davon umgesetzt wird und was nicht.

LE Für Sie war es ja nun schon die vierte Wahl zum Präsidenten. Dennoch waren die Präsidiumswahlen diesmal nicht einfach. Fünf Mitglieder des Präsidiums traten aus verschiedenen Gründen nicht mehr an. Dann gab es in Günter Wohlrab einen Kandidaten, der wollte, aber nicht konnte. Dann gibt es große Vereine mit vielen Delegiertenstimmen, die keinen Kandidaten aufstellen. Andere kleinere Vereine, wie bei den letzten Wahlen Troppau, hatten sogar gleich zwei. Am Ende waren es „nur“ sieben Kandidaten auf sieben Präsidiumsplätze. Vizepräsident Hans Korbel brachte es ziemlich auf den Punkt: „Die, die wollen, dürfen nicht und die, die dürfen, wollen nicht.“ Sind das Wahlprozedere und die Verteilung der Delegiertenstimmen noch zeitgemäß?

Im Fall von Günter Wohlrab geht es um die Staatsangehörigkeit und es gibt in Tschechien das Minderheitengesetz, das eine Minderheit definiert und laut diesem Gesetz muss man ein Bürger dieses Landes sein, was er aber nicht ist. Es war für uns auch ein Novum. Es war das erste Mal, dass jemand ins Präsidium kandidieren wollte, der kein tschechischer Staatsbürger ist. Wir hatten schon Fälle, dass deutsche Staatsbürger Delegierte waren. Aber das ist etwas anderes, denn der Delegierte ist nicht von der Landesversammlung gewählt, sondern von den Verbänden. Und ob das richtig ist, liegt in der Verantwortung des Vereines. In dem Fall betraf es aber die Verantwortung der Landesversammlung. Und wenn wir eine Wahl abhalten, die angefochten werden könnte, würde das bedeuten, dass die ganze Wahl des Präsidiums und des Präsidenten annulliert werden könnte, was wir uns nicht leisten wollten. Abgesehen davon möchten wir natürlich auch nicht gegen das Gesetz verstoßen.

Die zweite Sache sind die Kandidaten für das Präsidium. Das hat mir auch zu Denken gegeben. Wir hatten das Phänomen, dass die langgedienten, erfahrenen Delegierten, sich nicht zur Wahl stellten oder gar nicht erst als Delegierte entsandt worden sind. Das deutet darauf hin, dass die Strukturen in den Verbänden labiler geworden sind. Es gibt in manchen Vereinen wohl nicht die festen Mitgliedsstrukturen, die so etwas früher nicht zugelassen hätten. Und das ist auch eine wichtige Aufgabe für meine nächste Amtszeit und die des Präsidiums, diese Strukturen wieder zu festigen.

LE Aber an dem Wahlsystem oder der Verteilung der Delegiertenplätze wird sich nichts ändern?

Doch, das wird passieren. Aber ich denke nicht, dass das auf das beschriebene Problem große Auswirkungen haben wird. Denn jeder Verein hat die Möglichkeit, es ist die Frage, wie jeder Verein seine Möglichkeiten nutzt. Reichenberg ist sicher ein gutes Beispiel. Es ist ein großer Verein, aber es fehlen die Kandidaten. Immerhin wurde für dieses Mal Petra Laurin aufgestellt, die ja auch gewählt wurde. Wir werden uns aber bemühen, dass das in drei Jahren anders aussieht.

LE Damit sind wir mittendrin in der künftigen Arbeit. Was haben Sie sich für die neue Legislaturperiode vorgenommen?

Da müssen wir in Langfrist- und Kurzfristziele unterscheiden. Die langfristigen Ziele bleiben an erster Stelle die Pflege unserer Muttersprache Deutsch. Das ist für uns ein sehr wichtiges Feld, weil die Sprache bekanntlich ein wichtiges Identitätsmerkmal ist. Da müssen wir immer dran bleiben. Idealerweise wünschen wir uns für den Unterricht als Minderheitensprache in den Schulen, so dass unsere deutsche Minderheit sich in ihrer Muttersprache weiterbilden kann.

Ein weiteres wichtiges Ziel ist die Vereinsarbeit und die Strukturen zu erhalten. Das ist heute nicht einfach, die älteren Mitglieder, die noch deutsche Schulen haben, sterben aus. Mit den jüngeren Mitgliedern ist es dagegen nicht einfach, weil die Identität fehlt, was mit dem ersten langfristigen Ziel zusammenhängt.

Das dritte große Ziel ist die Pflege unserer Kultur.

Dann gibt es eine Reihe von kurzfristigen Zielen. Die werden eigentlich immer bei der ersten Präsidiumssitzung festgelegt, die ja erst am 17. Januar tagt. Ich kann aber verraten, dass in den kommenden zwei Jahren das Thema „Europäische Integration und Partizipation aus Sicht der deutschen Minderheit“ unser Schwerpunkt sein wird. Dazu haben wir schon in diesem Jahr Vorprojekte realisiert. Wir hatten einen Oral-History-Workshop, das sich mit Migration beschäftigt hat. Wir hatten einen Zeitzeugen aus der deutschen Minderheit zu Besuch und einen jungen Syrer.

Ein weiteres wichtiges Projekt in diesem Zusammenhang heißt „Jugend malt Europa“, bei dem Jugendliche der Thomas-Mann-Schule, deren Träger wir sind, Bilder gemalt haben, die in einer Ausstellung am 16. Januar im Goethe-Institut gezeigt wurden. Das sind schon Vorprojekte zu diesem großen Motto der kommenden zwei Jahre.

Dazu wird am 9. Oktober im Außenministerium eine große politische Konferenz der deutschen Minderheit stattfinden, bei dem wir uns genau mit diesem Thema auseinandersetzen werden. Und das nicht nur aus Sicht der deutschen Minderheit, sondern auch aus Sicht der anderen Minderheiten in Tschechien, wie die polnische, die slowakische, ukrainische, vietnamesische und die Roma, die wir einladen werden.

Dort möchten wir diskutieren, wie Integration und Partizipation idealerweise aussehen sollen, damit wir und zugleich die tschechische Mehrheit davon profitieren. Das hängt natürlich auch wieder mit den Langzeitzielen, der Stärkung unserer Strukturen, der Kultur und Sprache zusammen.

LE Wo besteht die Verbindung zwischen deutscher Minderheit in Europa und hier in Tschechien?

Dieses Thema Europa, Migration, Integration fällt auf uns zurück, negativ wie positiv. Negativ, weil wir durch die Globalisierung und Integration, wozu auch Assimilierung gehört, betroffen sind. Weil wir durch die Assimilierung, wie wir sie in den letzten 70 Jahren erlebt haben, an den Strukturen schwächer werden. Auf der anderen Seite bietet uns Europa einen Schutz, z.B. durch die europäische Charta der Minderheiten- und Regionalsprachen. Und das ist der positive Ansatz, der uns helfen kann, dass wir auf dem Fundament der Europarechte geschützt werden können.

Und dabei sollen uns die angedachten Projekte unter dem großen Thema helfen. Wir veranstalten im Sommer zum Beispiel ein Fußballturnier mit der deutschen Minderheit und anderen Minderheiten wie die Roma, die Lausitzer Sorben. Der Botschafter der Bundesrepublik Deutschland, Christoph Israng, hat dafür übrigens die Schirmherrschaft übernommen. Das sind alles Initiativen, die unsere Minderheit stärker machen können und wir werden uns bemühen, das auch so umzusetzen.

LE Ein Thema muss ich noch aufgreifen, weil das in den vergangenen Wochen hohe Wellen schlug. Im oberschlesischen Beuten wurde ein Gedenkstein für deutsche Soldaten und Freiheitskorpskämpfer aufgestellt, der von einem AfD-Bundestagsabgeordneten und sogar den als rechtsextremistisch eingestuften „Jungen Nationalisten, mitfinanziert wurde. Der Gedenkstein wurde ja von der deutschen Minderheit in Beuthen initiiert und war sicherlich anfangs auch gut gemeint. Nur die Umsetzung nahm dann eine fatale Richtung. Kann so etwas auch der deutschen Minderheit in Tschechien passieren?

Ich glaube, in Polen ist es etwas anders. Dort gibt es so viele Ortsgruppen und Vereine, dass auch mal die Übersicht verloren gehen kann. Bei uns kann das nicht passieren. Wir haben ein Präsidium und unsere Vereine sind unter dem Dach einer Landesversammlung vereint. Extern ist nur noch der Kulturverband. Aber das ist eine übersichtliche Struktur.

Es ist natürlich heute problematisch. In der heutigen Zeit bekommst Du sehr viele Nachrichten über soziale Medien. Und wenn die Leute sich nicht so gut auskennen, sind sie desorientiert. Sie wissen dann nicht mehr, was „richtig“ ist und was nicht. Und dann kann passieren, dass man in solche Schwierigkeiten gerät. Aber wie gesagt, ich denke, dass das bei uns aus den genannten Gründen nicht passieren kann.

LE Apropos Gedenken. Auf der letzten Landesversammlung ging es um einen Gedenkort für das Unrecht, das den in der Heimat Verbliebenen angetan wurde, was für die Betroffenen sehr wichtig ist. Wie weit ist das Vorhaben gediehen und wie könnte so etwas aussehen.

Wir befinden uns da in einem Diskussionsprozess. Wir wollen dieses Projekt. Wir möchten, dass einmal eine Gedenktafel oder ein Gedenkstein aufgestellt wird für alle Deutschen in der Tschechischen Republik. Wir müssen nur eine Form finden, wie wir das machen. Wenn wir sagen, es soll ein Denkmal für das Leid an den Verblieben sein, dann steht die Frage, was ist mit den Vertriebenen? Planen wir das Denkmal für alle Sudetendeutschen, dann steht wieder die Frage, was ist mit der späteren Zeit, als die Deutschen hier wie Menschen zweiter Klasse behandelt wurden.

LE Man kann also nicht sagen: Wir gedenken der Heimatverblieben, denen so bisher noch nicht gedacht wurde?

Wir möchten eigentlich für uns, für die Minderheit, ein Denkmal. Aber wie will man von den Deutschen sprechen, die nach 1945 umgekommen sind. Das war ja noch keine Minderheit. Das waren Deutsche. Damals gab es nicht die Verblieben und Vertrieben, es war eine Volksgruppe, die Deutschen oder Sudetendeutschen. Und das muss man klären, wie soll das aussehen.

LE Es ist ja bemerkenswert, dass jetzt auch ernsthaft über einen Gedenkort gesprochen werden kann. Wie schätzen Sie die Situation der deutschen Minderheit in der Tschechischen Republik 30 Jahre nach der Samtenen Revolution ein?

Wir hatten nach der Samtenen Revolution eine große Euphorie, die es ermöglicht hat, dass die deutsche Minderheit in ihren Strukturen wieder aufgebaut werden konnte. Dann war eine Zeit, als die Euphorie zurückging und auch wieder mindestens indirekt feindliche oder wenigstens zurückhaltende Positionen von der Mehrheitsgesellschaft und Verantwortlichen eingenommen werden. Das war um die Jahrhundertwende. Als ich 2010 erstmals zum Präsidenten gewählt wurde, haben wir intensiv viele Projekte durchgeführt, die zu einer besseren Wahrnehmung der deutschen Minderheit beigetragen haben.

Heute sieht man nachweislich, dass uns viel gelungen ist. Wir sind von den höchsten Stellen, in der Regierung nicht nur anerkannt, sondern auch gehört. Wir führen jetzt zwei Projekte mit der Regierung durch, einmal zum Deutschunterricht, das wir mit der Beauftragen für Menschenrechte, Helena Válková, durchführen. Wir sind mit Frau Válková erst in Gablonz gewesen, jetzt in Eger, und da besprechen wir ganz konkret, was den Deutschunterricht betrifft.

Wir haben seit 2015 die Kommission für die deutschen Gräber. Manche fragen schon, warum wir uns mit einem toten Projekt beschäftigen, aber das ist es nicht, sondern ein aktuelles Problem. Es geht um unsere Vorfahren, die das Land aufgebaut haben. Ich finde, das ist sehr wichtig. Ich habe neulich einen Bericht der Jüdischen Gemeinde von 1987 gelesen. Da ging es um Komotau, dort hatten die Juden einen Friedhof und die Stadt hat diesen dem Erdboden gleichgemacht und da ist ein Stück der Geschichte, Wahrnehmung und Identität unwiederbringlich verschwunden. Deswegen machen wir das. Wenn jemand sagt, das sei ein totes Projekt, werden wir so enden, wie die Jüdische Gemeinde damals in Komotau. Wir werden schreiben müssen, das alles unwiederbringlich verloren ist. Und das wollen wir nicht zulassen. Das ist ein Projekt, das der heutigen Generation sagen soll: Hier haben deutsche Bürger etwas aufgebaut, aber diese sind weg, weil es die Vertreibung gab. Aber die Arbeit, die Kultur, die Identität der Regionen ist geblieben und deshalb ist es so wichtig, dass wir diese Erinnerung erhalten.


Martin Dzingel (Jahrgang 1975) wuchs in Römerstadt (Rýmařov) als Kind deutscher Eltern auf.

Von Hause aus Sprachwissenschaftler engagierte er sich bereits früh für die Belange der deutschen Minderheit. Seit 1998 im Präsidium der Landesversammlung, wurde er 2001 Geschäftsführer der Landesversammlung und 2010 zum Präsidenten gewählt.

Dzingel ist Vertreter im Rat für nationale Minderheiten der tschechischen Regierung. Er ist zudem Mitglied des Beirats des Deutsch-Tschechischen Gesprächsforums. Als Präsident der Landesversammlung ist er zugleich auch Herausgeber des LandesEcho.

Martin Dzingel lebt in Prag.