Aktuelle Seite: StartseiteIm Gespräch„Eine emotionale Geschichte, die berührt“

„Eine emotionale Geschichte, die berührt“

Foto: Regisseur Peter Anthony - Bild: LE/tra

Dinge, die nicht passiert sind, haben selten Nachrichtenwert. Im September 1983 saß Stanislav Petrov als diensthabender Offizier der Luftraumüberwachung in einem Bunker bei Moskau und drückte den roten Knopf nicht, obwohl er auf seinem Computer fünf amerikanische Atomraketen auf sich zufliegen sah. Er hätte die Welt zerstören können, war jedoch besonnen genug, einen Fehlalarm zu vermuten. Der dänische Regisseur Peter Anthony hat die unglaubliche Geschichte von Stanislav Petrov unter dem Titel „Der Mann, der die Welt rettete“ verfilmt und erzählt im Gespräch mit dem LandesEcho von der Entstehung des Films.

 

 

 

LE Sie haben Architektur studiert. Wie kommt man von der Architektur zum Filmemachen?

Für mich gab es da keinen wirklich großen Unterschied. Das Architekturstudium in Kopenhagen hatte viel Philosophisches. Wenn wir Gebäude entwarfen, dann betrachteten wir zunächst die Geschichte, die das Haus erzählen soll. Der Eingang war dadurch wie der Beginn dieser Geschichte. Wenn ich heute einen Film strukturiere, mache ich das genauso.

 

LE Wie stießen Sie auf das Thema des verhinderten Nuklearkrieges für Ihren Film „Der Mann, der die Welt rettete“ (Originaltitel: The Man Who Saved the World)?

Ich saß im Haus der Mutter meiner Freundin und sollte ein Drehbuch schreiben. Da sah ich auf der Rückseite einer Zeitung diesen Artikel über einen Mann, der die Welt vor einem Atomkrieg gerettet hatte. Ich wusste gleich, dass es schwer werden würde, diese Geschichte mit meiner ursprünglichen Filmidee zu toppen.

 

LE Hatte das mit dem „World Citizen“-Preis zu tun, den Stanislav Petrov, der Held ihres Films, 2006 erhielt?

Das war kurz davor. Ich kontaktierte die Autorin des Artikels, die Korrespondentin in Moskau war. Sie konnte sich aber nicht mehr genau daran erinnern, wo sie Petrov außerhalb Moskaus getroffen hatte. Also habe ich mich mit der Organisation in Verbindung gesetzt, die Petrov diesen Preis verleihen wollte. Auch die wussten nicht genau, wo er wohnte, kannten aber einen der Reporter einer Moskauer Zeitung, der wusste, wo man Petrov finden konnte. Mit dem habe ich mich dann getroffen.

Der Reporter sah genau so aus, wie man sich einen echten Journalisten vorstellt. Er trug eine Weste, die man eher zum Fliegenfischen anziehen würde, mit vielen Taschen. Er war Reporter in Kriegsgebieten gewesen und sah aus, wie man das von CNN kennt. Er fuhr mit mir also aus der Stadt heraus zu Petrov. Der Verkehr in Moskau war schlimm genug, dass man für eine Strecke, die eigentlich eine Stunde hätte dauern sollen, zwei benötigte.

Und dann hielt der Mann alle paar Meter an, um ein Bier zu trinken. Er wurde so betrunken, dass er zu schwitzen begann. Dann fiel ihm ein, dass er mir unbedingt seine Messer- und Schusswaffensammlung zeigen muss. Ich lehnte dankend ab.

Wir fuhren also aus der Stadt und auf dem Weg heraus wurde die Gegend immer ärmlicher. Das war für mich sehr merkwürdig, weil es in Dänemark so arme Menschen nicht gibt. Und dann gab es auf einmal keine richtigen Straßen mehr, sondern nur noch Staubpisten. Es war Dezember, ich trug eine dicke Jacke und warme Schuhe. Ich war gut ausgerüstet und hätte auch bei minus 40 Grad nicht gefroren. Draußen aber liefen Leute vorbei, die keine Schuhe anhatten, ich glaube es waren Roma, und tranken Wodka auf der Straße.

Dann kamen wir in eine Gegend, wo große Betonbauten standen aus Sowjetzeiten. Diese Wohnhäuser verfielen bereits und trotzdem wohnten Menschen darin. Auf der Straße verkauften einige Leute Hühner.

Eine Gruppe bildete sich um uns, die sehen wollte, was hier vorging. Einige junge Männer stellten sich vor mir auf und machten die „Sieg Heil“-Geste. Der Fahrer bekam Angst und wir mussten uns beeilen, in das Haus hineinzukommen. Wir rannten also dahin und eine große Metalltür öffnete sich.

Da stand Stanislav. Ein kleiner Mann, der aussah, als würde er nicht auf sich achten. Er sah wie ein Obdachloser aus. Auf mich wirkte er aber fast wie Jesus, so aufgeregt war ich, ihn zu sehen.

 

LE Hatten Sie von Anfang an diesen Film als Mischung aus Dokumentation und Spielfilm geplant?

Nein. Eigentlich sollte ich eine Woche bei ihm bleiben, da wurden aber drei Wochen draus. Zum Glück konnte ich mir etwas Geld leihen, um das zu ermöglichen. Ich wusste, dass ich einen Film machen will, der den Fernseh-Ansprüchen genügt, aber mehr ins Kino passt. Das sollte eine reine Dokumentation werden, die diesem alten Mann folgt.

Wir setzten uns also zusammen und er sagte sofort zu mir: „Peter, ich bin ein alter russischer Oberst. Ich darf also keine Emotionen vor der Kamera zeigen, oder über etwas reden, was zu persönlich ist.“ Da dachte ich mir gleich, dass ich so diesen Film nie würde machen können. Das wäre ein sehr kurzer Film geworden.

Ich bin kein Journalist, aber ich habe es am Anfang wirklich so versucht. Wir saßen da und ich stellte ihm alle diese Fragen darüber, wie es damals dort im Bunker gewesen war. Er erzählte mir, wie furchtbar es war, dass es fast sein Leben zerstört hatte. Das war natürlich etwas, das ich für meinen Film wollte. Sobald ich aber die Kamera einschaltete, änderte er seine Geschichte.

Plötzlich war alles gar nicht so schlimm gewesen. Fünf Atomraketen in der Luft, aber nicht so schlimm. Es war also klar, dass dieser Mann vor der Kamera etwas vorspielen würde. Ich hatte einen Dolmetscher dabei, da ich nicht Russisch spreche. Er sagte mir, ich müsse verstehen, dass dieser Mann im alten Sowjetregime erzogen worden war. Wenn man da etwas gegen das Regime sagte, landete man im Gulag oder noch schlimmer. Ich musste mir also etwas einfallen lassen, um an die Wahrheit zu kommen und fragte mich, ob ein Dokumentarfilm wirklich die echte Geschichte dieses Mannes erzählen würde, der da auf dem Stuhl saß. Das war nicht die Realität.

Es war gemein, aber ich musste diese Barriere durchbrechen. Ich wusste nur, dass Stanislav einmal im Leben auf sein Bauchgefühl gehört hatte, statt auf seinen Verstand. Damals, 1983, als es so aussah, als seien fünf feindliche Raketen auf dem Weg nach Russland, hatte er gegen das System entschieden. Also übten wir Druck auf ihn aus. Ich kam immer wieder auf einen Punkt zurück und fragte ständig dieselben Fragen. Er log oder antwortete sehr höflich, aber irgendwann wurde er wütend und dann kam die Wahrheit heraus. Der Film entwickelte sich so und so kam auch die Fiktion dazu. Alles, was im Film zu sehen ist, ist aber wahr. Es war nur nicht von Anfang an so geplant.

 

LE Eine natürliche Weiterentwicklung des Konzepts?

Ja. Außerdem fand ich heraus, als ich mit den großen Fernsehsendern sprach, dass sie alle die Geschichte sehr interessant fanden, es sie aber störte, dass Petrov kein Däne war. Ich wies darauf hin, dass ich keinen Dänen kannte, der die Welt gerettet hätte, und wir keine Atomwaffen haben in Dänemark.

Ein weiterer Punkt war, dass diese Geschichte nur für männliche Zuschauer über vierzig interessant sei, sagten sie. Er sei ein alter Mann, spräche Russisch, kein junger Mensch würde das sehen wollen. Mir war klar, dass das nicht stimmt. Vielleicht haben die jungen Leute nur gelernt, Filme anders zu sehen und Medien anders zu nutzen.

Als ich jung war, mussten Dokumentarfilme nach einem bestimmten Muster gemacht sein. Es musste immer einen Schriftzug geben, der das Jahr ankündigte, beispielsweise. Es gab auch immer einen Erzähler. Junge Leute wollen so einen Film nicht im Kino sehen, das wäre aussichtslos. Aber wenn ich Elemente aus fiktionalen Filmen einbaue, sieht es plötzlich ganz anders aus. Das lockt auch Leute an, die sonst kein Interesse an Dokumentarfilmen haben.

Das haben wir dann auch in Dänemark gemerkt. Die lange Zeit erfolgreichste Dokumentation hatte dort etwa 5 000 Karten verkauft, bei uns waren es schon im Vorverkauf 20 000. Das lag allein am Marketing für junge Zuschauer. Auf die konzentrieren wir uns, weil sie die Welt verändern können.

 

LE Es gab schon vor dem Vorfall mit Stanislav Petrov einige Beinahe-Katastrophen mit Atomwaffen. Auch danach gab es ein paar brenzlige Situationen. Glauben Sie, dass dies auch heute noch eine große Bedrohung darstellt?

Ich weiß, dass das noch immer eine große Bedrohung ist. Als ich im Rahmen der Recherchen die Vereinten Nationen besuchte, konnte ich mit vielen Leuten dort sprechen. Es gab sehr viele dieser Zwischenfälle, wenn auch keinen so gefährlichen, wie den von Stanislav.

Einer der Journalisten der Washington Post sagte mir, warum Stanislavs Fall seiner Meinung nach einzigartig war. Sogar während der Kuba-Krise hatte es zwei Regierungen gegeben, die miteinander in Kontakt standen. Die Situation war immens gefährlich, aber man sprach noch miteinander. Als Stanislav am roten Knopf saß, gab es da keinen Kontakt.

Zur gleichen Zeit gab es in Russland einen Politiker namens Andropov, den im Westen heute fast niemand kennt. Der war nur sehr kurz an der Macht, war aber wie Putin heute ein KGB-Mann. Andropov hatte Angst vor Reagan, weil er annahm, Reagan wäre wirklich fähig, den Angriff auf die Sowjetunion zu befehlen. Am selben Abend, als Stanislav in seinem Bunker saß und über das Schicksal der Welt entscheiden musste, unterzog sich der sehr kranke Andropov gerade einer Dialyse in einem unterirdischen Krankenhaus. Er war also außer Gefecht und seine Stellvertreter in diesem Falle wären die Erzkonservativen gewesen, die Generäle und Militärs. Die standen also den Amerikanern auf der anderen Seite gegenüber und sie kommunizierten überhaupt nicht miteinander. Deswegen war die Situation so gefährlich. Es passierte einfach unglaublich viel auf einmal.

Als wir mit Stanislav filmten, geschah wieder etwas. Ein russisches Flugzeug kam der kanadischen Grenze sehr nah und amerikanische Flugzeuge stiegen auf, um es abzudrängen. Was man aber nicht wusste, war, dass die Raketen, die die Flugzeuge trugen, am Boden aus Versehen mit Atomsprengköpfen versehen worden waren. Weil es eine Verwechslung bei den Markierungen gab, hätte es also einen Atomwaffenangriff auf eine Supermacht geben können.

Aber auch auf der anderen Seite gab es Menschen, die sich mit den Jahren bewusst wurden, womit sie da herumgespielt haben. Es gibt eine lange Liste der Beinahe-Katastrophen und deshalb setzen sich viele Leute auch dafür ein, die Atomwaffen von den Schnellauslöser-Systemen zu nehmen, um mehr Zeit für eine überlegte Entscheidung zu lassen und um sich vergewissern zu können, dass wirklich ein Raketenangriff im Gange ist.

 

LE Es gibt heute mehr Atommächte als jemals zuvor. Indien, Pakistan, Nordkorea haben Atomwaffen. Wie kann man die Verbreitung dieser Waffen eindämmen?

Immer, wenn wir unseren Film gezeigt haben, bin ich danach mit hochrangigen Politikern zusammengetroffen. Wir haben über diese Punkte gesprochen und es gibt natürlich Pro- und Kontra-Argumente. Zu meiner Jugendzeit gab es das „Atompatt“, auch Gleichgewicht des Schreckens genannt. Russland und Amerika hatten so viele Atomwaffen, dass ein Angriff immer auch die eigene Zerstörung bedeutet hätte. Heute gibt es all diese merkwürdigen Machtgruppen. Und dann gibt es noch die Terroristen. Die kann man so sowieso nicht abschrecken. Welches Land sollte man da angreifen? Es bleibt also sehr gefährlich.

Ich muss zugeben, dass ich eher zum linken Spektrum gehöre. Ich glaube, wenn man Kinder erzieht, tun die das, was man ihnen vorlebt und nicht das, was man ihnen sagt. Das gilt auch für die großen Länder. Ich verstehe, dass die USA und Russland ein ähnlich großes Arsenal halten wollen. Aber wie sollen andere Staaten darauf reagieren? Natürlich wollen sie das auch.

Atomwaffen werden eben nicht nur als Verteidigungsmaßnahme gesehen, sondern auch als Zeichen von Wirtschaftsmacht. Man muss also wirklich daran arbeiten, diese Waffenbestände abzubauen. Als wir aufwuchsen, hieß es noch, der Kommunismus würde für immer existieren, die Berliner Mauer würde für immer stehen. Veränderungen sind möglich, es braucht dafür aber jemanden wie Stanislav, der den ersten Schritt tut und ein besserer Mensch sein will. Man muss gut zu anderen sein und die Vergangenheit vergessen können. Dann kann man anfangen, etwas aufzubauen. Daran glaube ich.

 

LE Sie zeigten ihren Film in Prag zusammen mit der Friedrich-Ebert-Stiftung anlässlich der Konferenz „Prague Agenda“, die der Diskussion über Gefahren von Atomwaffen gewidmet war. Wie erfuhren Sie von dieser Veranstaltung?

Es hat vor etwa einem Jahr angefangen. Ich traf all diese Leute, die sich für die Abschaffung von Atomwaffen einsetzen. Das geht von der UN bis zu Hollywood-Schauspielern, die sich da engagieren. Sie brauchten einen Film für ihr Projekt und versuchten einen zu machen. Darin sollte es vor allem um die Bedrohung gehen und sie produzierten einen Streifen darüber, wie gefährlich alles ist.

Stanislavs Geschichte dagegen kann man nachvollziehen. Es geht um einen Mann, der seine Familie verliert, die Welt rettet und keine Anerkennung dafür erhält. Das ist eine emotionale Geschichte, die berührt. Darauf aufbauend kann man dann über die Gefahren von Atomwaffen sprechen. Wir haben den Film an diese Gruppen verteilt und ich glaube, dass sie so einen Film wirklich brauchten.

Dieses Gespräch führte Tomáš Randýsek. Es erschien im LandesEcho 1/2016.

 

Den englischen Trailer zu „The Man Who Saved the World“ gibt es hier:

 

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