Am 15. März vor 80 Jahren besetzte die deutsche Wehrmacht Prag und errichtete das Protektorat Böhmen und Mähren. Die Zeit und ihre Aufarbeitung stößt bis heute auf ein reges Interesse in der tschechischen Öffentlichkeit.

Als vor 80 Jahren die Wehrmacht in Prag einrückte und das sogenannte Protektorat Böhmen und Mähren errichtet wurde, begann zweifellos eines der dunkelsten Kapitel der deutsch-tschechischen Beziehungen. Etwa 7,2 Millionen Tschechen standen in dem Gebiet rund 200000 Deutschen gegenüber. Somit wurde das Protektorat zum ersten dem Deutschen Reich angeschlossenen Territorium ohne deutsche Bevölkerungsmehrheit. Hitlers Behauptung am 26. September 1938 im Berliner Sportpalast, er wolle „gar keine Tschechen“, wurde also spätestens mit dem Einmarsch am 15. März 1939 als Lüge entlarvt. Außerdem handelte es sich um das letzte Gebiet, das noch vor Kriegsbeginn dem deutschen Herrschaftsbereich einverleibt wurde. Beides sollte spürbare Auswirkungen auf das weitere Vorgehen der Besatzungsmacht mit sich bringen.

Viel wurde in den vergangenen Jahrzehnten über die Besatzungszeit gesagt und geschrieben. Und das nicht nur im Rahmen wissenschaftlicher Studien: Auch in der Literatur finden sich zahlreiche Beispiele, die von den Werken Arnošt Lustigs bis hin zu Jan Otčenášeks „Romeo, Julia und die Finsternis“ reichen, um einmal zwei tschechische Schriftsteller zu nennen.

Gleiches gilt für Film und Fernsehen. Allein in den vergangenen zehn Jahren reichte die Bandbreite von eindrucksvollen Spielfilmen wie Marek Najbrts „Protektor“ (2009) bis hin zu den entsprechenden Teilen von Serien wie „České stoleti“ (Tschechisches Jahrhundert) oder „Bohéma“, einem Mehrteiler über die tschechische Kulturszene. Die filmische Auseinandersetzung mit dem Thema trieb zuweilen auch kuriose Blüten, als beispielsweise eine nordböhmische Familie im Rahmen der Reality-Soap „Urlaub im Protektorat“ (2015) in die Zeit unter deutscher Besatzung zurückversetzt wurde. Die Versuche in Film und Fernsehen gingen in sehr unterschiedliche Richtungen. Gemeinsam war und ist ihnen jedoch das nach wie vor bemerkenswert große Interesse der Öffentlichkeit. Nicht selten folgten den filmischen Versuchen intensive Debatten über die Art der Darstellung oder wie im Fall der Reality Soap über die Sinnhaftigkeit des Formates.

Auch die wissenschaftliche Forschung beschäftigte sich in den vergangenen Jahrzehnten regelmäßig mit der Zeit unter deutscher Besatzung – und auch hier zeigt sich in Tschechien ein nach wie vor überaus großes Interesse am Thema. Wissenschaftliche Literatur zum Thema wird hier meist nicht nur in Fachkreisen, sondern auch von einer breiteren Öffentlichkeit wahrgenommen.

Mythos Autonomie

Geforscht wurde auf deutscher ebenso wie auf tschechischer Seite. Besonders der bessere Zugang zu den Archivquellen nach 1989 und nachfolgende Publikationen sorgten dafür, dass wir heute wesentlich umfangreichere Kenntnisse über einzelne Bereiche der deutschen Okkupationspolitik, die wichtigsten Funktionäre des Besatzungsregimes und andere Bereiche haben, zu denen es zuvor nur bruchstückhafte Informationen gab.

Dabei war die Beschäftigung mit diesem dunklen Kapitel nicht immer einfach: Auf deutscher wie auf tschechischer Seite gab es immer wieder Aspekte, mit denen sich nicht alle Beteiligten gern auseinandersetzten – Themen, die verdrängt oder manchmal auch verzerrt dargestellt wurden. Auf deutscher Seite tat man sich zuweilen schwer, sich von dem vom NS-Regime in die Welt gesetzten Mythos einer tschechischen Autonomie zwischen 1939 und 1945 mit maximalen Freiräumen für die Tschechen und einer angeblichen Blütezeit für die tschechische Kultur zu distanzieren. Auch wenn aus taktischem Kalkül heraus bestimmte Freiräume gewährt wurden, kann man von einer wirklichen Autonomie oder gar Blütezeit zu keinem Zeitpunkt sprechen. Sie stand für Hitler niemals auch nur zur Debatte. Der „Erlass des Führers und Reichskanzlers über das Protektorat Böhmen und Mähren“ vom 16. März 1939 kam den Tschechen in dieser Frage nur scheinbar entgegen. Zwar existierten die meisten tschechischen Behörden weiterhin, doch stand ihnen mit dem Amt des Reichsprotektors und weiteren Stellen eine deutsche Verwaltung gegenüber. Der Reichsprotektor konnte, wenn er „Gefahr im Verzug“ sah, jederzeit eingreifen und eigene Weisungen erteilen – eine absichtlich vage Formulierung, mit der immer wieder Eingriffe offiziell begründet wurden. Für tschechische Stellen wurde es dadurch schwieriger, deutsche Maßnahmen zu verhindern oder zumindest zu verlangsamen. Aber auch sonst hatte die Darstellung, dass tschechische Stellen weiterhin für die Belange tschechischen Bewohner des Protektorates zuständig waren, kaum etwas mit der Realität und auch nichts mit den tatsächlichen Machtverhältnissen zu tun.

Studien tschechischer Wissenschaftler beschäftigten sich oftmals besonders stark mit dem Widerstand gegen die deutschen Besatzer. Diesen gab es ja ohne Zweifel auch: Zahlreiche mutige Menschen beteiligten sich und viele von ihnen bezahlten dafür mit ihrem Leben. Es existierten große Widerstandsorganisationen wie das „Politische Zentrum“ (Politické ustředí) oder die „Nationalverteidigung“ (Obrana národa), aber auch zahlreiche kleine Gruppierungen. Auch Einzelpersonen leisteten auf unterschiedlichste Weise Widerstand.

Und doch gab es eben auch andere Verhaltensweisen, die sich meist auch nicht so einfach in klare Kategorien einteilen lassen. Die allerwenigsten Tschechen sympathisierten mit den deutschen Besatzern oder arbeiteten aus eigener Überzeugung mit ihnen zusammen. Dass sich das nicht wirklich ändern lassen würde, wusste man auch im Amt des Reichsprotektors, wie aus zahlreichen Dossiers deutscher Sicherheitsbehörden hervorgeht. Wesentlich größer war aber der Anteil jener Tschechen, die zwar eine tiefe Abneigung gegen die Okkupanten empfanden, sich aber doch aus unterschiedlichen Motiven heraus anpassten. Oft ging es allein schon darum, Schlimmeres zu verhüten und zumindest die verbliebenen Freiräume zu erhalten.

„Weiße Flecken“ im Fokus

Seit der Wende von 1989 ist es auf deutscher wie auf tschechischer Seite immer stärker gelungen, sich auch mit „weißen Flecken“ dieser Zeit zu beschäftigen. Stärker rückte auch das Bestreben in den Fokus, die Zeit unter deutschem „Protektorat“ nicht isoliert zu betrachten: Dies zum einen in zeitlicher Hinsicht, indem man das Thema nicht erst ab dem 15. März 1939 beleuchtet, sondern auch schon nach vorigen Entwicklungen in der „Zweiten Republik“ und diversen (zum Beispiel personellen) Kontinuitäten im tschechischen Verwaltungsapparat fragt. Bereits während der 1960er Jahre war es auf tschechischer Seite allen voran Jan Tesář, der in dieser Richtung bemerkenswert offen und kritisch Fragen stellte und scheinbar unumstößliche Wahrheiten hinterfragte. In den vergangenen Jahren wurde dieses Thema verstärkt wieder aufgegriffen.

Zum anderen wird die besondere Situation im Protektorat viel deutlicher, wenn man sie mit anderen besetzten Gebieten vergleicht. Verhaftung, Gewalt und Mord zählten auch im Protektorat zum Instrumentarium deutscher Besatzungspolitik, und dies besonders stark in Phasen wie während des Ausnahmezustandes nach der Ankunft Reinhard Heydrichs in Prag im Herbst 1941 oder in den Wochen nach dem Attentat auf den stellvertretenden Reichsprotektor im Sommer 1942. Und doch war die Okkupationspolitik beispielsweise im Generalgouvernement (Polen) durchweg wesentlich radikaler. Das Regime war dort von vornherein überhaupt nicht daran interessiert, einheimische Stellen mit einzubinden. Der Alltag unter deutscher Besatzung war geprägt von Brutalität und willkürlicher Gewalt.

Die deutsche Besatzungspolitik im Protektorat ähnelte indes viel eher der in nord- und westeuropäischen Gebieten. Gegen jeglichen Widerstand und gegen Andersdenkende ging das Regime brutal vor. Gleiches gilt für Menschen jüdischer Herkunft, Roma, Behinderte, Homosexuelle und andere Minderheiten, die nicht ins nationalsozialistische Weltbild passten. Allein 77.000 bis 80.000 Juden aus Böhmen und Mähren überlebten die Besatzungszeit nicht. Bestimmte Bevölkerungsteile waren also von vornherein von sämtlichen Zugeständnissen und Freiräumen, die das Regime aus taktischen Gründen beließ, ausgeschlossen.

Für die Mehrheit der tschechischen Bevölkerung waren die persönlichen Risiken dagegen begrenzt, wenn sie sich im Rahmen verbliebener Freiräume bewegten und keinen Widerstand leisteten. Geduldete Nischen gab es durchaus, und zwar nicht zuletzt in Bereichen wie der Kultur: Weiterhin wurden im tschechischen Nationaltheater nationale Klassiker aufgeführt, man konnte in Bibliotheken und Buchhandlungen problemlos zahlreiche Werke der bekanntesten tschechischen Autoren des 19. Jahrhunderts bekommen, im Kino tschechische Filme sehen usw. All das war von der Besatzungsmacht kontrolliert und allzu oft zensiert und eingeschränkt – jedoch wären solche Nischen im Generalgouvernement in dieser Form undenkbar gewesen.

Warum aber entschied man sich im Amt des Reichsprotektors für eine solche Form der Besatzungspolitik? Erstens ist es wichtig zu verstehen, dass das Regime diesen Weg lediglich aus taktischem Kalkül heraus und nur für eine begrenzte Dauer gehen wollte und dass sich das Vorgehen deutlich ändern würde, sobald man keine Zugeständnisse mehr machen müsste. Langfristig (also spätestens nach einem Kriegsende, wie es sich das Regime vorstellte) waren erheblich radikalere Maßnahmen vorgesehen: Eine nationale tschechische Kultur sollte den Planspielen zufolge dann jedenfalls nicht mehr existieren. Stattdessen war eine totale Einverleibung des Gebietes in das Deutsche Reich vorgesehen. Verbliebene tschechische Einwohner sollten „germanisiert“, ausgesiedelt und zum Teil auch physisch liquidiert werden.

Zweitens spielt es eine Rolle, aus welchen Gründen man sich im Amt des Reichsprotektors für diese Form der Politik entschied. Dem Regime ging es vor allem darum, das Land, seine Ressourcen und Industrien für die deutsche Kriegswirtschaft zu nutzen. Große Rüstungsbetriebe wie die Škoda-Werke in Pilsen oder die Brünner Waffenwerke waren für die deutsche Kriegswirtschaft von immenser Bedeutung, zumal sie lange außerhalb der Reichweite alliierter Luftangriffe lagen. Nicht umsonst wurde das Protektorat in deutschen Medien wiederholt als „Rüstkammer des Reiches“ betitelt. Tatsächlich funktionierte die Rüstungsproduktion im Protektorat bis kurz vor Kriegsende weitgehend ungestört. Auch mit technischen Entwicklungen durch tschechische Ingenieure auf dem Gebiet der Waffentechnik war man in Berlin hochzufrieden.

Freiräume als Ventil und Druckmittel

Darum spielte die große Bedeutung des Protektorates für die deutsche Kriegswirtschaft eine entscheidende Rolle für die Ausrichtung deutscher Besatzungspolitik. Die meisten deutschen Maßnahmen zielten gar nicht darauf ab, die Tschechen von den Vorzügen der Besatzung zu „überzeugen“ und für sich einzunehmen. Stattdessen ging es um ihre „systematisch durchgeführte politische Neutralisierung und Entpolitisierung“, wie der deutsche Staatssekretär Karl Hermann Frank 1940 in einer Denkschrift formulierte. Die Tschechen sollten von politischen Forderungen und dem Wunsch nach Eigenstaatlichkeit abgelenkt und in Bereiche gedrängt werden, die für das Regime vergleichsweise „ungefährlich“ waren. Das konnten Alltagsprobleme und auch der Kulturbereich sein. Dieser Überlegung zufolge mussten die Menschen das Besatzungsregime also nicht unbedingt mögen. Solange sie weiterhin ihrer Arbeit nachgingen und geduldete Nischen nicht überschritten, entsprach das dem Kalkül der Besatzer. Freiräume etwa im Kulturbereich wurden also keinesfalls aus Sympathie gegenüber der tschechischen Kultur belassen. Wenn das Publikum im Nationaltheater weiterhin tschechische Klassiker wie die Musik von Smetana und Dvořák genießen konnte, wurde dies auch dann geduldet, wenn die Menschen die Konzerte als nationales Symbol empfanden. Aus deutscher Sicht handelte es sich um ein Ventil, mit dem das Publikum seinen Unmut auf eine Weise deutlich machen konnte, die für das Regime vergleichsweise ungefährlich blieb.

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Die Überlegung hinter diesem Kalkül ging aber noch weiter: Verbliebene Freiräume ließen sich aus der Sicht des Regimes auch gezielt dazu ausnutzen, die Beteiligten mit der Androhung unter Druck zu setzen, diese zu verlieren. Das geschah regelmäßig und bewusst. Wenn man den Verantwortlichen auf tschechischer Seite beispielsweise eine Schließung des Nationaltheaters androhte, gelang es meist, ihnen gewisse Zugeständnisse abzupressen. Anders gesagt: Wenn diese versuchten, durch Kompromisse notgedrungen Schlimmeres zu verhüten, wurde dies bewusst ausgenutzt. Gerade prominente tschechische Künstler, die sich aus der Sicht des Regimes noch nicht genügend politisch bekannt hatten, wurden auf unterschiedliche Weise dazu genötigt, Zugeständnisse zu machen. Dabei wurde bewusst mit in Kauf genommen, dass diese sich gegenüber ihren Landesleuten kompromittierten.

Vor diesem Hintergrund entwickelte das Regime eine Besatzungspolitik zwischen „Zuckerbrot“ und „Peitsche“, deren Instrumentarium von Belohnungen bis zu Drohungen, von Preisverleihungen und Auszeichnungen bis zu Verhaftungen und Mord reichte.

Gerade vor diesem Hintergrund lässt sich nachvollziehen, dass die tschechischen Reaktionen auf die deutsche Besatzung eben nicht nur aus „Widerstand“ und „Kollaboration“ bestanden. Es fällt allein schon schwer, diese beiden Begriffe zu definieren: Was fällt alles unter Widerstand – und was nicht? Viel häufiger ähnelt das Verhalten der Betroffenen einer ständigen Gratwanderung. Das wird schnell deutlich, wenn man versucht, den Werdegang einzelner Personen während der Besatzungszeit im Detail zu beleuchten. Nur die wenigsten Fälle lassen sich eindeutig zuordnen – meist ist der Versuch und damit verbunden auch eine vorschnelle moralische Beurteilung eher hinderlich für eine genaue Analyse. Vielfach ähnelt die Recherche einem Puzzlespiel, bei dem zunächst einmal viele Informationen aus verschiedensten Quellen und Archiven zusammengetragen werden müssen, bevor Schritt für Schritt ein differenzierteres Gesamtbild entstehen kann.

Die gute Nachricht ist, dass 80 Jahre nach den dramatischen Ereignissen eine Diskussion auch über Punkte dieser Art, die in früheren Jahren noch hochemotional waren, fast immer sachlich und ohne großen Aufhebens geführt werden kann. Tschechische und deutsche Historiker sprechen in diesen Fragen nicht nur miteinander, sondern forschen immer öfter auch gemeinsam und frei von Berührungsängsten. Zu nennen sind Plattformen wie die Deutsch-Tschechische und Deutsch-Slowakische Historikerkommission, die sich schon lange Jahre ehemals umstrittenen und hochemotionalen Fragen widmen. Die Zusammenarbeit funktioniert aber auch im Kleinen: Gemeinschaftlich recherchierte und veröffentlichte Publikationen sind mittlerweile keine Seltenheit mehr. Auch bei meinen eigenen Recherchen durfte ich immer wieder erleben, wie engagiert tschechische Kollegen meine Arbeit immer wieder mit Rat und Tat unterstützten. So selbstverständlich dies heute fast schon erscheinen mag: Mit Blick auf frühere Probleme, Debatten und die geschilderten „weißen Flecken“ in der Forschung ist dies eine Entwicklung, die Mut macht.

Der Autor ist Historiker. Sein Buch „NS-Kulturpolitik im Protektorat Böhmen und Mähren“ erschien 2014 im Klartext-Verlag und 2018 auf Tschechisch im Verlag Prostor (Nacistická kulturní politika v Protektorátu).


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