Jan Neumann hält auch die deutsch geprägte Geschichte in Broumov wach. / Foto: Maja Das Gupta

Ohne Jan Neumann würde es viele deutsche Gräber auf den Friedhöfen des Braunauer Ländchens nicht mehr geben. Er gibt die Geschichten der Menschen weiter, die einst dort lebten.

Für Kaiser und Vaterland! Unübersehbar prangt der Schriftzug auf dem Ehrendenkmal für die Gefallenen der Schlacht von Königgrätz. Herr Neumann zückt seinen schwarzen Spazierstock. Dann hält er ihn waagrecht und bewegt ihn auf die Metallplatte zu, die sich unterhalb des Ehrendenkmals befindet. Er übt Druck aus und keucht ein wenig vor Anstrengung. Es bewegt sich etwas, ein Scharnier gibt nach. Er stützt sich kurz auf dem Spazierstock ab. Dann klettert er über die eiserne Kette, die das 1867 auf dem Friedhof erbaute Denkmal einfasst. „Hier“, sagt er und öffnet zwei metallene Klappen nach links und rechts. „Die Veteranen von Broumov, die in Königgrätz gekämpft haben.“ Hinter jedem Eintrag ist das Sterbedatum notiert. Manche haben es damals im Spital von Braunau nicht geschafft. 230 Betten gab es dort, nicht jeder verließ es lebend. Andere starben in den Zwanziger- oder Dreißigerjahren des 20. Jahrhunderts. Schwarze Schrift auf gelbem Grund, fein säuberlich protokolliert, die Braunauer Soldaten der entscheidenden Schlacht zwischen den Preußen und den Österreichern. Das erste Sterbedatum ist von 1866, Anton Leo, 38 Jahre alt. Man muss um diese Aufzeichnungen wissen, um sie zu entdecken. Jan Neumann kennt die Geheimnisse des Friedhofs, er hütet sie, gibt sie weiter – und zuweilen erzeugt er sie. Es scheint fast erstaunlich, dass nicht er das Denkmal in Auftrag gab, und ist wohl nur mit seinem jungen Alter von 75 Jahren zu erklären. 

Die Gedenktafeln am Ehrenmal für die Gefallenen der Schlacht von Königgrätz. / Foto: Maja Das Gupta

Als zehn Tafeln zur Geschichte von Braunau, auf Tschechisch Broumov, im Nordosten Böhmens ins nahe gelegene Benediktinerkloster zur Aufbewahrung gelangten, war er es, der dafür sorgte, dass man Kopien der Tafeln anfertigte, die um die Friedhofskirche herum angebracht wurden. „Hier“, sein Spazierstock zeigt auf eine Tafel, „in der entscheidenden Schlacht von Königgrätz hatte der Kronprinz Friedrich Wilhelm das Kommando. Und hier können Sie lesen, dass er von der Stadt Lebensmittel verlangte. Hier steht geschrieben, die Stadt musste 180 000 Gulden ausgeben, um Lebensmittel zu kaufen für die Armee.“ Der spätere Kaiser Friedrich III, schon als Kronprinz bekannt für seine liberale Haltung, hatte damit gedroht, die Stadt niederbrennen zu lassen, sollten seine Forderungen nicht erfüllt werden. Braunau fürchtete die Preußen.

Jan Neumann ist zum Stadtchronisten geworden. 2000 hat er die Tafeln bei dem akademischen Maler Jiří Škopek aus Jermer (Jaroměř) in Auftrag gegeben. Auf einer sind die Folgen der Schlacht bei Königgrätz zu lesen. „Wir gehörten zu Österreich und wir haben den Krieg verloren … Fünf Jahre später sind die Menschen ausgewandert, nach Amerika jährlich 150 – innerhalb von vier Jahren ist jeden November eine große Gruppe weggegangen. 400 Leute sind allein nach Chile. Im alten Rathaus hängt die Einladung der chilenischen Regierung. Chile versprach den deutschen Kolonisten 150 Hektar Boden, das ist eine große Menge, deswegen sind so viele Leute weggegangen. Die sind aus Hamburg gefahren … mussten Südamerika umfahren und tausend Kilometer südlich von Santiago haben sie am 15. Mai 1875 Neubraunau, ‚Nueva Braunau’, gegründet.“

Neumann holt eine Mappe mit Klarsichtfolien hervor. Da ist ein Foto, das ihn mit Pinochet zeigt. „Ich bin hingefahren und hab ihn getroffen. Das Foto ist von 2002. Ein Bild von ihm hängt dort in jedem Braunauer Haushalt. Die Braunauer haben ihn geliebt. Weil er das Eigentum gerettet hat. Der Vorgänger, Allende, der wollte es wegnehmen. Und ungefähr sieben Kilometer von hier, da steht die Maria-Magdalena-Kirche. Da hab ich für einen anderen Auswanderer aus Braunau einen Gedenkstein veranlasst.“ Er blättert ein wenig, bis mehrere Fotos zu sehen sind: „Monsignore August Klinke. Geboren am 3.3. 1870 in Barzdorf (Božanov). Gestorben 1932 in Valdivia, Chile. Er war Bischof in Chile. Und weil er Bischof in Chile war, sind Botschafter aus Chile hierhergekommen, vier bislang. Alle kommen sie zum Neumann.“ Seine flinken Finger blättern weiter. „Hier – das ist ein Botschafter aus Chile, zusammen mit mir vor dem Grab in Božanov.“

Christus geht rückwärts

Jan Neumann zeigt die Gedenktafeln am Ehrenmal für die Gefallenen der Schlacht von Königgrätz. / Foto: Maja Das Gupta

Er steckt den Schnellhefter wieder ein. Dann lässt er seinen Blick über die Tafeln schweifen wie ein Bauer über seine Felder. „Auf zehn Tafeln hat Škopek nur einen einzigen Fehler gemacht. Sehen Sie hier?“ Neumanns Spitze des Spazierstocks zeigt sehr präzise auf einen Buchstaben. „Er hat den Haken in die falsche Richtung gemacht. Nun steht da, dass wir im Dreißigjährigen Krieg Kinder und Vieh aßen.“ Er hat etwas Verschmitztes, als er wiederholt: „Statt Rinder Kinder. Nur ein Haken. Sehen Sie?“ Und ebenso vergnügt erzählt er von einem anderen Fehler. „Der Kreuzgang Christi war an der Holzkirche angebracht, wurde aber gestohlen. Nur zwei Bilder konnten gerettet werden, die sind im Kloster. Da habe ich die akademische Malerin, Marketa Škopkova, Škopek ist ihr Vater, beauftragt, uns einen Kreuzgang zu malen. Der Vikar hat mit Kreide Nummern auf die Außenseite der Kirche gemalt. Als der Tischler kam, hat er das so angebracht.» Wieder fährt sein Spazierstock in die Luft, um innezuhalten und auf die Kreidezeichen zu zeigen. „Die Prozession ist von links nach rechts. Aber die römischen Zahlen, die Sie sehen, die werden höher, wenn Sie von rechts nach links gehen.“ Er senkt den Spazierstock und sagt feierlich: „Wir haben den einzigen Kreuzgang der Welt, auf dem Christus rückwärtsgeht.“ Das sei nur noch mit viel Geld rückgängig zu machen und der Kreuzgang auch schon geweiht. 

Der rückwärtsgehende Christus an der Marienkirche, die ursprünglich aus dem 12. oder 13. Jahrhundert stammt, während der Belagerung durch die Hussiten niederbrannte, um im 15. Jahrhundert von den Benediktinern wieder aufgebaut zu werden, ist das nicht eine Einladung, noch weiter zurückzuschauen? „1599“, Herr Neumanns Spazierstock schlägt wie eine Wünschelrute, die einen Schatz anzeigt, wieder aus. „Diese Grabplatte hier … das ist das älteste Grab auf dem Friedhof gewesen.“

Und weiter geht’s, der Spazierstock weist den Weg, weg von der Kirche und ihren Schätzen hin zu einer auffälligen, eingezäunten Grabstätte von 1794. Der rückwärtsgehende Christus … „Als Kaiser Franz Joseph zu Besuch kam, versprach er, die Benediktiner könnten hier beerdigt werden. Dort hinten, sehen Sie die weißen Platten? Da liegen die letzten vier deutschen Äbte. Auf der rechten Seite, das ist der 58. Abt von Braunau, Rudolf. Der 59., Dominik, der wurde im November 45 vertrieben. In Bayern fand er ein leeres Kloster, Rohr bei Regensburg. Dort haben die Benediktiner sich neu gegründet. Ja, und das Kloster hier stand leer.“ Herr Neumann streckt den Spazierstock in die Luft und weist nach links. „Das große Grab dort drüben, da sind Nonnen beerdigt. Unter den Kommunisten 1950 wurden die Klöster der Nonnen in der ganzen Tschechoslowakei geschlossen, zwölf verschiedene Orden. In vierzig Jahren sind durch das Kloster 700 Nonnen durchgegangen, die lebten dort wie im Gefängnis, wie interniert. Sie mussten in den Fabriken und auf den Feldern arbeiten. Da sind Franziskanerinnen und Nonnen anderer Orden beerdigt. Rasch ist der Platz ausgegangen, das heißt, einige kamen dann in Grüfte. Da, wo das große Holzkreuz ist, das Grab mit der Statue, da liegen ungefähr zwanzig Schwestern.“ Es ist ein schlichtes, wenn auch großes Grab mit schwarzer Grabplatte, auf das Neumann deutet. Wer die Inschrift «SR» nicht übersetzen kann, ahnt nicht, wer hier liegt. Im Kloster Broumov befindet sich auf einer der unteren Etagen ein Zimmer, von dem man weiß, dass hier besagte Nonnen untergebracht waren. Ansonsten verweist nichts auf die Anwesenheit so vieler Frauen im ehemaligen Männerkloster. 

Der schwarze Sonntag

Die hölzerne Marienkirche / Foto: Maja Das Gupta

Neumanns Spazierstock klopft auf den Boden. „Es ist ein Irrtum, dass die Toten tot sind“, steht bei Heiner Müller. Aber es bedarf Mittler wie Neumann, um sie zu vernehmen. Zum Beispiel die Stimmen der Familie Weisser. Fünf Kinder, die Eltern und ihre Großmutter starben alle an einem Tag – als Hermann Weisser angesichts der drohenden Vertreibung am 30. September 1945 die Nerven verlor, seine Familie und sich selbst erschoss. Im zweiten Braunauer Rundbrief, der sich an Vertriebene und ihre Nachfahren richtet, hat Neumann 2001 von ihnen erzählt. Es habe ihn Überwindung gekostet, weitere Nachforschungen zu betreiben, erzählt er. Und setzt sich zum ersten Mal hin, auf das Nachbargrab, plötzlich eine Klarsichtfolie mit Unterlagen zur Familie Weisser in der Hand. „Der Hermann hat die Nerven verloren“, sagt er, als spräche er über einen guten Bekannten. Dabei war er selbst gerade mal zwei Jahre alt, als der erweiterte Suizid geschah. Die Zwillinge, die Hermann Weisser erschoss, waren ein Jahr älter als er. „Vor zwei Jahren hatte ich den Mut, auf dem Stadtamt zu fragen.“ Seitdem weiß er, dass die Familie Weisser in insgesamt vier Särgen liegt. Die drei Erwachsenen und der älteste Sohn bekamen jeweils einen Sarg. In jeden Sarg wurde ein kleines Kind dazugelegt. Neumanns Spazierstock bewegt sich auf den weißen Kies des Grabes Weisser zu und schiebt dabei einige Steinchen zur Seite. „Das habe alles ich neu gemacht. Selbst bezahlt.“ Die Antwort auf die Frage, warum er das tue, kommt schnell und präzise: „Wegen der Historie. Die beginnt nicht erst mit den Kommunisten. Die ist insgesamt 700 Jahre alt.“

22 000 Deutsche seien nach 1945 vertrieben worden. In dreizehn Transporten. „Der 30. Mai 1945, der Tag, an dem Hermann Weisser sich und seine Familie umbrachte, war der sogenannte schwarze Sonntag. Ab August 1945, nach dem Potsdamer Abkommen, konnten die Leute zwanzig Kilogramm mitnehmen. Aber davor herrschte wilde Vertreibung und viele Leute wählten Selbstmord. Da hinten stapelten sich die Leichen“, sagt Jan Neumann, streckt das schwarze Holz des Stockes wieder waagrecht in die Luft, als sei dort hinten noch der Leichenberg, von dem er erzählt. Warum er selbst und seine Familie nicht vertrieben worden seien? „Meine Mutter war Tschechin, mein Vater Deutscher. Ich bin in Náchod geboren.“ Dann erzählt er, dass von den dreißig deutschen Frauen, die noch hier waren, viele rasch tschechische Männer geheiratet hätten, um der Vertreibung zu entkommen. „Und später, wenn man eine solche Frau mal ein deutsches Wort sagen hörte, riefen die Kinder: ‹Das ist eine deutsche Hure.›“ Es sei gefährlich gewesen, deutsch zu sprechen nach dem Krieg. „Die Eltern wollten das nicht, die hatten Angst um uns Kinder. Die Kinder wurden für jedes deutsche Wort von Tschechen geschlagen. Zuhause habe ich kein Wort Deutsch gehört. Wir wohnten nicht weit von hier, in Schatzlar. Der Vater war Organist. Er hat in der tschechischen Messe die Messe auf Tschechisch gesungen und in der deutschen Messe die Messe auf Deutsch.» In der Klasse habe es zwei weitere deutsche Kinder gegeben. 

Braunau in Brasilien

Dann lächelt er zart. „Von hier aus sind es nur wenige Meter nach Brasilien. Wollen wir nach Brasilien gehen?“ Es geht an Gräbern vorbei, die längst verwittert sind, an Gräbern vorbei, die schief in den Himmel ragen und mit in Medaillons gefassten Fotos an die Bestatteten erinnern, tschechische Namen neben deutschen Namen, Gräber links, Gräber rechts, jenseits der Wege, und plötzlich zeigt sich da ein aufpoliertes Grab kerzengerade von seiner besten Seite: das Grab von Franz Hecht. Neumann legt den Spazierstock kurz zur Seite, zückt weitere Klarsichtfolien: „Das ist meine Arbeit.“ Er zeigt einen verwitterten, verfallenen Stein. Das war, bevor er Hand an Franz Hechts Ruhestätte legte. Übers Internet machte er die Urenkelin ausfindig und brachte ihr 2006 ein Foto der Grabstelle ihres Braunauer Vorfahren mit, die er zuvor restaurieren ließ. Sein Spazierstock deutet nun auf die Inschrift, die in goldenen Lettern auf dem schwarzen Stein klar lesbar ist. „’Franz Hecht, Vater des Gründers von Braunau nuovo.’ Sein Sohn ist ausgewandert, der Adolf, 1890 war das. Er hatte Probleme mit seinem Meister und ist weg. Und ist in Brasilien gelandet. Hat dort bei einem englischen Ingenieur als Helfer gearbeitet und sich dann selbständig gemacht. 1908 hat er Braunau gegründet, aber auf Portugiesisch war das schlecht auszusprechen. 1930 wurde es umgenannt in ‚Braúna’ – Braúna ist ein Baum, ähnlich der Akazie. Adolf Hecht wurde dann Erster Bürgermeister.“ Beinahe liebevoll blickt Neumann auf den Stein, als höre der Vater Adolfs jedes Wort. „1920 ist der Adolf noch mal hergekommen und saß hier in einem Gasthaus und die Leute fragten ihn, wie es ihm geht. Da hat er gesagt, ich habe 300 Schweine, einige tausend Kühe – und die Leute konnten das nicht verstehen, weil der Reichste von ihnen hatte gerade mal fünfzehn Hektar, und die dachten, der Adolf ist betrunken und lügt.“ Wieder klingt es, als habe Neumann Adolf gut gekannt, als spräche er von einem Freund aus Kindheitstagen. „Er ist dort beerdigt, er starb 1949, ich war bei dem Grab, das war für mich sehr emotional.“

Nach der Wende wurde Neumann zu einer Art Kontaktperson für Sudetendeutsche. Er hielt Vorträge, auch in den beiden Braunaus in Chile und Brasilien. In Chile ist er Ehrenbürger Braunaus. „Als in den Neunzigerjahren die Entspannung kam, da suchten viele Nachfahren nach ihren Ahnen. Und natürlich, ist ja logisch, sind sie erst mal nach Braunau am Inn gefahren. Ich habe ihnen beigebracht, dass sie zu uns fahren.“ Außerdem begann er, Gruppen ins Braunauer Heimatmuseum im fränkischen Forchheim zu bringen und auch ins niederbayerische Rohr zu den Benediktinern.

Auf die Frage, ob er Deutscher oder Tscheche sei, kommt die Antwort ohne zu überlegen: „Wenn Sie jahrelang in China leben, werden Sie ein Chinese.“ Dass dies nicht alle so empfinden, davon zeugen die Grabstätten Sudetendeutscher, die Jan Neumann zum Abschluss zeigt. Da ist der in Braunau geborene Leiter des sudetendeutschen Heimatmuseums in München, der bereits alles bezahlt hat, um später hier beerdigt sein zu können, in der alten Heimat. „Bis 2063 ist alles bezahlt, auch der Transport. Er hat keine Kinder und möchte nach Hause.“ Auf dem Grab fehlt nur noch das Sterbedatum. Als Sterbeort ist München angegeben. Sein Vater sei Arzt gewesen, habe später in Halle an der Saale gelebt und sei irgendwo in Deutschland gestorben. Der liege auch hier. Und neulich erst sei aus Berlin eine Tochter mit einer Urne angereist. Der letzte Wunsch der Mutter sei es gewesen, in die alte Heimat zu kommen. 

Rückkehr in die Heimat

Das Benediktiner-Stift in Braunau / Foto: Maja Das Gupta

Dann geht es weiter, zu einem Freund Jan Neumanns. „Mein Freund Helmut, Heimatgrafiker – er war ein großer Patriot und auch Redakteur der Braunauer Mitteilungen bei den Benediktinern in Rohr. Wir waren sehr gute Freunde. Als er starb, lebte er in Essen. Ich rief den Sohn an, um zu fragen, wann in Essen Beerdigung sei. Da sagte der Sohn, er ließe ihn lieber nach Hause bringen." Der Heimatkreis sammelte, 10 000 Euro waren nötig. Neumann organisierte alles. „Ich wollte, dass er hier liegt, wo man ihn gleich findet, wenn die Landsleute ihn suchen.“ Dann sagt er noch etwas. „Er kam aus Deutschland nach Hause.“ 

Auch das Andenken an seine Schwester hat Neumann „nach Hause“ geholt. „Sie lebte an der Mosel. In Bernkastel-Kues.“ Er fuhr mit einem Anhänger hin, nahm die Oberplatte ihres Grabsteines und brachte sie hierher. Bernkastel-Kues meldete er, dass der Grabplatz wieder frei sei. Neumann blickt sinnierend von Ferne auf die Grabplatte der Schwester. Es ist das einzige Grab, auf das er nicht mit dem Spazierstock zeigt. Seine Eltern liegen nicht hier, sondern in Náchod, wo Neumann geboren wurde. Die Mutter starb bei seiner Geburt, der Vater 1983. Der Tod seiner Frau veranlasste den Vater dazu, Neumann ins Waisenhaus nach Prag zu geben. Die ersten zwei Jahre verbrachte er dort – im Krieg holte der Vater ihn zurück. Neumann ging mit seiner mehr als zehn Jahre älteren Schwester in die Schule. Einen Kindergarten gab es nicht – nur eine Art Schachtel, in der der kleine Junge saß, während die Schwester in ihrer Klasse unterrichtet wurde. 

Neumann erzählt dies mit derselben amüsierten Milde, mit der er auf den Verschreiber auf der Holztafel hinwies. Nichts an ihm wirkt bitter, im Gegenteil: Was das historische Verhältnis zwischen nichtjüdischen Deutschen und nichtjüdischen Tschechen betrifft, strahlt er etwas sehr versöhnlich Stimmendes aus. Auch, wenn er erzählt, dass er fast vierzig Jahre lang kein Deutsch gesprochen hat, dass das erst mit der Wende wieder möglich wurde. Nach einer Tätigkeit in einer Textilfabrik hatte er noch vor der Wende ein Reisebüro eröffnet. Nach der Wende betrieb er das weiter. 

Eine Studienreise brachte Neumann und seine Frau nach Israel. Dort hat er auf dem Denkmal für die ermordeten Juden auch seinen Geburtsort gefunden. „In Náchod waren viele Juden. Die wurden alle nach Auschwitz deportiert. Die jüdische Bevölkerung wurde in meinem Geburtsort vollkommen ausgelöscht.“ Im Broumov der Dreißigerjahre hat es Neumann zufolge nur zwei jüdische Familien gegeben, die eines Arztes und die eines Rechtsanwalts. „Die haben es rechtzeitig geschafft, zu emigrieren.“ Peter Hallama beschreibt in seinem Buch Nationale Helden und jüdische Opfer: Czech Depictions of the Holocaust, wie die Firma der Brüder Goldmann vom Bezirksnationalausschuss in Broumov konfisziert wurde. Es gab hier also zumindest eine weitere jüdische Familie neben der des Arztes und der des Rechtsanwalts. Trotz ihrer tschechischen Nationalität erhielten die Goldmanns ihr Eigentum nicht zurückerstattet, weil vor dem Krieg Deutsche angestellt worden waren. Man habe ihnen „Förderung der Germanisierung" unterstellt. Heute, sagt Neumann, lebten keine jüdischen Familien mehr in Broumov. Hier irrt er. Er kennt sie nur nicht, weil sie erst nach dem Krieg zugezogen sind. Eine 1947 geborene Sudetendeutsche, die in Broumov lebt, weiß von einer jüdischen Mitschülerin und einer weiteren jüdischen Familie, und eine ebenfalls zum Thema befragte Tschechin bestätigt, dass heute mindestens zwei jüdische Familien in Broumov leben. 

Die Mehrheit der Deutschen in Broumov sei froh gewesen über den Anschluss an das Deutsche Reich, sagt Neumann. Aber als es dann darum ging, in der Armee zu kämpfen, hätten die wenigsten „dazu Lust“ gehabt. Und nach dem Krieg, die Vertreibung, habe dann keinen Unterschied mehr gemacht zwischen antifaschistischen Familien und denen, die für die Nazis waren. Ob es ihm je in den Sinn gekommen sei, nach Deutschland zu ziehen? „Nein. Ich bin hier zufrieden. Ich bin hier zu Hause.“ Mit wem er Deutsch spreche? „Mit den Landsleuten, die kommen, die alte Heimat zu suchen.“ Zu Hause spricht er Tschechisch, seine zweite Frau antwortet auf Slowakisch, ihrer Muttersprache. Inzwischen hat Neumann von seinen vier Kindern aus der erster Ehe, ebenfalls mit einer Slowakin, sieben Enkel, das vierte Urenkelkind ist gerade unterwegs. In welcher Sprache die Familie miteinander spricht, ist nicht mehr wichtig. Und die Sudetendeutschen hätten im Übrigen schon vor drei Jahren einen Passus in ihre Satzung aufgenommen, dass es ihnen nicht um das Einfordern alter Eigentumsverhältnisse geht. Die kämen aus anderen Gründen. „Für die meisten ist es in Ordnung, wenn das Haus noch da ist und gut aussieht. Aber wenn es verfällt, das tut weh. Wenn da plötzlich nur noch eine Ruine ist.“ Dann hellt sich seine Miene auf, die sich kurzzeitig etwas verdunkelt hatte, als er von dem Verfall der Häuser sprach. Es gäbe auch schöne Häuser von früher in Braunau, natürlich. Er lächelt sein verschmitztes Lächeln: „Wissen Sie, ein typisches Braunauer Haus hat links und rechts im Eingangsbereich so was wie Vorsprünge. Und die Tschechen haben keine Ahnung, wofür diese Erhebungen sind. Da saßen bei uns die alten Leute. Und wenn man vorbeiging, musste man mit ihnen sprechen: ‚Wie geht es Ihnen?’ Und die fragten: ‚Wo gehen Sie hin?’ Aber die Tschechen, die wissen das nicht. Die stellen da Blumen hin.“

Die Autorin lebt als freie Schriftstellerin in Berlin. Der leicht gekürzte Text wurde in seiner vollständigen Version erstmals im November 2018 in der Nummer 175 der Zeitschrift "Wespennest" veröffentlicht.


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