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Die Generalprobe der Vertreibung

Ort der Vertreibung   Foto: Archiv

 

Pate bei der Geburt der Ersten Tschechoslowakischen Republik, im kollektiven Gedächtnis der tschechischen Gesellschaft immer noch als demokratisches Vorzeigebeispiel, wenn nicht sogar als Schaufenster der Demokratie im Mitteleuropa der Zwischenkriegszeit verklärt, war auch das Unrecht.

 

 

Das war vor allem dem ungeliebten Stiefkind geschuldet, das die neue Republik aus einem vorhergehenden Bündnis geerbt hatte: dem Adel Böhmens, Mährens und Schlesiens. Die Republik lag noch in den Windeln, als der Adel massenhaft enteignet und ihm seine Titel aberkannt wurden. Die Lebensgeschichten des böhmischen Adels im 20. Jahrhundert sind allgemein von Tragik durchdrungen. Doch das Schicksal der Hohenberger ragt auf besondere Weise unter den meisten anderen hervor.

Das Attentat auf den Österreichisch-Ungarischen Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand und seine Gattin Sophie Herzogin von Hohenberg läutete nicht nur das Ende des „langen 19. Jahrhunderts“ ein, das mit dem Ausbruch der Französischen Revolution begann und durch die Kugeln auf Franz Ferdinand in Sarajevo endete. Es war auch eine Familientragödie, die sich an diesem 28. Juni 1914 in der bosnischen Metropole vor den Augen der Welt ereignete. Die letzten Worte des Erzherzogs galten seiner, angeblich schwangeren Frau, die ebenfalls tödlich verwundet war: „Sopherl, Sopherl, stirb nicht, bleibe am Leben für unsere Kinder!“ Der Anschlag der serbischen terroristischen Gruppe „Crna ruka“ (Schwarze Hand) hinterließ im fernen Böhmen drei kleine Waisen: Herzog Max (12), Gräfin Sophie (13)und Fürst Ernst (10).

Die Liebesgeschichte zwischen dem Thronfolger und dem altböhmischen Grafengeschlecht Chotek entstammenden „Soferl“ hatte seinerzeit zu einem kleinen Skandal geführt. Denn Sophie war zwar eine anerkannte Schönheit, ein Star ihrer Zeit. Aber einem Thronfolger nicht ganz ebenbürtig. Dennoch, Franz Ferdinand blieb stur und heiratete sein „Soferl“. Auch unter der Bedingung, dass die gemeinsamen Kinder keinerlei Anspruch auf den Thron haben würden und de facto aus dem Herrscherhaus ausgeschlossen wurden. Auch Sophie bleibt innerhalb der strengen Adelshierarchie des untergehenden Kaiserreiches als Unebenbürtige missachtet.

Fernab von schnöseligem Standesdünkel gilt Erzherzog Franz Ferdinand unter den reformatorischen Kräften Österreich-Ungarns als letzte Hoffnung des maroden Vielvölkerstaates.

Das Lebensprojekt des Thronfolgers heißt „Vereinigte Staaten von Großösterreich“. Franz Ferdinands hält die Situation der Nationalpolitik im Kaiserreich für gefährlich, ja bedrohlich für das Weiterleben der Monarchie. In Zusammenarbeit mit dem Politiker Aurel Popovici veröffentlichte er 1906 seine Ideen zur Föderalisierung des Reiches anhand des Sprachprinzips. Wie wörtlich es der Erzherzog mit der Föderalisierung des k.u.k-Reiches meinte, bezeugen auch etliche Fotos seiner Güter und Schlösser, feierlich geschmückt in den rot-weißen Flaggen des Königreichs Böhmen. Doch die Idee der „Vereinigten Staaten von Großösterreich“ starb in Sarajevo zusammen mit ihrem Verfechter.

Nach vier Jahren des sinnlosen Schlachtens nehmen sich dann die Völker der Monarchie selbst, was zuvor von Oben geplant worden war. Die Siegeslaunen von Versailles und Trianon übersahen dabei das Sprachenprinzip und kleideten die alten Probleme Großösterreichs meist nur in einen neuen Mantel: Anstelle eines Ausgleichs zwischen den Nationalitäten drehte sich in der neu gegründeten Tschechoslowakei das Machtgefi lde um. Als erste Prügelknaben mussten, in einer Generalprobe des Prinzips der Kollektivschuld, das nach dem weiteren Krieg voll ausbrach, die „Kriegshetzer“ herhalten, die„ Habsburger“, der „Hochadel“.

Unter ihnen drei minderjährige Waisen.

Am 16. April 1919 werden die Kinder von Erzherzog Franz Ferdinand und Herzogin Sophie von Hohenberg aus ihrem Schloss Konopischt (Konopiště) und der Tschechoslowakei vertrieben, sie dürfen ein Gepäck von je fünf Kilogramm Gewicht mitnehmen. Alles Wertvolle muss aber in Konopischt bleiben. Die Schikane geht sogar so weit, dass Fotos der Eltern ausgepackt werden müssen, auch das ist von nun an Staatseigentum! Die Herrschaft Konopischt mit Schloss und ganzem Inventar war seit 1916 Eigentum von Herzog Max von Hohenberg. Im April 1919 wird es ohne jegliche Erklärung konfisziert. Erst fünf Monate danach heißt es im Artikel 208 des Vertrages von St. Germain: „Die Staaten, denen ein Gebiet der ehemaligen österreichisch-ungarischen Monarchie übertragen wurde, oder die aus dem Zerfall dieser Monarchie entstanden sind, erwerben alles Gut und Eigentum, das der ehemaligen oder der gegenwärtigen österreichischen Regierung gehörte und auf ihrem Gebieten gelegen ist. Im Sinne des gegenwärtigen Artikels gehören zum Besitz und Eigentum der ehemaligen oder gegenwärtigen österreichischen Regierung: das Vermögen des ehemaligen österreichischen Kaiserreiches, der Anteil dieses Reiches an dem gemeinsamen Besitz der österreichisch-ungarischen Monarchie, alle Krongüter sowie das Privatvermögen der ehemaligen österreich-ungarischen Herrscherfamilie.“

Dass die Hohenberger keine Habsburger waren - die Nachkommen des Erzherzogs Franz Ferdinand und der Herzogin von Hohenberg wurden aufgrund des Verzichts Franz Ferdinands aus dem Herrscherhaus Habsburg ausgeschlossen – wurde geflissentlich übersehen. Am 16. Juli tritt der Vertrag von St. Germain in Kraft. Am 12. August 1921 impliziert ihn das tschechoslowakische Parlament mit „Aufbesserungen“ als Gesetz Nr. 354 ins Recht der neuen Republik. Im Gesetz Nr. 354, Absatz 2 des Paragraphen 3 wird ein bisschen an der Realität gebastelt, indem der 1914 ermordete Franz Ferdinand als Eigentümer von Konopischt und seinen dazugehörigen anderen Besitztümern und Gütern angegeben wird.

Fürst Jaroslav von Thun-Hohenstein, der Vormund der drei noch zum Teil minderjährigen Kinder reicht im Jahre 1922 gegen die Entscheidung in der Tschechoslowakei eine Klage ein - ohne Erfolg. Man versucht, die Angelegenheit über den Wiedergutmachungsausschuss in Den Haag zu lösen. Doch er fühlt sich für Interpretation von Artikel 208 nicht zuständig. Die österreichische Regierung setzt sich für die Hohenberger ein, doch ebenfalls erfolglos: Trotz Verhandlungen zwischen den beiden Ländern gelingt keine neue Lösung.

Als 1938 die deutsche Wehrmacht in Österreich einmarschiert, werden Max und Ernst Hohenberg als aktive Monarchisten und Gegner Großdeutschlands und Hitlers innerhalb der ersten 24 Stunden nach dem Einmarsch inhaftiert. Mit dem ersten österreichischen Transport werden sie ins KZ Dachau verschleppt. Sämtliche Hohenberger Güter in Österreich werden beschlagnahmt. In einem Jahr besetzt Hitler auch die Tschechoslowakei. Schloss Konopischt wird zum Museum. Die wertvollsten Stücke der Hohenberger werden in Kisten verpackt und in Hitlers „Gauhauptstadt“ Linz geschickt. Dort sollen sie nach dem gewonnen Weltkrieg im geplanten „Führers Heeresmuseum“, der gigantischsten Kunstgalerie „Großdeutschlands“, ausgestellt werden.

Gleich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs finden die Alliierten in der Nähe von Salzburg 42 Kisten voller Kunstwerke aus Böhmen und Mähren, darunter nachweisbar auch Schätze aus Schloss Konopischt. Der überlebende Herzog Max meldet sofort seine Ansprüche an. Diese werden aber im Mai 1946 abgelehnt. Stattdessen werden die Kunstschätze in die Tschechoslowakei geschickt. Seit 2001 befinden sich die ererbten Rechte in Hand der Sophie Fürstin von Hohenberg, die seit 2007 um die Rückerstattung ihrer Familiengüter kämpft. Bislang vergeblich.

 Das Interview erschien in der LandesZeitung 13/14 2014.

 


 

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