Halal unterm Hradschin

Muslime in Tschechien machen nicht oft von sich reden. Dabei sind sie eine der wenigen anerkannten Religionsgemeinschaften.  

 Wenn das islamische Jahr zu Ende geht, pilgern Millionen von Muslimen aus aller Welt nach Mekka, um die Kaaba, das zentrale Heiligtum zu umrunden. Diese Zusammenkunft gehört zu den größten Veranstaltungen   weltweit, sie zählt zu den religiösen Pflichten eines jeden Gläubigen. Mit den Menschenmassen in Mekka kann es die Gemeinschaft der Muslime in der Tschechischen Republik nicht aufnehmen. Sie ist klein und tritt in der Öffentlichkeit selten in Erscheinung. Doch auch in Tschechien gibt es Muslime, Moscheen und Gebetsräume. In einem dieser Gebetsräume hängt ein Bild der Kaaba, auf dem die vielen weisgewandeten Pilger zu sehen sind.  

Dieser Gebetsraum gehört zur Moschee im Plattenbauviertel Černý Most am östlichen Stadtrand von Prag. Etwa 250 Menschen beten hier jeden Freitag auf dem großen weichen Teppich. Koranausgaben stehen im Regal, es ist still. Fur die rund 5000 Muslime, die in Prag leben, gibt es aber auch noch zwei andere Gebetsräume in der Hauptstadt. „Viele der Muslime in Tschechien sind aber nur wenig oder sporadisch religiös aktiv“, sagt Vladimír Sanka von der Moschee in Černý Most.

Der 53-jährige promovierte Chemiker gehört zu den rund 500 Tschechen, die zum Islam konvertiert sind. „Ein Mensch wird dann zum Muslimen, wenn er glaubt, dass es nur einen Gott gibt und Mohammed sein Prophet ist“, sagt Sanka. „Das Wort Muslim bedeutet, dem Willen Gottes unterworfen zu sein, also sich zu bemühen, so zu leben, wie es uns die Boten Gottes gezeigt haben und besonders sein letzter, Mohammed. Denn dessen Botschaft krönt alle vorherigen und ist genau fur diese Zeit bestimmt. Der Lebenssinn eines Muslims ist es, Gott zu ehren“, erklärt Sanka, der selbst in einer nicht gläubigen Familie aufgewachsen ist.

Die meisten Muslime in Tschechien sind eingewandert oder Nachkommen von Immigranten. Besonders Austauschprogramme haben schon vor Jahrzehnten muslimische Studenten und Akademiker nach Tschechien gebracht, zum Beispiel Mediziner. Da diese aus so unterschiedlichen Gegenden   wie Bosnien, Arabien, Zentralasien oder der Türkei stammen, finden die Predigten in der Prager Moschee auf Tschechisch statt. „Es gibt keine Unterschiede“, betont Sanka. Wenn der Imam auf Tschechisch predigt, spielt die unterschiedliche Herkunft keine Rolle mehr.  

Vergessene Tradition  

Die kleine und verhaltnismäßig junge Gemeinde mit überdurchschnittlich hohem Akademikeranteil nutzt die Räumlichkeiten in Černý Most fur das traditionelle Freitagsgebet. Die Moschee ist aber mehr als nur ein   Gotteshaus. Sie ist auch ein Kultur- und Begegnungszentrum: Es gibt dort verschiedene Kurse, Heiratszeremonien, Begräbnisse und islamische Feiern. Auch kommen Schulklassen in die Moschee, um den Islam mal von Nahem betrachten zu können. Dabei ist er gar nicht so exotisch: „Bereits in den dreißiger Jahren   gab es eine organisierte muslimische Gemeinschaft in Böhmen“, berichtet Sanka. Im Laufe des Zweiten   Weltkriegs sei diese aber untergegangen. Nun erst gelingt es langsam, dort wieder anzuknüpfen.

Seit 2004 ist der Islam in Tschechien eine Religion mit offiziellem Status. Die Anerkennung war ein wichtiger Schritt für die Gemeinde. Imam wurde ein offizieller Beruf, heute gibt es zwei Imame im ganzen Land und der Staat erlaubte die Schächtung von Tieren. Doch fur Vladimír Sanka ist damit noch lange nicht alles erreicht. „Wir können keine offiziellen Hochzeiten durchführen oder Schulen eröffnen wie Christen und Juden. Wir möchten diese Rechte auch in Anspruch nehmen“, fordert er.  

Angst und Protest  

Ob das geschieht, ist jedoch fraglich. In Tschechien leben nur ungefähr 10 000-12 000 Muslime. Schätzungen gehen davon aus, dass davon ungefahr ein  Drittel regelmäßig die Moschee besucht. Moscheen oder Beträume gibt es aber mittlerweile in allen großen Städten. Sowohl im nordböhmischen Teplice (Teplitz), als auch im ostböhmischen Hradec Králová (Koniggrätz) werden Pläne Moscheen zu bauen von Protesten und Petitionen begleitet. „Wir fühlen uns nicht ausgeschlossen. Aber wir erfahren immer wieder islamfeindliche Stimmungen und Statements. Manche sind extrem und hasserfüllt. Große Teile der Gesellschaft haben eine gewisse Angst vor dem Islam, weil sie nicht viel über ihn wissen“, glaubt Vladimír Sanka. Allein ein Blick auf Facebook reicht, um ihn zu bestätigen. Die Seite „Wir wollen den Islam nicht in der Tschechischen Republik“ hat knapp 60 000 Anhänger. Fünfmal mehr als es in Tschechien überhaupt Muslime gibt.  

Der Autor ist ehemaliger LZ-Praktikant und studiert Religionswissenschaften in Berlin