Als Hannes Hegen schuf er mit dem Mosaik eine Comic-Legende. Dass er aus Böhmisch Kamnitz stammte, war lange unbekannt.

Der Zeichner Johannes Hegenbarth, der im vergangenen Mai 95 Jahre alt geworden wäre, war eine Lichtgestalt in der Presselandschaft der DDR, aber keiner kannte ihn als Person. Seine Herkunft aus Böhmisch-Kamnitz (Česká Kamenice) und sein Weg in die Sowjetische Besatzungszone waren bis vor kurzem niemandem in der Öffentlichkeit, die Hegenbarth eher mied, bekannt.Die Gedenktafel vor Hegenbarths Haus in der Berliner Waldowallee 15. Foto: Ulrich Miksch

Die Gedenktafel vor Hegenbarths Haus in der Berliner Waldowallee 15. Foto: Ulrich Miksch

Johannes Hegenbarth war in der DDR aber jedem Kinde geläufig unter dem geheimnisvollen Namenskürzel „Hannes Hegen“, das auf den Mosaik-Heften, angefangen von der Nummer 1 im Jahre 1955 bis zur letzten durch ihn verantworteten Nummer 223 von 1975 geschrieben stand. Gesehen oder gehört hatte diesen „Hannes Hegen“ aber niemand. Dass sich dahinter der erfolgreiche Karikaturist „Johannes“, in verschiedenen Zeitschriften mit seinen Zeichnungen präsent, verbarg, der 1953 auch die Titelzeile der neugegründeten „Wochenpost“ entwarf, kam erst nach 1990 heraus, als Johannes Hegenbarth kleinere Interviews gab.

Traumfabrik der DDR

Die Gründung der Comic-Zeitschrift „Mosaik“ 1955 in der DDR war aber sein Meisterstück. Das veranlasste den späteren Biografen Bernd Lindner bei der Enthüllung einer Gedenktafel für Hegenbarth in der Waldowallee 15 in Berlin-Karlshorst im vergangenen November, zum 5. Todestag des Zeichners, dazu, das Haus, indem das Mosaik in jenen 20 Jahren entstand, zur Traumfabrik der DDR zu erklären. Nicht in Babelsberg, wo die DDR-Filmindustrie in der Nachfolge der Ufa saß und auch ganz anständige Filme produzierte, hätte laut Lindner diese Traumfabrik gestanden, sondern in der Waldowallee 15, einem schönen Gründerzeit-Haus. Dort konnte der talentierte Zeichner nach Abzug eines Teils der Sowjetarmee aus Karlshorst mit seiner Mannschaft an Zeichnern und Zeichnerinnen einziehen. Mit einer Anfangsauflage von 150.000 Exemplaren steigerte in jenen 20 Jahren der Verlag „Junge Welt“ die Auflage bis auf 660.000 Exemplare und erzielte mit jedem Heft einen hohen Gewinn. Am Ende war das dann die zweitstärkste Auflage einer Publikation in der DDR überhaupt.

Warum dieser Erfolg? Hegenbarth kam Mitte der 1950er Jahre in einer günstigen Zeit zum Zuge. Man wollte „Donald Duck und Co.“, die ja noch ungebremst über die offene Grenze nach Ost-Berlin flossen, etwas eigenes entgegensetzen. Aber es musste auch inhaltlich und gestalterisch überzeugen, sonst würde es keine Käufer finden. So konnte Hegenbarth in seinem Vertrag künstlerische und vor allem inhaltliche Freiheiten durchsetzen, die später undenkbar gewesen wären. Durch seine Exkurse in die Geschichte – so zum Beispiel in das Venedig des 13. Jahrhunderts – konnte er seine ganze bildungsbürgerliche Kenntnis, die erheblich quer oder abseits lag zu offiziellen Geschichtsschreibungen, in Bildergeschichten fließen lassen. Die Kinder von damals dankten es ihm und standen nunmehr ergraut auch bei der Gedenktafel-Enthüllung im vergangenen November 2019 vor dem Haus, das einmal die „Traumfabrik“ der abgeschlossenen DDR war, durch die man sich hinaus in die Welt träumen konnte.„S‘ Kleeblatt vom Rossmarkt“ ist die Fotografie aus dem Buch von Bernd Lindner unterschrieben. Ganz links der fünfjährige Johannes Hegenbarth. Foto: Ulrich Miksch

„S‘ Kleeblatt vom Rossmarkt“ ist die Fotografie aus dem Buch von Bernd Lindner unterschrieben. Ganz links der fünfjährige Johannes Hegenbarth. Foto: Ulrich Miksch

Bernd Lindner, der Verfasser einer Biografie, die eigentlich zum 90. Geburtstag von Johannes Hegenbarth geplant war, aber aufgrund des früheren Todes postum erschien, kam als Mitarbeiter des Zeitgeschichtlichen Forums in Leipzig 2009 in Kontakt mit dem betagten Zeichner, der nach einem Ort für seinen Nachlass Ausschau hielt. Daraus entstand die Ausstellung „Dig, Dag, Digedag – DDR-Comic Mosaik“ in Leipzig 2012, zu der Hegenbarth auch selbst noch kommen konnte. Mittlerweile ist diese Sonderausstellung zu einer kleineren ständigen Ausstellung geschrumpft, die seit Jahren die Bildergeschichten des Hannes Hegens und ihre Entstehungsgeschichte zeigt. Die Biografie, die Bernd Lindner auch mit Hilfe erstmalig aufgezeichneter Gespräche über Hegenbarths Herkunft, schrieb und aufwändig gestaltete, hatte aber noch viele Dunkelstellen, was die Herkunft und die ersten Schritte des Zeichners betraf, sodass die einfacher gestaltete Paperback-Ausgabe noch viele nachrecherchierte Einzelheiten über den Sudetendeutschen Johannes Hegenbarth in Erfahrung bringt.Bernd Lindner: Die drei Leben des Zeichners Johannes Hegenbarth. Tessloff Verlag, Nürnberg 2017

Digedags-Vorlage vom Rossmarkt

Geboren wurde er 1925 in Böhmisch-Kamnitz in eine Glasmacherfamlie. Der Vater Hugo war selbstständiger Glasgraveur, die Mutter betrieb später ein Kolonialwarengeschäft. Wohn- und Geschäftshäuser waren am Rossmarkt gelegen, wo auch Johannes Spielfreunde fand. Ein Foto seines Vaters dokumentiert das dreiblättrige „Kleeblatt vom Rossmarkt“ vom Mai 1930. Hegenbarth berichtete darüber später folgendermaßen: „Ich hatte gute Freunde in der Nachbarschaft. Wir haben viel Schabernack verzapft zusammen. Ich galt immer als der Gewitzteste von uns dreien, obwohl ich einen Kopf kleiner war als die anderen.“ Wenn man mit dem Wissen um die Helden der Comic-Geschichten des Hannes Hegen auf die Fotografie schaut, erkennt man unschwer im „Kleeblatt vom Rossmarkt“ das spätere „Dig-Dag-Digedag“-Trio der Bildergeschichten im Mosaik. Ausgebildet wurde er 1939 und 1942 an der Staatsschule für Glasveredlung in Steinschönau (Kamenický Šenov). Im zweiten Halbjahr 1942 wechselte er an die Reichshochschule für angewandte Kunst in Wien, deren Aufnahmeprüfung er im Juli 1942 bestand und von wo er im Januar 1943 als technischer Zeichner dienstverpflichtet Abschied nehmen musste, aber noch für weitere Monate in Wien bleiben konnte.

Seine Comic-Abenteuer bestachen durch historisch-korrekte Akkuratesse. Er hatte unter anderem in Wiener Museen viel davon gesehen. Ab Oktober 1943 wurde er als Gefreiter zur Infanterie eingezogen. In einem Lebenslauf für die Kunstgewerbeschule Leipzig, wohin Hegenbarth ab 1947 delegiert wurde und sich als einer der ersten Studenten einschrieb, schildert er sachlich knapp den Weg der Vertreibung: „Nach der Kapitulation kehrte ich in die Heimat zurück und wurde bereits am 15. Juli 45 mit Mutter und Schwester (Mein Vater war damals noch in amerikanischer Kriegsgefangenschaft) aus dem Sudetenland ausgewiesen. Von unserem ganzen Besitz durften wir uns nur pro Person 25 kg Gepäck und 50 Reichsmark mitnehmen. Bis Juli 46 arbeitete ich im Harz als Entwurfszeichner und so schaffte ich mit geringem Verdienst aus dem Nichts eine neue Lebensgrundlage. Von August 46 bis März 47 war ich als Entwurfszeichner und Glasmaler beim Wiederaufbau der sudetendeutschen Glasindustrie in Ilmenau tätig (...) Mein Ziel wäre es die Akademie für Grafik und Buchkunst zu absolvieren um später als Illustrator arbeiten zu können.“

Dies gelang ihm sehr schnell. Er schloss das Studium, bei dem sich die späteren Protagonisten der Leipziger Malerschule Wolfgang Mattheuer, Bernhard Heisig und Werner Tübke tummelten, wobei ein Kontakt zu Tübke blieb, gar nicht mehr ab und wechselte 1951 seinen Wohnsitz von Leipzig nach Ost-Berlin, wo er als Karikaturist arbeitete, bevor die große Chance mit dem Mosaik kam, die Hegenbarth beherzt ergriff.

Klangvolle Verwandtschaft

Der Name Hegenbarth war häufig in Böhmisch-Kamnitz. So gehören der Tiermaler und Professor an der Kunstakademie in Dresden Emanuel Hegenbarth (1868-1923), ein Onkel väterlicherseits, und der Zeichner und Buchillustrator Josef Hegenbarth (1884-1962), ein Cousin des Vaters, unmittelbar zur Familie. Die Recherchen Bernd Lindners geben dann auch noch ein eindrückliches Bild des Anfangs in der Sowjetischen Besatzungszone. Er beschreibt zunächst die Flucht zu Fuß bis ins sächsische Liebstadt, zu einem Bruder der Mutter. Dann ging es weiter nach Ilfeld im Südharz und schließlich nach Ilmenau, wo Sudetendeutsche aus Böhmisch-Kamnitz eine offene Handelsgesellschaft für die Hohlglasveredlung gründeten, die sich der Erzeugung von böhmischen Gebrauchs-, Luxus- und Kunstglaswaren widmete mit eigenen Werkstätten für Schliff-, Gravur und Malerei. Später wurde dieser Betrieb verstaatlicht zum „VEB Glas- Keramik Kunstglas Ilmenau/Thüringen“.

Das Elternhaus von Johannes Hegenbarth in Böhmisch-Kamnitz ist mittlerweile wegen einer Straßenerweiterung in den 1970er Jahren abgerissen worden. Hegenbarth sah seine Heimatstadt im Jahre 2013 mit Hilfe seines Adoptivsohnes Rainer Kruppa, der auch viel zur Biografie beigetragen hat, ein letztes Mal. Bernd Lindner schreibt von dieser Begegnung: „Rosa, die ehemalige Haushälterin der Hegenbarths lebte da noch. Johannes Hegenbarth schloss die hochbetagte, aber noch rüstige Frau gerührt in seine Arme und tauschte Erinnerungen mit ihr aus.“

Am Ende seines Lebens begann der große Schweiger, der immer nur in Bildern zeichnend sich der Welt mitteilte, dann doch an seine Herkunft in Gesprächen zu erinnern. Dem Biografen Lindner, der alles aufschrieb und das Fehlende recherchierend ergänzte, sei gedankt. Er hat die Geschichte eines Sudetendeutschen aufgeschrieben, der in der DDR eine eigenwillige Karriere machte. Das Mosaik gibt es in geänderter Form noch immer am Markt. 2018 war es das meistverkaufte Comic-Heft Deutschlands und hat sogar das Micky-Maus-Magazin überholt.