Nach langer und schwerer Krankheit verstarb am Freitag, 18.9., der ehemalige Präsident der Landesversammlung und unermüdliche Streiter für eine deutsch-tschechische Aussöhnung, Walter Piverka. Aus diesem Anlass veröffentlichen wir an dieser Stelle das vollständige Porträt Walter Piverkas, das in der Printausgabe 3/2015 des LandesEcho erschienen war.

 

 

 

Mit Verspätung zum Traumberuf

 

Der 1931 geborene Walter Piverka stammt aus ärmlichen Verhältnissen. Ende 1945 stand er mit seiner Mutter alleine da. Sein Vater war im Krieg gefallen und sein älterer Bruder in Jugoslawien in Kriegsgefangenschaft. Die Mutter kümmerte sich um eine Berufsausbildung für ihren Jüngsten und fand einen Frisör,der ihn, trotz des Berufsverbots für Deutsche, als Lehrling genommen hätte. „Aber ich wollte alles, nur nicht Frisör werden“, erinnert sich der 84-Jährige.

Bald darauf bekam er eine Ausbildungsstelle als Elektriker bei einer ehemaligen deutschen Firma. Der Chef meldete ihn beim Arbeitsamt als Hilfsarbeiter an, behandelte und bezahlte ihn jedoch wie einen Lehrling. „Bis heute frage ich mich, warum es in meiner Berufsschule in Budweis (České Budějovice) keinen interessiert hat, dass ich als Lehrling kein Tschechisch konnte“, erzählt Piverka rückblickend über seine Ausbildungszeit.

Auf der Arbeit hatte er sich mit seinen Kollegen immer auf Deutsch verständigen können. Aufgrund der mangelnden Tschechisch-Kenntnisse war auch sein Zeugnis mehr als mangelhaft. „Ich habe dann alles Mögliche getan, Tschechisch zu lernen.“ Mit Überwindung der Sprachbarriere klappte es dann auch mit der Ausbildung.

Neuanfang in Westböhmen

Als er jedoch plante auszusiedeln und sein Antrag abgelehnt wurde, begann die Schikane. Piverka durfte seinen Beruf nicht mehr ausüben und sollte als Hilfsarbeiter in die Landwirtschaft gehen, doch es kam anders. Er zog nach Westböhmen, weil es dort mehr Deutsche gab und arbeitete fortan im Schacht. Das Elektrikerdasein reichte ihm bald jedoch nicht mehr aus. „Ich wollte immer im Beruf weiterkommen“, erläutert er seine damaligen Ambitionen. Durch ein Abendstudium erreichte er das Abitur.

Zwischenzeitlich spielte Piverka erneut mit dem Gedanken, zumindest durch ein Fernstudium in der DDR Journalismus zu studieren. Auch das wurde jedoch nicht bewilligt. Sein Wunsch Journalist zu werden erfüllte sich dennoch. In Folge des Prager Frühlings gingen 1968 viele Redakteure der Prager Volkszeitung ins Ausland. Bereits davor schrieb Piverka gelegentlich Artikel für das Blatt und so fragte ihn der Chefredakteur, ob er nicht fest in der Redaktion arbeiten wolle. Natürlich nahm er die Chance wahr.

Von Vorteil war für ihn, dass er zu diesem Zeitpunkt bereits Abgeordneter war. „Ich hatte die Möglichkeit zwischen die Leute zu gehen, unter die Deutschen besonders, um so Material für die Zeitung zu sammeln. Das konnte ich gut miteinander verbinden.“ Mit dem Aufbau eines Föderalstaates kam es zur Wiedereinführung des Tschechischen Nationalrats im selben Jahr und er wurde in seinem Bezirk Sokolov (Falkenau) als Delegierter vorgeschlagen und vom bestehenden Parlament gewählt.

Wenig später gründete sich der Kulturverband der Bürger deutscher Nationalität, in dem Piverka anfangs aktiv war. „In der Zwischenzeit sind unter den Deutschen aber Leute gefunden worden, Kommunisten, die mit der neuen Führung der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei zusammengearbeitet haben“, kritisiert Piverka die Richtung, die der Kulturverbands dann eingeschlagen hatte. Nach einer Tagung 1970 kam es zum Rauswurf, ohne dass die Betroffenen zur

Tagung eingeladen wurden. Er, wie auch andere, die den Verband mit aufgebaut hatten, mussten als vermeintlich antisozialistische Elemente gehen. Seine Posten im Parlament und bei der Prager Volkszeitung wurde er ebenfalls los.

Die LV entsteht

Über Bekannte kam Piverka später an eine Stelle in einem Großbetrieb, der Straßenbahnwagen produzierte. Erst nach der Samtenen Revolution gab es wieder Gelegenheit, sich für die deutsche Minderheit zu engagieren. „1989, nach der Wende, haben sich im Bürgerforum die wieder gefunden, die damals vom Kulturverband rausgeworfen wurden.“ Piverka wollte sich mit dem Verband aussprechen und war nicht der Einzige, der Neuwahlen forderte. „Das haben die jedoch strikt abgelehnt.“

Im Januar 1990 trat Piverka als Mitglied des Bürgerforums im Fernsehen auf. Zuschauer mit deutschen Wurzeln sollten sich bei ihnen melden. „Es haben dann viele geschrieben. Die Briefe waren aber auf Tschechisch, da sie kein Deutsch mehr konnten. Unsere erste Aufgabe war daher klar. Wir hatten uns um die deutsche Sprache zu kümmern.“ Da es seitens des Kulturverbands zu keiner Zusammenarbeit kam, baute Piverka mit Gleichgesinnten eine neue Organisation auf: den Verband der Deutschen in der Tschechoslowakei (VdD), aus dem 1992 die Landesversammlung der Deutschen in Böhmen, Mähren und Schlesien hervorgehen sollte.

Erster Präsident der Landesversammlung wurde Erwin Scholz, der nach einem dreiviertel Jahr bereits aus gesundheitlichen Gründen zurücktrat, aber im Präsidium blieb. Piverka übernahm als Vizepräsident sein Amt und wurde 1995 bei der nächsten Wahl als Präsident bestätigt. Unter Mühen setzte sich die Landesversammlung während seiner Amtszeit erfolgreich für deutsche Schulen ein. „Wenn man heute meint, das ist alles vom Himmel gefallen, das war harte Arbeit. Es wurde hart erkämpft.“

Ebenso mühsam gestaltete sich die Gründung einer deutschen Zeitung. Nach der gescheiterten „Deutschen Zeitung“, die bereits im Sommer 1990 erschien, entstand 1991 mit finanzieller Unterstützung der tschechischen Regierung die Prager Zeitung. Das Blatt sollte ein Medium für die deutsche Minderheit sein. Doch der Chefredakteur Uwe Müller hatte im Geheimen versucht, die Zeitung an sich zu reißen, erklärt Piverka die Situation heute. „Die Zeitung hat immer weniger von der Minderheit gebracht. Wir haben gesagt, dass das so nicht geht“, regt sich Piverka heute noch auf. Ab 1994 erschien so in der Prager Zeitung als Beilage der „LandesAnzeiger“. Schließlich trennten sich jedoch die Wege und die Landesversammlung veröffentlichte ab 1999 mit der LandesZeitung (heute: LandesEcho) ein eigenes Printmedium. Für die LandesZeitung war Piverka noch eine Zeitlang im Redaktionsrat tätig.

Auf die Frage, wie er die Zukunft der deutschen Minderheit sieht, vertritt Piverka dieselbe Auffassung wie vor 25 Jahren. „Diese Frage wurde mir schon gestellt, als ich 1990 angefangen habe, mit Kollegen den Verband der Deutschen aufzubauen. Ich habe damals gesagt, es wird eine Zeit kommen, wo wir uns in einer Talsohle befinden werden. Eine Zeit, in der wir weniger werden. Aber weil wir im Mittelpunkt Europas leben und deutschsprachige Länder um uns herum sind, werden Leute kommen. Es kommen Leute ins Land, die hier Fuß fassen werden und sich für ein kulturelles Leben interessieren werden.“

Aber er weiß auch, dass es nie mehr so sein wird, wie es einmal gewesen ist. „Man kann hin und wieder auf etwas zurückgreifen, das früher gewesen ist, aber eine neue Minderheit wird erst mit der Zeit wachsen.“ Walter Piverka appelliert daher an die Jugend. „Deshalb ist es notwendig, dass sich die jüngere Generation einbindet.“

 

 

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