Wo lebt eigentlich die deutsche Minderheit in Tschechien? Und wer ist überhaupt die deutsche Minderheit? Was heißt es, zur deutschen Minderheit zu gehören, wo trifft sie sich und was macht sie aus? Diese Fragen waren der Ausgangspunkt für eine Reise durch Tschechien, auf der wir der deutschen Minderheit begegnen und sie näher kennenlernen durften.

Die Vielfalt von Land und Leuten

Unsere Reise führte uns von Prag aus in die Täler, Hügel und Wälder der böhmischen Länder, in die Höhen des Iser- und Riesengebirges, zu den Weiten Mährens und den Quellgebieten der Oder in Schlesien. Allein der Weg machte uns klar, wie vielfältig das Land ist, in dem die deutsche Minderheit heute lebt. Genauso vielfältig ist auch die deutsche Minderheit selbst. Wir legten unzählige Kilometer zurück und begegneten vielen unterschiedlichen und interessanten Angehörigen der deutschen Minderheit, die uns ihre Begegnungs-zentren zeigten sowie einen umfassenden Einblick in ihr Leben gaben. Viele Momente waren sehr bewegend. Wir erlebten Wohnzimmerkonzerte, bekamen private Stadt- und Museumsführungen und wurden vielerorts wie Könige empfangen. Doch keine Reise verläuft ohne Komplikationen: Auf dem Weg nach Pilsen versagte das Auto, im Altvatergebirge gerieten wir in einen Schneesturm und nicht nur einmal fand das Navigationsgerät nicht den rechten Weg. Improvisationsgeist und ein wenig Humor halfen aber meist, am Ende doch noch zusammenzufinden.Besuch einer Ausstellung im Museum des Hultschiner Ländchens: „Wer sind die Leute im Hultschiner Ländchen?“ Foto: Manuel Rommel

Besuch einer Ausstellung im Museum des Hultschiner Ländchens: „Wer sind die Leute im Hultschiner Ländchen?“ Foto: Manuel Rommel

Deutsch, tschechisch, böhmisch, mährisch oder schlesisch?

Vor Ort sprachen wir mit den Leiterinnen und Leitern der Begegnungszentren und anderen engagierten Angehörigen der deutschen Minderheit. Ein Thema, das bei allen Gesprächen eine zentrale Rolle spielte, ist das der Identität. Was heißt es, zur deutschen Minderheit zu gehören? Und was ist eigentlich „deutsch”? Es zeigte sich, dass diese Fragen gar nicht so einfach zu beantworten sind. In den Gesprächen wurde vor allem deutlich, dass Identitäten situations-abhängig sind und sich zwischenmenschlich entfalten. So äußerte sich Renate Smutná aus Trautenau: „Je älter ich bin, desto mehr fühle ich mich als Deutsche oder deutsche Tschechin oder tschechische Deutsche. Ich weiß nicht, was ich eigentlich bin. Als ich jung war, war mir das ganz egal. Da war ich mehr Tschechin, aber jetzt, je älter ich bin, desto mehr will ich da-rüber erfahren.” Auch der regionale Einfluss auf die Ausprägung einer Identität war in den Gesprächen von wesentlicher Bedeutung. Christa Petrásková aus Gablonz gab auf die Frage, ob sie sich mehr als Deutsche oder Tschechien fühlt, folgende Antwort: „Ich fühle mich immer mehr wie eine deutsche Böhmin. Ich bleibe Deutsch, aber ich lebe ja schon mein ganzes Leben mit Tschechen, also bin ich jetzt schon beides. Ich habe auch viel von meiner tschechischen Schwieger-mutter gelernt. Ich koche mittler-weile eher wie sie als meine Mutter, weil die tschechische Kochkunst irgendwie schmackhafter ist als die bescheidene deutsche Bergkost, die ich als Kind erlebte.“Hana Slížová zeigt Trachten der Verbandsmitglieder im BGZ Havířov. Foto: Manuel Rommel

Hana Slížová zeigt Trachten der Verbandsmitglieder im BGZ Havířov. Foto: Manuel Rommel

Die deutsche Minderheit als „Brückenbauer”

Beispiele wie diese ließen sich viele nennen. Nicht zuletzt liegt in nationalen Minderheiten auch ein besonderes Potenzial zur Überwindung nationalistischer Vorstellungen und Denkweisen. Die Rei-se machte verstärkt bewusst, wie wichtig und spezifisch gerade regionale Identitäten sind und dass die Vorstellung einer Deckungs-gleichheit von Geographie, Nationalstaat, Sprache und Kultur nicht zutreffend ist. Die hiesige deutsche Minderheit erinnert dahingehend auch an das multikulturelle Erbe des heutigen Tschechiens und vermag es, „Brücken” zu bauen zwischen Minderheiten und der tschechischen Mehrheitsgesellschaft. Es war eine Reise voll von herzlichen Begegnungen, bewegenden Momenten und eindrucksvollen Geschichten. Noch lange wird sie uns Erinnerung bleiben.