Böhmendeutsche Persönlichkeiten bekommen in Tschechien Straßennamen. Und auch in anderer Hinsicht wird die Erinnerung an sie wieder gepflegt.

Das kleine tschechische Städtchen Schönlinde (Krásná Lípa) am Rande der Böhmischen Schweiz war vor 100 Jahren Sitz eines multinationalen Unternehmens, der Textilfirma der Familien Dittrich und Hielle. Mit so einem Sitz sind heute wie einst Vorteile auch für die Stadt verbunden. Neben der Gewerbesteuer, die heute sprudelt, war es damals wie heute eine Frage der gesellschaftlichen Stellung, sein Geld für wohltätige Zwecke zu verwenden. Umso mehr im Falle von Dittrich und Hielle, die als soziale Unternehmer galten.

Heute ist Schönlinde zwar eine weitgehend deindustrialisierte Kleinstadt und eher touristisch ausgerichtet. Dafür hat hier immerhin die Verwaltung des Nationalparks Böhmische Schweiz ihren Sitz, und zwar just in dem Gebäude, das die Dittrichs einst der Stadt als Waisenhaus stifteten. Und noch auf andere Weise profitiert die Stadt bis heute von den Wohltaten der einstigen Gönner. Park und Friedhof, für die die Dittrichs nicht nur die Grundstücke spendeten, sondern auch den Bau der Kapelle unterstützten, gibt es bis heute. Auch den Bau des Krankenhauses, das heute ein Altersheim ist, finanzierten sie. Umso mehr fällt auf, dass bis vor kurzem nichts sichtbar an die rührigen Unternehmer erinnerte. „Das hängt mit der Geschichte zusammen. Die deutsche Bevölkerung wurde nach 1945 vertrieben und ab da war alles, was deutsch war, schlecht“, sagt der Historiker Petr Joza. Doch das ändert sich langsam.

Dittrich ist für uns wichtiger

Gerade in Schönlinde gibt es inzwischen viele, die sich für die Vergangenheit interessieren. Auch die Stadtführung unterstützt das. Sie setzt sich für die Rettung der einst prächtigen Grablege der Dittrich-Familie ein. Außerdem erinnern an die berühmten „deutschen“ Vorfahren, den Musiker August Stradal und den Maler August Frind, Straßennamen. Diese Ehre wurde nun auch dem Firmengründer Karl August Dittrich und seinem Sohn zuteil. Nach ihnen heißt nun jene Straße, die bisher nach dem berühmten tschechischen Komponisten Bedřich Smetana benannt war. „Das geht nicht gegen Smetana, der übrigens deutschsprachig aufwuchs. Aber Smetana hat seine Straße in jeder Stadt. Da haben die Dittrichs für uns größere Bedeutung“, erklärt Bürgermeister Jan Kolář. Die Umbennung erfolgte anlässlich des 150-jährigen Jahrestages der Erhöhung Schönlindes zur Stadt. Ohne das Wirken Dittrichs wäre das nie zustande gekommen.

Die Dittrich-Straße führt nun aus der Stadt heraus am Friedhof vorbei, an dessen Rand auch das Dittrich-Mausoleum steht. Da der angrenzende Stadtpark einst auch von den Dittrichs angelegt und der Stadt geschenkt wurde, erhielt er ebenfalls den Namen Dittrich-Park.

Wiedergutmachung für Verschweigen

Die Grab-Kapelle der Unternehmer-Familie Preidl in Böhmisch Kamnitz. Foto: Helmut SchmidtNicht nur Schönlinde pflegt die Erinnerung an die deutschen Vorfahren. Auch das etwas weiter südlich gelegene Böhmisch Kamnitz (Česká Kamenice) hat seinen wohltätigen Industriellen, den Unternehmer Franz Preidl. Auch er war in der Textilindustrie erfolgreich und zugleich Mäzen seiner Stadt. Diese honorierte sein Engagement, in dem sie den bisher namenlosen Park an der Marien-Wallfahrtskapelle in Franz-Preidl-Park umbenannte. Und die Stadt plant noch mehr: „Wir wollen die im Park befindliche Grabkapelle der Familie Preidl erneuern“, kündigt Bürgermeister Jan Papajanovský an. Der Park selbst wird ebenfalls gerade neugestaltet und im Herbst unter neuem Namen wieder eingeweiht. „An Franz Preidl, der ja übrigens auch einmal Bürgermeister war, soll außerdem in der benachbarten Wallfahrtskapelle eine ständige Ausstellung erinnern“, ergänzt Papajanovský. „Mit diesen Aktivitäten machen wir gut, dass seit 1945 die Verdienste Preidls wegen seiner deutschen Herkunft verschwiegen wurden.“

Die Benennung von Straßen und Orten nach den deutschen Vorfahren ist bisher in Tschechien die Ausnahme, sagt Petr Joza. Doch das Interesse steigt sichtbar und weitere Straßenumbenennungen wären nur eine logische Folge, meint Joza.