Die deutsche Sprache spielte in der Kultur Mährens eine herausragende Rolle. Viele Künstler wurden dort geboren oder arbeiteten und lebten zumindest zeitweise dort. Eine literarische Landkarte im Internet lädt zum Entdecken deutschmährischer Autoren ein und wächst ständig weiter.

Der Operettenkomponist Ralph Benatzky („Im weißen Rössl“) und der Pianist Alfred Brendel, die Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach und der Maler Adolf Hölzel sind in Mähren geboren, die Dichter Rainer Maria Rilke und Peter Härtling gingen hier in die Schule. Sidonie Grünwald-Zerkovitz und der Dichter Richard von Schaukal, zu ihrer Zeit vielgelesene und bekannte Autoren, stammen aus Mähren.

Doch zwei Weltkriege, die Zeit des Nationalsozialismus, die Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung und die anschließende Spaltung Europas haben ihre Spuren hinterlassen. Autoren gerieten in Vergessenheit oder ihr Name wird nicht mehr mit Mähren in Verbindung gebracht. Ein reiches literaturhistorisches Erbe drohte damit, in Vergessenheit zu geraten und mit ihm viele Autoren, die es verdient haben, entdeckt oder wiederentdeckt zu werden. „Die ‚Arbeitsstelle für deutschmährische Literatur des Österreich-Zentrums’ der Palacký-Universität in Olmütz (Olomouc) hat es sich deshalb zur Aufgabe gemacht, Daten, Texte und Archivmaterialien zu deutschmährischen Autoren aller Epochen zu sammeln, zu sichten und zu archivieren“, erklärt eine der Gründerinnen der Arbeitsstelle, die Professorin am Lehrstuhl für Germanistik, Ingeborg Fialová-Fürstová. Damit soll „ein literarisches Gedächtnis der deutschmährischen Literatur“ entstehen. Viel ist dafür schon passiert. Fialová-Fürstová erinnert sich, dass am Anfang der Arbeitsstelle 1997 Zettelkästen mit handschriftlichen Einträgen und Hängeordner mit kopierten Texten aller Art standen. 2003 gelang es, ein „Lexikon deutschmährischer Autoren“ aufzulegen, dem 2006 und 2015 erweiterte und ergänzte Neuauflagen folgten. Schließlich reifte der Entschluss, das gesammelte Wissen den Studierenden, der Forschung, aber auch einer breiten Öffentlichkeit über eine Datenbank im Internet zugänglich zu machen, der „Literarischen Landkarte deutschmährischer Autoren“. „Die dreisprachige Landkarte wächst ständig und lebt von der Arbeit engagierter Studierender und Mitarbeiter genauso wie vom möglichst umfassenden Gebrauch durch literaturinteressierte Nutzer“, sagt Ingeborg Fialová-Fürstová.

Mehr als 900 Autoren

Koordiniert und gepflegt wird die Datenbank von den Doktorandinnen Alena Papoušková und Claudia Merz. „Die zweisprachige Onlinedatenbank erfasst inzwischen mehr als 900 Autoren und fast 3000 Werke“, sagt Papoušková. An der Karte arbeiten mehrheitlich Studierende, vom Bachelor bis zum Doktoranden, aber auch mehrere Dozenten und externe Mitarbeiter. Sie schreiben Beiträge über mährische Autoren und deren Werke, sie recherchieren und entdecken dabei neue Autoren, die noch nicht in der Datenbank angelegt sind. „Wir interessieren uns auch für die Orte, an denen die Autoren lebten oder über die sie schrieben“, erklärt Papoušková die Struktur der Landkarte: „In unserer Datenbank findet man eine historische Landkarte von Mähren und Schlesien und auch eine Liste von einzelnen Orten. Über die Gebiete schreiben wir kurze Medaillons. Außerdem besuchen wir die Städte und Dörfer und suchen nach den Häusern, in denen die Autoren wohnten, nach Denkmälern oder anderen interessanten Sehenswürdigkeiten, die mit den Autoren in Verbindung standen oder stehen.“

Per Literatur-App durch Mähren wandern

Ein Anliegen des Teams der Datenbank ist es, die Datenbank möglichst benutzerfreundlich zu gestalten. Informationen sollen leicht zu finden sein. Nutzer sollen nicht nur etwas über die Autorinnen und Autoren erfahren, sondern auch über deren Werke und Orte, aus denen sie stammen bzw. über die sie geschrieben haben. Geplant ist zudem eine App, mit der man durch Mähren wandern und dabei Informationen zu deutschsprachigen und jüdischen Autoren und Autorinnen erhalten kann. Derzeit hängt die Realisierung des Projekts noch von der Genehmigung der Finanzierung ab. Ingeborg Fialová-Fürstová wünscht sich, dass die Arbeit an der literarischen Landkarte finanziell und organisatorisch langfristig gesichert werden kann. „Es ist viel Idealismus, der dazu beigetragen hat, dass es die literarische Landkarte in ihrer heutigen Form gibt. Wir verstehen uns damit auch als Brückenbauer zwischen dem deutschen Sprachraum und Tschechien.“ Dafür fehle aber, so Fialová-Fürstová, in vielen Bereichen noch die Anerkennung und Unterstützung, um das Projekt so weiterzuführen, wie es seiner Bedeutung für die deutsch-mährische Kultur und die tschechische Kultur insgesamt entspricht.

Arbeitsstelle deutsch-mährische Literatur

Sie versteht sich als Forschungseinrichtung und als Vermittler von Wissen zur deutschsprachigen Literatur Mährens. Ein wichtiger Teil der Arbeit ist das Sammeln der Forschungsliteratur über die Autoren der Region und die deutschmährische Literatur im Allgemeinen. Die gesammelten Quellen können in der Bibliothek der Arbeitsstelle eingesehen und ausgeliehen werden. Teile des Bestands stehen in der Datenbank der „literarischen Landkarte“ zur Verfügung. Mitarbeiter der Arbeitsstelle veröff entlichen zudem selbst über die deutschmährische Literatur und einzelne Autoren. Die Arbeitsstelle beschäftigt sich auch mit der Übersetzung von Werken der deutschsprachigen Autoren, die mit Mähren verbunden sind. Die Übersetzungen werden in der Reihe „Poetica Moraviae“ herausgegeben. Außerdem werden Ausstellungen und Vorträge über deutschmährische Autoren organisiert. Die Arbeitsstelle sucht den Kontakt zu Archiven, die sich mit Schlesien und Mähren beschäftigen, wozu auch die Archive und Heimatmuseen gehören, die Vereine und Verbände der Heimatvertriebenen aus diesem Gebiet betreiben.