Nick Hrádek ist ein 22 Jahre junger Jurastudent. Im Augenblick lebt und studiert er in Halle an der Saale, aber von März bis Ende April war er Praktikant im Büro des Präsidenten des Abgeordnetenhauses der Tschechischen Republik. Das war ihm auch deshalb möglich, weil er fließend tschechisch spricht. Denn er ist mit Tschechisch und Deutsch aufgewachsen.

LE: Sie sind bilingual aufgewachsen?

Hrádek: Meine Eltern kommen beide aus dem westlichen Teil Tschechiens und sind Anfang der 90er nach Deutschland gekommen. Meine Mutter kommt aus Kaaden an der Eger (Kadaň) und mein Vater aus Georgswalde (Jiříkov). Ich wurde dann von Geburt an in beiden Sprachen aufgezogen. Mit mir wurde sehr gemischt gesprochen. Mal war es Deutsch, mal war es Tschechisch oder auch ein paar Wörter so, ein paar Wörter so. Im Kindergarten habe ich dann verstanden, die Kinder verstehen mich nicht, wenn ich Tschechisch spreche und dann konnte ich es irgendwann differenzieren.

LE: Und als Sie in der Schule waren und dort Deutsch gesprochen haben, haben Sie zuhause mehr Tschechisch gesprochen?

Hrádek: Naja, es war halt so, meine Eltern haben sich getrennt, als ich sechs war. Mit meiner Mutter würde ich sagen war es war fifty-fifty und mit meinem Vater eigentlich nur Tschechisch. Ich habe auch Verwandte tschechischen Ursprungs in Deutschland und da wurde dann auch Tschechisch gesprochen, bei den Verwandten in Tschechien natürlich auch.

LE: Wie würden Sie es im Nachhinein beurteilen, wie es gewesen ist bilingual aufzuwachsen?

Hrádek: Ich glaub es ist schon ein Vorteil. Ich kann es mir nicht gänzlich vorstellen, wie es ist, wenn nur ein Elternteil die eine Sprache spricht, ob man dann so gut die Sprache kann. Ich musste im Nachhinein keinen Sprachkurs belegen, bis auf Schreiben. Bei manchen Wörtern habe ich ein bisschen Akzent. Ich muss mich konzentrieren, um das richtig auszusprechen, aber es sind nur marginale Fehler. Es gibt Freunde von mir, die es nicht erkannt haben, andere haben den Akzent nicht gänzlich zuordnen können. Ich habe nie Tschechisch Schreiben gelernt.

Ich würde auch gerne meine Kinder bilingual erziehen. Auch wenn Tschechien ein kleiner Staat ist, ist es immer noch ein Land mit 10 Millionen Einwohnern. Vor allem in Firmen in ganz Deutschland arbeiten ja Tschechen. Und Tschechisch ist eine slawische Sprache, deshalb verstehe ich auch Polnisch oder Slowakisch, zum Teil auch Kroatisch.

LE: Ist Ihnen aufgefallen, ob es Ihnen vielleicht auch einfacher als anderen fällt eine andere Sprache zu lernen?

Hrádek: Also das würde ich so nicht sagen. Englisch ist mir leicht gefallen, aber Französisch zum Beispiel nicht. Also ich glaube das ist dann nochmal was anderes, es hängt wohl nicht damit zusammen, ob man bilingual aufgewachsen ist, ich glaube es ist dann einfach die Lernfähigkeit.

LE: Haben Sie es manchmal mehr als eine Last empfunden oder hatten Sie negative Erfahrungen mit der Bilingualität?

Hrádek: Es ist bei mir manchmal so, wenn ich nach Tschechien komme und da ein paar Tage bin, ich die ersten beiden Tage brauche, um reinzukommen und manchmal fallen mir dann gewisse Wörter nicht ein. Die sage ich manchmal einfach auf Deutsch, wenn ich mit meiner Familie spreche, die verstehen das ja dann und sagen es mir. Und das sind so Momente, bei denen ich mir denke ’Oh nein, ich habe es verlernt’, aber im Nachhinein erinnert man sich ja dann doch wieder. Aber sonst habe ich keine negativen Erfahrungen damit durchlebt.

LE: Möchten Sie Tschechisch jetzt auf eine andere Art weiter pflegen, als vor dem Praktikum in Prag?

Hrádek: Ja, also das schon. Ich lese viel mehr Nachrichten auf Tschechisch, weil ich einfach die Zeit in Prag daran gewöhnt war. Ich habe tatsächlich auch zum Schreiben auf der Arbeit einige Bücher bekommen, die ich durcharbeiten sollte, da arbeite ich auch noch dran. Und sonst die alten tschechischen Filme, die ich als Kind gesehen habe, das sind halt Klassiker. Musik höre ich sehr viel Deutsch und Tschechisch. In Tschechien habe ich wieder neue Künstler kennengelernt. Und eine tschechische Band, die auf Englisch singt war mein erstes Konzert.

LE: Finden Sie, dass es einen Mentalitätsunterschied zwischen Deutschen und Tschechen gibt?

Hrádek: Ich dachte immer schon die Deutschen sind sehr skeptisch, aber die Tschechen sind nochmal skeptischer, was Fremde, also auch Tschechen zu Tschechen angeht. Nachdem man dann ein paar Bier getrunken hat, sind die Tschechen glaube ich doch etwas offener, als die Deutschen. Die behalten dann immer eine Grundskepsis bei und die Tschechen sind dann schon sehr entfesselt.

LE: Wie sieht es mit Ihren Zukunftsplänen aus?

Hrádek: Nach dem Examen habe ich jetzt schon ein Angebot für das Referendariat in der deutschen Botschaft in Prag bekommen und das nehme ich dann natürlich auch dankend an.

LE: Haben oder hatten Sie eine Lieblingssprache oder Phasen, in denen Sie eine Sprache besser fanden?

Hrádek: Nein, das ist ganz ausgeglichen, weil ich ja eben auch in gleichem Maße erzogen wurde. Beides ist mir gleich wichtig und ich sehe meine Identität in beiden Ländern, sodass ich dann nicht den einen Favoriten habe.


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