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Der Prager Untergrund

„Tichoooo!!!“ schreit die Sängerin ins Mikrofon, in einer Lautstärke, die die Wände der kleinen Kellerbar erzittern lässt.

 

 

Dem einen oder anderen mag ein aus vollem Halse gebrülltes „Ruhe!“ als Songtext seltsam erscheinen. Auch die Bandkollegen der energischen Sängerin wirken eher kurios: Einer reibt mit einer Eisenstange an einer Sense, einer dreht permanent den Suchknopf an einem alten Radiogerät und die zweite Frontsängerin hat aus einem Paar Langlaufskier und einer Stahlsaite eine Art Bass gebastelt. Die insgesamt 15-köpfige Band produziert ein Klanggebilde, das mit Stille nun wirklich nicht viel gemein hat.

 

An diesem Ort aber klingt die Band, die sich „Bouchací šrouby“ („Krachende Schrauben“) nennt, genau richtig. Die Bühne steht nämlich in einem der letzten Prager Untergrundklubs, dem „Rafklub“ – benannt nach seinem Besitzer.

 

Ohne Vorwissen oder präzise Anleitung ist der Klub kaum zu finden. Er befindet sich in einem gutbürgerlichen Wohnviertel, links und rechts stehen stattliche Privathäuser. Kein Schild und keine Leuchtreklame weisen den Weg. Man schreitet einfach durch eine Gartenpforte und betritt einen Kellerraum, aus dem einem die Musik sogleich entgegenschallt. Der Raum versprüht den Charme des Heruntergekommenen: Die Decken sind niedrig und das Mobiliar sieht aus, als hätte es jemand am Tag der Sperrmüllabholung von der Straße gesammelt. Der Boden ist mit Ziegeln ausgelegt und so uneben, dass man aufpassen muss, sich nicht mitsamt seinem frisch gezapften Bier auf die Nase zu legen. Zu dieser Atmosphäre passen Bands wie die „Bouchací šrouby“ natürlich hervorragend.

 

Als nächstes treten „Sdružení rodičů a přátel RoPy“ („Vereinigung der Eltern und Freunde des Erdöls“) auf, ein Klassiker der tschechischen Indie-Musik. Bei Punkgitarren und Beats, die fast nach Drum’n‘Bass klingen, steigt die Temperatur im Rafklub schnell an. Es wird getanzt, getrunken und geredet, die Stimmung ist ausgelassen.

 

Der Rafklub hat als Treff punkt der alternativen Szene eine lange Tradition. Er existiert bereits seit den 80er Jahren und war während des Kommunismus Schauplatz geheimer Konzerte. Angeblich ist hier auch die legendäre tschechische Untergrundband „Pražský Výběr“ aufgetreten, die von 1983-1986 vom Regime offiziell verboten war. Leider gehört der Rafklub heute zu den letzten Etablissements seiner Art. Nach der Samtenen Revolution und der gleichzeitig einsetzenden Liberalisierung hat die alternative Szene einiges an Reiz und damit Popularität verloren.

 

Die heutige alternative Musikszene ist oftmals immer noch kritisch gegenüber der Politik. Doch die Texte können noch so verächtlich oder unanständig sein, verboten werden sie nicht mehr. Dennoch sind die Musiker und ihr Publikum Rebellen: Sie suchen nach völlig neuen musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten und einem ungewöhnlichem Umgang mit Sprache. Das beinhaltet eine bewusste Absage an die immer gleiche, leicht verdauliche Musik aus dem Radio. Und kommerzielle Interessen stehen bei den Bands und bei den Betreibern des Klubs wohl kaum im Vordergrund – der Eintritt ist frei, ein Bier kostet 25 Kronen. Gut, dass es in Prag immer noch einen Untergrund gibt.

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