Aktuelle Seite: StartseiteForum

Anzeige

Wirtschaftsuniversität Prag VŠE

Verantwortung für Europa

Auf dem Bundestreffen derAckermann-Gemeinde stand neben dem Miteinander vor allem Europa im Vordergrund.

 

„Es hat sich positiv auf die Toleranz ausgewirkt, dass in Bautzen immer Sorben und Deutsche zusammen lebten“, erzählt Michael Lorenz, ehemaliger Schauspieler am Deutsch-sorbischen Volkstheater Bautzen, dem einzigen zweisprachigen Theater Deutschlands, im Rahmen des Bundestreffens der Ackermann-Gemeinde. Die sächsische Kleinstadt ist bis heute die Hauptstadt der Sorben, der kleinsten westslawischen Volksgruppe, die keinen eigenen Staat hat. So wird am Bautzener Volkstheater deutsch und sorbisch gesprochen und alle Straßenschilder und öffentlichen Gebäude sind zweisprachig beschriftet. Zum Thema Toleranz erzählt Lorenz, dass nach der Reformation im Jahre 1520 die Katholiken von hier nicht vertrieben wurden. Stattdessen wurde die erste deutsche Simultankirche eingerichtet – der Bautzener Petridom.

 

Diese tolerante Vergangenheit mag mit ein Grund sein, warum sich die Ackermann-Gemeinde entschieden hat, ihr diesjähriges Bundestreffen in Bautzen abzuhalten. Möglicherweise waren es auch die vielen Dinge, die es in und um Bautzen zu entdecken gibt. Vielleicht aber auch einfach die Lage Bautzens im Dreiländereck nahe Polen und Tschechien. Ist die Freundschaft zwischen den Ländern doch ein zentrales Thema der Ackermann-Gemeinde.

 

„Gegründet wurde die Ackermann-Gemeinde von Vertriebenen aus Böhmen, Mähren und Schlesien. Von katholischen Vertriebenen, die sich dann zusammengeschlossen haben und überlegt haben, was sich aus ihrem Schicksal heraus für ein Auftrag ergibt“, erzählt Matthias Dörr, Bundesgeschäftsführer der Vereinigung. „Unser Hauptanliegen ist die Gestaltung der deutsch-tschechischen Nachbarschaft und auch der Nachbarschaft zur Slowakei“, erzählt er weiter. „Das tun wir aus christlicher Verantwortung heraus“, betont Dörr.

 

Darüber hinaus versuchen die Ackermänner auch, ganz Europa mitzugestalten. Deshalb wurde als Motto des diesjährigen Treffens „Europa: unsere Verantwortung“ gewählt. „Denn die Fragen, die in Europa derzeit aktuell sind, gehen uns alle an“, sagt Dörr, „uns als engagierte Bürger und auch als engagierte Christen.“

 

Versöhnung statt Vergeltung

Die Ackermann-Gemeinde gründete sich bereits 1946, kurz nach der Vertreibung aus dem Sudetenland. Von Menschen, denen es nicht um Vergeltung und Wiedererlangung des verlorenen Eigentums ging, sondern von Anfang an um Versöhnung. Seit nun bald siebzig Jahren geben die Mitglieder Schriften zur deutsch-tschechischen Geschichte heraus, organisieren Begegnungen und leisten finanzielle Hilfen, zum Beispiel für den Wiederaufbau und die Pflege christlicher Bauten in Tschechien. Außerdem unterstützen sie die deutsche Minderheit und allgemein Katholiken in Tschechien. Und das bereits seit kommunistischen Zeiten, als Gläubige es in dem Land nicht leicht hatten. Dabei arbeitet sie mit zahlreichen Partnerorganisationen zusammen.

 

Dass die Ackermann-Gemeinde bereits sehr lange existiert, sieht man am Alter vieler Mitglieder, die zum Bundestreffen angereist sind. Jedoch sieht man auch jüngere und ganz junge Gesichter. Wie die von Anežka Rázková und Martha Hartmann. Die beiden sind Bundessprecherin beziehungsweise Mitglied im Bundesvorstand der Jungen Aktion – des Jugendverbands der Ackermann-Gemeinde.

 

Martha ist, wie viele der Mitglieder, mit der Gemeinde aufgewachsen. Ihre Eltern waren dabei und sie ist früh schon auf Kinderfreizeiten des Verbands gefahren. Heute ist die 21-Jährige aus Deutschland immer noch gerne ein Teil der Gemeinschaft. „Meine Bekannten, die nichts mit der Jungen Aktion zu tun haben, haben keine Kontakte nach Tschechien und auch nicht viel Interesse“, bedauert sie. Ihr gefällt an der Jungen Aktion die Mischung aus der Bearbeitung aktueller Themen und Kontakten mit dem Nachbarland unter einem christlichen Aspekt.

 

Die 23-jährige Tschechin Anežka mag, „dass man dabei immer etwas Neues lernt, von Fachleuten etwas erfährt, aber auf der anderen Seite die Abende immer lustig sind.“ Anežka hat keine sudetendeutsche Verwandtschaft, sie ist über Freunde zur Jungen Aktion gekommen. Wie ungefähr die Hälfte der jungen Mitglieder. Der Verband ist also längst nicht mehr nur auf die Vertriebenen und deren Nachkommen beschränkt, sondern wandelt sich mehr und mehr zu einem deutsch-tschechischen katholischen Verband. Im Jahre 1999 wurde so auch eine Ackermann-Schwester, die Sdružení Ackermann-Gemeinde gegründet, die den Verband in Tschechien repräsentiert.

 

Europa im Herzen

Auf ihrem Treffen boten die Ackermänner ein abwechslungsreiches Programm. Im Mittelpunkt stand die Diskussion über Europa und seine aktuelle Lage. So fanden im Laufe des Wochenendes zwei Podiusmdiskussionen statt, an denen hochrangige Wissenschaftler und Politiker teilnahmen. Unter ihnen Jan Sokol, einer der Erstunterzeichner der Charta 77, und Vladimír Špidla, ehemaliger Vorsitzender der ČSSD.

 

Tenor der Diskussionen war, dass Europa trotz der Krise, in der es sich momentan befindet, die Lösung für die aktuelle Situation sein sollte, und dass alle engagierten Bürger mit für die Gestaltung Europas verantwortlich sind. Im Zeichen dieser allgemeinen Verantwortung, besonders für die deutsch-tschechischen Beziehungen, wurde am Ende des Treffens die „Versöhnungsmedaille der Ackermann-Gemeinde im Gedenken an Hans Schütz“ verliehen. Sie ging an die tschechische Bürgervereinigung „Antikomplex“, mit der die Ackermann-Gemeinde immer wieder zusammenarbeitet, und die sich für die Aufarbeitung der sudetendeutschen Geschichte in Tschechien einsetzt.

 

Um dieses Kernprogramm herum gab es jedoch vielfältige weitere Angebote. Es wurden mehrere Ausstellungen gezeigt, darunter die Ausstellung „Verblieben in der Heimat“ der Landesversammlung der Deutschen in Böhmen, Mähren und Schlesien. Die Teilnehmer hatten die Möglichkeit, die ehemalige Stasi-Sonderhaftanstalt Bautzen II zu besichtigen und an verschiedenen Ausflügen teilzunehmen. Unter anderem konnten sie in Pirna eine ehemalige Euthanasie-Anlage der Nationalsozialisten besichtigen, sie konnten sich im Schluckenauer Zipfel über die Roma-Minderheit informieren oder ein christliches Jugendfestival im Kloster St. Marienthal besuchen.

 

Die mittelalterliche Stadt Bautzen selbst lud natürlich auch zur Besichtigung ein – entweder auf eigene Faust, oder im Rahmen der Aktion „Stadt der lebendigen Bücher“, bei der Bürger wie Michael Lorenz über verschiedene Aspekte der Geschichte der Stadt berichteten.

 

Um die europäische Idee auch bei den kleinsten Ackermännern und -frauen zu wecken, wurde ein Malwettbewerb zum Thema Europa ausgerufen. Das Siegerbild wurde ein großes Herz, das alle europäischen Flaggen in sich vereinigt.

Kommentar schreiben


Sicherheitscode
Aktualisieren

Aktuelle Artikel - Radio Prag

Zitat des Tages

Frank Thie
Frank Thieß: „Pervers: was dem anderen missfällt.“
von zitate-online.de

Unsere Kooperationspartner

 

tschechien-online

prag-aktuell

Man spricht Deutsch

Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren

Verlag Host Brno

kidscompany

x



Das LandesEcho wird gefördert durch:
Institut für Auslandsbeziehungen (ifa)         ministerstvo-kultury-mini

Zum Anfang

Copyright © 2014 Landesversammlung der Deutschen in Böhmen, Mähren und Schlesien. Alle Rechte vorbehalten.