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Vergangenheit und Zukunft der Stiftungen

Foto: Stadtansicht von Sathmar - Bild: Commons/Pixi, CC BY 2.5

Die deutschen Minderheiten in Polen, Rumänien, in der Slowakei und Tschechien verfügen über Wirtschaftsstiftungen. Wie die meisten unserer Strukturen, wurden auch diese Stiftungen meistens zwischen 1991 und 1995 gegründet. Die Stiftung in Sathmar feiert dieses Jahr ihr 25-jähriges Jubiläum. Anlässlich dieser Gelegenheit hat die Baden-Württemberg International Gesellschaft (BWI), die die Förderung der deutschen Minderheiten verwaltet, zu einem Workshop eingeladen.

Der Zweck des Treffens war es, Erfahrungen auszutauschen, eventuelle Kooperationsmöglichkeiten zu besprechen und sich Gedanken über die Zukunft zu machen.

Da die deutschen Siedlungsgebiete in Rumänien zehn Stunden Autofahrt voneinander entfernt sind, gibt es dort sogar fünf Stiftungen von Bukarest bis Sathmar (Satu Mare). In Polen hat die Stiftung für die Entwicklung Schlesiens ihren Sitz in Oppeln (Opole), die Karpatendeutsche Assoziation befi ndet sich in Kaschau (Košice) und die gemeinnützige Gesellschaft BOHEMIA Troppau (Opava) hat ihren Sitz schon in ihrem Namen.

Zeiten ändern sich

 Das letzte Treffen fand 2001 statt. In den fünfzehn Jahren hat sich bei den Wirtschaftsstiftungen einiges geändert. Die polnische Stiftung führt viele andere Förderprojekte durch, ist auf 28 Mitarbeiter angewachsen und spielt mit 40 Millionen Euro Bilanzsumme in einer ganz anderen Liga. Die anderen sind ähnlich groß und dreißigmal kleiner als die Oppelner.

Die Stiftungen kümmern sich meistens auch um die Verwaltungs- und Projektmittel der deutschen Minderheit. In Tschechien ist das getrennt, die konsumtiven Mittel verwaltet die Landesversammlung selbst. Alle deutschen Vereine verfügen über viele Immobilien. In Tschechien haben wir nur zwei – das Büro in Prag und das Haus in Komotau (Chomutov). In Rumänien besitzt man auch einige Altersheime.

Anfang der Neunziger sagte uns die Bundesrepublik Deutschland, sie würde uns die Starthilfe fünf bis zehn Jahre gewähren und wir wären danach auf Selbsthilfe angewiesen. Es sind inzwischen 25 Jahre daraus geworden. Das Ziel, die Betriebskosten annähernd zu decken, wurde nur in Polen und Tschechien erreicht. In Polen durch starkes Wachstum und Einbeziehen der Landesprojekte, in Tschechien durch extreme Sparsamkeit und weitere Jobs, die zusätzlich ausgeübt werden müssen.

Förderung bleibt notwendig

Im Laufe der Jahre wurde klar, dass keine Minderheit, seien es die Sorben in der Lausitz, oder die Slowaken in Prag, ohne öffentliche Hilfe überleben kann. In Rumänien bezahlt der Staat einen Betriebskostenzuschuss für die deutsche Minderheit, bei uns nicht. Doch selbst ein Betriebskostenzuschuss vom tschechischen Staat reichte bei Weitem nicht aus, um unsere Strukturen zu erhalten.

Seit Anfang der Neunziger hat sich Tschechien verändert. Es ist ein EU-Land, das kaum Hilfe von der EU bekommt, da es sich wirtschaftlich so sehr entwickelt hat. Die neuen staatlichen Beamten sind ausgebildet, kompetent und leben in der Gedankenwelt des europäischen Mainstreams. Sie sprechen mehrere Sprachen, sind urban und liberal. In einer solchen Welt gibt es nicht viel Platz für Dialekte oder Minderheitenzeitschriften.

Auch Kreditwesen, Vereinsleben und Reichtum, beziehungsweise die Bereitschaft zu spenden, haben sich in Tschechien dramatisch entwickelt. Man betrachte nur die Vielfalt der verschiedenen Stiftungen oder der Projekte des Deutsch-tschechischen Zukunftsfonds.

Seit Anfang der Neunziger hat sich auch Deutschland verändert. Die Generation der Beamten, die die Ost-West-Trennung erlebt hat, ist weg. Irgendwelche Nachkriegsleiden oder das deutsche Erbe des Adlergebirges scheinen weit in die Vergangenheit zu geraten.

Früher hatte man Unternehmensgründungen finanziert, um eine Fluchtwelle zehntausender Deutschsprachiger aus Rumänien nach Deutschland zu verhindern. Heute braucht man solche Arbeitskräfte in Deutschland. Früher hatte man davon gesprochen, wie wichtig es ist, dass man kleine und mittelgroße Unternehmen und dadurch die Marktwirtschaft fördert, heute spricht dort nur noch die FDP davon.

Deutschlands politische Rolle ist gewachsen. Heute denken die Beamten weltweit. Es gibt Probleme im nahen Osten oder in Mali zu lösen, Zelte nach Syrien oder Polizeikräfte nach Afghanistan zu schicken. Angesichts der Lage in diesen Regionen scheinen wir mit unseren Trachten und Kaffeeklatsch in einer völlig sorglosen Welt zu leben.

Langfristig denken

Auch die deutsche Minderheit ändert sich. Na gut, wer hätte 1991 gedacht, dass es 2016 immer noch zwei getrennte Dachorganisationen in Tschechien geben würde? Aber sonst spüren wir mancherorts die Öff nung, das Einbeziehen der Mehrheit, der Schulen. Jetzt, wo die Nachkriegsgeneration in Rente geht, ist sie auch bereit, mehr zu leisten. Mit der Jugend wird es immer schwer sein, da sind oft die Deutschkurse ein erster Schritt. Es muss aber ein weiteres Angebot folgen, sonst verlieren wir alle. Es sind die „Neudeutschen“ in Prag und im Egerland anzusprechen.

Die heutige Welt ist in Bewegung. Kaum jemand lebt das ganze Leben in seinem Geburtsort. Die Engagierten werden sich also von einem Verein zum anderen bewegen. Das ist auch zu verkraften. Vielleich verlieren wir gänzlich den lokalen Charakter und werden flächendeckende Projekte durchführen. Insbesondere grenzüberschreitende EU-Projekte sind eine Möglichkeit.

Die Hauptumgestaltung hat aber erst begonnen. Als guter Verwalter muss man langfristig planen, auch über die eigene Amtszeit hinaus. Die Finanzierung von Betriebskosten durch Tschechien ist ein Langstreckenlauf und das Ziel liegt noch in weiter Ferne. Man muss aber die ganze Strecke absolvieren.

Dieser Artikel erschien im LandesEcho 10/2016.

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